"Dass sich CDU und CSU dafür aussprechen, finde ich scheinheilig"

Am Freitag soll der Bundestag über die Ehe für alle abstimmen. Wir haben Homosexuelle gefragt, was ihnen das bedeutet.
Protokolle von Lara Thiede und Josef Wirnshofer

Michel, 23, studiert Skandinavistik 

ehefueralle michel jetzt
Foto: privat

Für mich wird sich wahrscheinlich gar nicht viel ändern, wenn die Ehe für alle kommt. Ich habe noch nie darüber nachgedacht, ob ich jemanden heiraten möchte oder nicht, weil ich das Konzept „Ehe“ nicht so überzeugend finde. Mir ist es zum Beispiel viel wichtiger, dass das Adoptieren für Homosexuelle erleichtert würde. 

Andererseits ist es natürlich auch schön, zu wissen, dass es mir theoretisch erlaubt wäre, zu heiraten. Ich finde an der Ehe für alle vor allem eines gut: Sie ist ein wichtiges Signal. Viele finden Homosexualität abschreckend und wissen deshalb auch nichts über homosexuelle Partnerschaften. Ich glaube, dass homosexuelle Ehen solchen Menschen zeigen könnten, dass auch gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen sehr „normal“ sein können, dass eben nicht alles künstlich schwul aufgeplustert wird.

Wenn die Ehe für alle kommt, haben wir das politisch meiner Meinung nach den Aktivisten zu verdanken. Zum Beispiel Schwulen- und Lesbenverbänden, die sich seit Jahrzehnten dafür einsetzen. Klar hängt es jetzt am Ende an den Großen, an den Politikern, das Ganze durchzusetzen. Aber ich finde es ehrlich gesagt schwierig, wenn die SPD das jetzt wieder aufwärmt, um Wählerstimmen zu holen. So kommt es rüber, als wäre es deren Errungenschaft. Mein Wahlverhalten wird sich jedenfalls nicht nur wegen der Ehe für alle ändern. Denn selbst, wenn ich schwul bin und die Ehe für alle gerne hätte, muss ich mir auch die anderen Inhalte einer Partei anschauen: Flüchtlingspolitik, Bildung und Gleichstellung von Frau und Mann sind zum Beispiel Themen, die mir sehr wichtig sind. Sogar wichtiger, als die Ehe für alle.

Karo, 36, Journalistin und Musikerin

caro u berarbeitet
Foto: privat

Ich glaube, dass Angela Merkel noch nie besonders viel gegen die Ehe für alle hatte. Wenn sie sich öffentlich dagegen ausgesprochen hat, hatte ich den Eindruck, dass das nicht unbedingt ihre persönliche Überzeugung war. Sondern dass sie geglaubt hat, dass die Gesellschaft noch nicht dafür bereit ist. Vielleicht ist in letzter Zeit aber auch der Druck aus den eigenen Reihen größer geworden.

Unter jenen Menschen, die sich nicht zwischen Union und SPD entscheiden können, kann ich mir vorstellen, dass Merkel damit noch Leute auf ihre Seite holt. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass sie mit dieser Entscheidung eher Wähler gewinnt als verprellt. Denn wer die Ehe für alle ablehnt, wählt im Zweifelsfall ohnehin die AfD.

Was die Abstimmung für mich bedeutet? Ich bin kein Mensch, der die Ehe für besonders sinnvoll hält, solange es nicht darum geht, Dinge zu vereinfachen. Das Sorgerecht bei Kindern zum Beispiel. Ich würde also nicht um der ideellen Sache wegen heiraten wollen. Ich bin mit meiner Freundin seit über 16 Jahren zusammen, und das hat bislang auch ohne Ehe ganz gut geklappt. Wenn es steuerliche Vergünstigungen gäbe, dann würde ich es in Erwägung ziehen. Würden wir uns fürs Heiraten entscheiden, dann quasi aus administrativen Gründen. Aber ich finde es natürlich sehr gut, dass wir mit der Ehe für alle einen Schritt in die Richtung machen, wo alle Menschen die gleichen Rechte haben.

Jasmin, 28, studiert Soziale Arbeit

Nachdem sich die Diskussion über die Ehe für alle schon seit Jahren zieht, bin ich ein wenig überrascht, dass es jetzt so schnell gehen soll. Damit habe ich in diesem Wahlkampf eigentlich nicht mehr gerechnet. Die SPD hat ja zigmal versucht, darüber abstimmen zu lassen, und jedes Mal wurde das von der Union geblockt. Für mich klingt Merkels Aussage mehr nach politischem Kalkül, weniger danach, dass sie wirklich dahinter steht. Sonst hätte sie schon viel früher dafür einstehen können, dass wir die gleichen Rechte verdient haben wie alle anderen. Ich kann mir vorstellen, dass sie damit Stimmen fangen möchte. Es gibt zwar Leute, die die Ehe für alle ablehnen, ich glaube aber, dass das mittlerweile eine Minderheit ist.

 

Trotzdem finde ich es natürlich super, dass jetzt darüber abgestimmt wird. Ein Schritt, der lange, lange fällig war. Ich gehe auch davon aus, dass die Abstimmung positiv ausfällt, deswegen spüre ich eine gewisse Vorfreude. Aus politischer und gesellschaftlicher Sicht halte ich das für ein extrem wichtiges Zeichen. Gerade in einer Zeit, in der rechte Sitmmen wieder lauter werden.

 

Für mich persönlich ändert es nichts. Ich mag das Konstrukt Ehe nicht und brauche auch keinen Zettel, der mir eine Beziehung bestätigt. Erst recht, wenn ich mir anschaue, wie viele Scheidungen es gibt. Aber für alle, die sich eine Hochzeit wünschen, freut es mich.

 

Yannik, 22, studiert Psychologie

ehefueralle alejandro yannik jetzt

Yannik (rechts) und sein vielleicht bald schon offizieller Ehemann Alejandro.

Foto: privat

Jeder sollte das Recht haben, seine Liebe zu zelebrieren. Im Grunde finde ich zwar auch eine eingetragene Lebenspartnerschaft nicht schlecht dafür, aber sie hat doch immer einen üblen Beigeschmack – eben weil sie lange die einzige Möglichkeit für Homosexuelle war, ihre Partnerschaft anerkennen zu lassen. Ich selbst möchte meinen Freund deshalb auf jeden Fall heiraten, wenn es möglich ist. Für mich bedeutet der Schritt hin zur Ehe für alle tatsächlich auch einen Schritt nach vorne für Deutschland. Er würde zeigen, dass wir wirklich alle gleich sind, und nicht ein paar dann doch ein bisschen gleicher als die anderen. Man würde öffentlich anerkennen, dass homosexuelle Liebe keine Abartigkeit, sondern etwas Schönes ist.

 

Wenn die Ehe für alle kommt, würde ich sagen, dass man das auch den Grünen zu verdanken hat, denn die stehen seit Jahren dahinter und setzen sich dafür ein. Dass sich jetzt beispielsweise auch CDU und CSU teilweise dafür aussprechen, finde ich scheinheilig. Ihre Werte sind nun mal konservativ und dazu gehört auch das Familienmodell aus Vater, Mutter und Kindern. Ich glaube nicht, dass sie jetzt durch diese Änderung mehr Wählerstimmen gewinnen. Ich glaube, sie verlieren dadurch eher welche. Es sind ja schon genug von der Union zur AfD abgedriftet, weil CDU und CSU immer weiter nach links rücken. Nur weil einige Parteien jetzt plötzlich auf den Regenbogenzug aufspringen, heißt das nicht, dass ich die dann auch wählen werde.

  • teilen
  • schließen