„Ich denke, dass wegen Kemmerich mehr Menschen zur Nazi-Demo kommen“

Am Samstag wollen bis zu 1500 Nazis durch Dresden marschieren. Johannes ist Mit-Organisator des Gegenprotests.
Interview von Caroline Kunz

Foto: Ronald Bonß / dpa

Donnerstag jährte sich der Bombenangriff auf Dresden zum 75. Mal. Bis zu 25 000 Menschen starben am 13. Februar 1945 und in den Tagen danach im Bombenhagel und im Feuer.  Das Gedenken an diesen Tag ist für die Stadt nicht leicht, rechte Gruppen versuchen immer wieder den Tag zu instrumentalisieren, auch dieses Jahr: Am Samstag versammeln sich in der Dresdner Innenstadt Neonazis zu einem sogenannten Trauermarsch. Angemeldet wurde der Zug von der NPD, man rechnet bisher mit etwa 1000 bis 1500 Teilnehmenden. Doch traditionell gibt es auch Gegenprotest. Johannes Schuhmann gehört zur Gruppe „HOPE – fight racism“. Sie ist Teil des Bündnisses „Dresden Nazifrei“. 

jetzt: Seit den 90er Jahren instrumentalisieren Nazis den 13. Februar als Gedenktag. Wie funktioniert dieses Narrativ? 

Johannes Schuhmann: Nazis framen den Bombenangriff auf Dresden von 1945 als alleinstehendes Ereignis. Das heißt, sie betrachten den 13. Februar vom zweiten Weltkrieg entkoppelt. So rechtfertigen sie ihre Ansicht, dass das ein ungerechtfertigter, schlimmer Angriff gewesen sei. Die Stadt sei unschuldig gewesen. 

Was haltet ihr dem entgegen?

Wir versuchen aufzuklären. „Dresden Nazifrei“ veranstaltet seit vielen Jahren einen Mahngang. Wir erklären: Hier war die NS-Zentrale, hier haben die Nazis gewohnt, hier haben Gefangene gearbeitet, hier wurden jüdische Menschen eingesperrt. Und auf den Demos am 13. und 15. Februar zeigen wir auf der Straße noch einmal, dass Dresden eine rechte Stadt mit Kriegsindustrie war.

Am 13. Februar gibt es jedes Jahr eine Menschenkette um die Dresdner Innenstadt. Sie steht neben dem Erinnern auch für den heutigen Kampf gegen Nazis. Die Kette geht euch nicht weit genug. Warum?

Die Menschenkette ist ein schönes Zeichen – aber eben nicht mehr. Die Leute stehen da und umschließen die Innenstadt, um sie vor Nazis zu schützen. Aber die kommen einfach später und dann sind die 11 000 Menschen, die dieses Jahr gekommen sind, nicht mehr da. Wenn die Menschenkette am 15. Februar wäre, also dem Tag, an dem die Nazis dieses Jahr wirklich durch Dresden marschieren, fände ich sie sinnvoll.

Für den Naziaufmarsch am Samstag werden 1000 bis 1500 rechte Teilnehmende erwartet. 2013 waren es noch 600 bis 800. Woran liegt dieser Anstieg?

Aus unserer Sicht hat die AfD vor allem in Sachsen die Anschlussfähigkeit für diesen rechten Gedenktag geschaffen. Wir sehen bei den Nazidemonstrationen inzwischen auch viele Menschen, die wir montags bei Pegida sehen. Da sind nicht mehr nur die glatzköpfigen Faschos, die mit Fackeln rumlaufen.

„In Zeiten wie jetzt fehlen die Leute auf der Straße“

Es ist noch keine zwei Wochen her, dass die AfD dem mittlerweile Ex-Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich von der FDP in Thüringen zur Wahl verhalf. Fühlt es sich nun anders an, einen Naziaufmarsch verhindern zu wollen?

Nein. Traurigerweise haben wir uns in Sachsen an solche Skandale ja bereits gewöhnt. Aber: Ich denke, dass wegen Kemmerich mehr Menschen zur Nazi-Demo kommen. Viele finden es falsch, wie die Dinge abgelaufen sind. Sie geben sich der Verschwörungstheorie hin, dass Merkel eine Diktatorin sei. 

In Erfurt findet am Samstag auch eine Demo gegen rechts statt. Auf Twitter wirkte es so, als ob es deswegen Streit gäbe zwischen euch und den Anmelder*innen in Erfurt. Ist es nicht eher gut, wenn es zwei Demos gibt? 

Ja, das ist völlig okay. Mittlerweile haben wir uns mit den Veranstalter*innen von „unteilbar“ ausgesprochen. Es ist blödsinnig, gegeneinander zu spielen. Das Problem war nur, dass wir von der ganzen Sache vorher nichts wussten und daher überrascht waren. Aber wir sind der Meinung, dass es wichtig ist, in beiden Städten zu demonstrieren. Und das kriegen wir auch hin.

Kommen die Menschen nur in Scharen zu linken Demos, wenn da berühmte Bands spielen – wie bei #WirSindMehr in Chemnitz? 

Ja, das fällt uns auch auf. Wenn wir eine große Band holen oder ein riesiges Programm ankündigen, kommen sehr viele Menschen. Aber wenn es einfach nur darum geht, gegen Nazis und Faschist*innen zu demonstrieren, bleiben die Leute eher weg. Demonstrieren ist irgendwie zum Event geworden. Das finde ich sehr traurig, weil es eigentlich darum gehen sollte, für Menschenrechte einzustehen. In Zeiten wie jetzt, in denen es extrem nach rechts geht, fehlen die Leute auf der Straße.

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