Themar wehrt sich gegen sein Nazi-Image

Am Samstag findet in der Stadt in Thüringen wieder ein rechtes Konzert statt. Doch es gibt kreativen Widerstand.
Protokoll von Annalena Sippl
thema nazikonzert cover michaela rehle reuters

Im Sommer 2017 zogen mehrere Konzerte Tausende Rechte aus ganz Europa ins thüringische Themar.

Foto: Michaela Rehle / Reuters

Der kleine Ort Themar in Thüringen wurde im Sommer 2017 bekannt, als Tausende Neonazis sich hier bei Konzerten versammelten. Diesen Samstag findet erneut eine solche Veranstaltung statt. Thomas Jakob, 37, ist gebürtiger Themaraner und verließ seine Heimat mit 19 Jahren für sein Studium. Mittlerweile kehrt er an den Wochenenden regelmäßig zurück, um gemeinsam mit anderen gegen das rechte Image seiner Heimatstadt zu kämpfen. Er hat uns von seinen Erfahrungen berichtet und welchen Protest er und seine Freunde und Mitstreiter an diesem Wochenende planen.

„In diesem Sommer haben wir in Themar eine Dimension erreicht, mit der wir nicht gerechnet hatten: Die Konzerte im Juli haben etwa 5000 Nazis aus allen möglichen Ländern hierher gezogen. Auf einer Wiese, etwa 15 Meter vom Ortsschild entfernt, haben die Auftritte stattgefunden. Man konnte den Besuchern ihre politische Motivation regelrecht ansehen, das war unverhohlener Hass. Soweit ich weiß, hat es in den vergangenen Jahren in Deutschland und selbst in Europa kein Nazi-Konzert in dieser Größenordnung gegeben. 

Am Samstag findet hier erneut ein solches Konzert statt, wir rechnen mit 700 bis 1000 Teilnehmern von Seiten der Rechten. Wir vom Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit Kloster Veßra wollen uns zusammen mit Demonstranten dem Treiben entgegenstellen – verkleidet als Superhelden, Einhörner oder Prinzessinnen. Dieses Motto haben wir ganz bewusst gewählt: Ich glaube, man muss da mit einen Quäntchen Humor rangehen, um den Rechten den Boden zu entziehen.

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Thomas Jakob ist gebürtiger Themaraner und kämpft gemeinsam mit anderen gegen das rechte Image seiner Stadt.

Foto: Privat

Das alles hat vor etwa drei Jahren begonnen, als Tommy Frenck den Gasthof in Kloster Veßra, einem Ort etwa zwei Kilometer von Themar entfernt, erworben hat. Er war schon damals in der rechten Szene kein Unbekannter und in deren Vernetzungsarbeit aktiv. Wir haben daraufhin das Bündnis gebildet, um einen Gegenpol darzustellen. Dennoch fanden seitdem immer wieder rechte Konzerte statt, zuerst allerdings in kleinerem Rahmen – und vor allem in der Gaststätte von Herrn Frenck. Durch diesen Eventcharakter hat er versucht, rechte Inhalte für Jugendliche interessant zu machen. In dieser Zeit hat er die Strukturen für größere Veranstaltungen geschaffen.

Veranstaltungsorte in ländlichen Regionen werden bewusst von der rechten Szene gewählt

Ich denke, dass Veranstaltungsorte in ländlichen Regionen, wie hier in Themar, bewusst von der rechten Szene gewählt werden. Für uns ist es recht schwierig hier Gegenprotest aufzubauen und anzuziehen, während die Rechten im gesamten Bundesgebiet und sogar darüber hinaus Besucher akquirieren. Der Teil der Rechten, der wirklich hier aus der Region kommt, ist nämlich gar nicht so groß.

Das riesige Medienecho war uns als Bündnis natürlich sehr willkommen, denn ein kleiner Ort kann alleine gar nicht so effizient Widerstand leisten. Wir haben damals an jeder Ortseinfahrtsstraße eine Demonstration angemeldet und es so immerhin geschafft, dass die Nazis nicht in die Stadt fahren können. Auf der anderen Seite gab es natürlich auch Berichte, die den Rechten eine Bühne geboten haben: Die Medien stürzen sich beispielsweise immer wieder auf die Figur Tommy Frenck, der in seiner Gaststätte ganz bewusst Schnitzel für 8,88 Euro anbietet. Ich finde es aber wichtig, aus Menschen wie ihm keine Ikonen zu machen. 

Diese großen Nazi-Konzerte im Juli haben die Themaraner dann aber schon gespalten: Es gab den Teil, der dagegenhalten wollte, und den, der gesagt hat: ‚Lasst sie doch machen! Die tun doch nichts, die sind harmlos.‘ Auch im Nachgang gab es diese klassischen Sprüche, wie: ‚Die haben die Wiese doch wieder schön aufgeräumt.‘ Aber so denkt der kleinere Teil der Bewohner hier.

 

„Ihr werdet schon noch sehen, was ihr davon habt“, haben sie uns gedroht.

 

Ich glaube viele waren und sind mit der Situation einfach überfordert oder fühlen sich eingeschüchtert. Auch ich habe persönlich schon Anfeindungen erlebt: Als wir im Sommer Plakate für eine Aktion aufgehängt haben, sind wir auf der Straße als ‚Zecken‘ beschimpft worden. ‚Ihr werdet schon noch sehen, was ihr davon habt‘, haben sie uns damals gedroht. Ich weiß nicht, wer das war. Die sahen nicht aus, wie klassische Extremisten, im Ort hatte ich sie aber auch noch nie gesehen.

 

Dabei hat die Region es wirklich nicht verdient, einen Imageschaden durch diese rechten Konzerte zu erleiden. Denn so habe ich Themar nie kennengelernt – dieser Ort hatte nie eine massive rechte Grundstruktur. Im Wahlkreis, zu dem Themar gehört, hat die AfD mit 23 Prozent der Zweitstimmen zwar auch relativ gut abgeschnitten, aber ich glaube nicht, dass diese Konzertreihe der Grund dafür ist. Das wäre zu kurz gegriffen.

 

Vielleicht kann unser Bündnis durch das Wahlergebnis sogar noch einmal Zuwachs bekommen, weil sich die Menschen hier doch denken: ‚Oh, das ist jetzt eigentlich nicht das, was wir wollen.‘ Denn die Stadt ist eigentlich sehr lebhaft, abwechslungsreich und offen.“

 

Das erzählt ein Aussteiger über die Konzerte: 

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