Eine kurdische Bürgermeisterin in der Türkei

Der Dokumentarfilm „Dil Leyla“ zeigt die Geschichte einer der jüngsten Bürgermeisterinnen dort - einer in Deutschland aufgewachsenen Kurdin.
Von Charlotte Bastam
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Leyla Imret bei einer Kundgebung in ihrem Geburtsort Cizre.

Foto: Essence-Film

Leyla Imret befindet sich im Exil. Denn an ihrem Geburtsort und ihrer Heimat, dem überwiegend kurdischen Cizre im Südosten der Türkei, kann sie nicht mehr zurück. Obwohl oder gerade weil sie dort fast zwei Jahre Bürgermeisterin war – und das mit 26 Jahren. Die Regisseurin Asli Özarslan hat ihre Geschichte in ihrer Abschlussarbeit, dem bewegenden Dokumentarfilm „Dil Leyla“, aufgegriffen und erzählt. Gerade jetzt durch die türkische Offensive auf die Stadt Afrin ist sie hochaktuell. Am Donnerstagabend wurde er in einem komplett vollen Hörsaal der Universität München gezeigt.

Die Regisseurin Asli Özarslan ist immer nah dran an der jungen, sehr ernsthaft und stark wirkenden Leyla Imret. Man sieht sie in ihrer kurdischen Heimat in Cizre als neugewählte Bürgermeisterin, wie sie den Kontakt zu den Menschen sucht, Parkanlagen und Spielplätze plant und Kindern das Fernbleiben von Panzern verspricht, aber auch wie sie die Familie im ruhigen Bremen besucht, dem Ort an dem sie aufgewachsen ist. Immer wieder wechselt der Film zwischen diesen beiden Orten. Der Kontrast wird gekonnt von Asli Özarslan genutzt: Wie zwei verschiedene Welten scheinen sie zu sein, deren Bewohner dennoch miteinander verwandt sind und sich umeinander sorgen.

Während den Auseinandersetzungen zwischen der türkischen Armee und Kämpfern der PKK Anfang 2016 in Cizre, bricht der Kontakt zwischen Asli Özarslan und Leyla Imret ab. Durch die Familie in Bremen erfährt man aber trotzdem von den gewalttätigen Unruhen und der von der türkischen Regierung auferlegten Ausgangssperre. In Cizre geht es besonders gewalttätig zu: Es kommt zu Schießereien, Menschen verbrennen in ihren Häusern. Türkische Oppositionsparteien sprechen anschließend von einem Massaker, das an den Kurden verübt wurde. Die Zahlen schwanken stark: Es gibt Angaben zwischen 60 und 145 Todesopfern.

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Karte: SZ-Grafik

Auch der Film beginnt mit Gewalt. Es sind Originalaufnahmen des Massakers an der kurdischen Bevölkerung in Cizre 1993. Schon damals kam es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen dem türkischen Staat und kurdischen Rebellen. Zuerst sieht man singende und tanzende Menschen in bunter Kleidung, die zusammen Newroz, das kurdische Neujahrsfest, feiern. Doch dann rollen Panzer an und bringen die Menge auseinander, man hört Rufe und Schreie, schließlich Schüsse und sieht wie Menschen in Fahrzeuge gezerrt werden. Im Hintergrund hört man die Stimme von Leyla Imret: Sie kann sich noch gut erinnern an das viele Blut und die toten Menschen – damals, als sie noch ein Kind war.

Es zeigt die politische Lage in Cizre, bevor Leylas Mutter sie nach Deutschland zu ihrer Tante nach Bremen schickte.

In Deutschland wuchs Leyla auf, war 20 Jahre von ihrer Heimat, ihrer Mutter und ihren Geschwistern getrennt. Ihr Vater, ein hochrangiges PKK –Mitglied, wurde erschossen, als sie fünf Jahre alt war. Liebevoll nennt die Tante in Bremen sie: „Das Geschenk meines Bruders.“

Mit 18 wurde sie beinahe abgeschoben, konnte dies aber verhindern, da sie eine Ausbildung begann, auch wenn sie lieber ihr Abitur gemacht und studiert hätte. Doch dann wollte sie die Wahrheit über ihre Herkunft wissen und beschloss, dorthin zurückzukehren.

Deswegen reiste sie 2014 nach Cizre. Im Film erzählt sie von dem Gefühl am Grab ihres Vaters ihre Heimat gefunden zu haben. Von da an wollte sie nicht mehr weg und kandidierte sogar wenige Monate nach ihrer Ankunft für das Amt der Bürgermeisterin.

Doch wieso wählten die Bürger von Cizre eine so junge Frau, die dazu noch fast ihr komplettes Leben in Deutschland und nicht in der Türkei verbracht hatte? Die Antwort wird nicht im Film, sondern danach von Leyla selbst beantwortet: In Deutschland war sie nie besonders politisch gewesen. Doch dann engagierte sie sich im Kulturverein von Cizre und traf dort auf Kandidaten für die anstehende Kommunalwahl im März 2014. Schließlich wurde Leyla dazu aufgefordert, sich ebenfalls aufzustellen. Und das tat sie dann auch, weil sie ihren Vater stolz machen wollte und gleichzeitig Verantwortung für das Leben der Menschen in Cizre spürte.

Erst waren die Mitglieder der ortsansässigen HDP, die prokurdische Linke Arbeiterpartei, verwundert über die junge Frau aus Deutschland. Doch schließlich stellten sie Leyla als ihre Kandidatin auf. Für Leyla liegt das zum einem an ihrem Vater, der in der Stadt bekannt und beliebt war, und zum anderen daran, dass sie ihr bequemeres Leben in Deutschland für die Menschen in Cizre aufgab, was von den Menschen vor Ort sehr geschätzt wurde.

Immer wieder blickt die tiefe Liebe und Bindung, die sie zu ihrem Vater verspürt, durch. Dil Leyla hatte er sie genannt: „Leyla mein Herz“. Im Film beschreibt sie, wie sie nur in Cizre ihrem Vater nah sein kann.

Etwa anderthalb Jahre blieb sie Bürgermeisterin bis ein Interview mit der „Vice“ zu ihrer Absetzung führte. Angeblich sagte sie darin unter anderem, dass die Kurden in einem Bürgerkrieg leben würden. Dies wurde von regierungsnahen türkische Medien und dem türkischen Innenministerium als Aufwiegelung empfunden. Leyla Imret verneint, das jemals so gesagt zu haben. Sie wurde falsch übersetzt und zitiert. Obwohl sie das Originalinterview als Beweis darbrachte, läuft der Prozess noch heute.

Auch wurde sie seitdem mehrmals festgenommen. Zwar ließ man sie jedes Mal aufgrund mangelnder Beweise wieder frei, doch die Situation war zu heikel, um zu bleiben. Und so musste sie nach Deutschland zurückkehren.

 

Im Gespräch mit dem Publikum macht Leyla aber deutlich, dass sie wieder zurück will in ihre Heimat, zu ihren Leuten. Bis dahin kämpft sie in Deutschland weiter und macht mit dem Film auf die Gewalt gegen Kurden in der Türkei aufmerksam. Gerade jetzt ist das Thema aufgrund der türkischen Offensive gegen das kurdisch besetzte Gebiet um Afrin in Nordsyrien wieder sehr aktuell. Für sie ist klar: Erdoğan will um jeden Preis verhindern, dass die Kurden autonom werden oder sogar ihren eigenen Staat gründen. Was bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen von 2016 in Cizre passierte, geschehe nun in Afrin.

Asli Özarslan hat mit ihrem Abschlussfilm einen bewegenden und ausdrucksstarken Film geschaffen, der nicht nur sehr gut Leyla Imret porträtiert, sondern auch das Leben vieler Kurden in der Türkei, die mit der immer wiederkehrenden Gewalt leben müssen. „Dil Leyla“ ist unter anderem für den Grimme Preis 2018 in der Kategorie „junger Dokumentarfilm“ nominiert.

 

„Dil Leyla“ kann man unter anderem noch zu folgenden Terminen sehen:

  • 31.01.18 Andreasstadel Regensburg
  • 02.02.18 Capitol Marburg
  • 02.03.18  VHS Krefeld
  • 15.03.18  Gloria Heidelberg
  • 21.03.18  Filmhaus Nürnberg

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