Sophias Freunde haben eine eigene Vermisst-Meldung aufgesetzt, mit der sie sich auch gegen Rechts positionieren.

Sophias Freunde haben eine eigene Vermisst-Meldung aufgesetzt, mit der sie sich auch gegen Rechts positionieren.

Illustration: Daniela Rudolf

Die Leipziger Studentin Sophia, 28, wird seit dem 14. Juni vermisst. Sie verschwand auf dem Weg von Leipzig nach Nürnberg. Die Behörden gehen davon aus, dass sie Opfer eines Verbrechens geworden ist. Bereits vergangene Woche wurde ein tatverdächtiger Mann in Spanien festgenommen. Dabei soll es sich um den Fahrer handeln, in dessen LKW Sophia auf einem Autobahnhof der A9 bei Schkeuditz als Tramperin eingestiegen ist. Der Lastwagen wurde sichergestellt. Er soll ein marokkanisches Kennzeichen gehabt haben – dieser Anhaltpunkt reicht aus, um auf rechten Plattformen und auf Facebook Stimmung gegen Migration und Einwanderung zu machen. Laura und Eva, die von Leipzig aus versuchen, ihrer Freundin zu finden, sind sich sicher, dass Sophia als überzeugte Anti-Rassistin entschieden etwas gegen diesen Diskurs hätte, der da gerade hochkocht. 

jetzt: Wie geht es euch gerade?

Eva: Den Umständen entsprechend scheiße. Tatsächlich sitzen wir gerade in Sophias WG in Leipzig. Die ist in der letzten Woche zum Mittelpunkt und zu einer Anlaufstelle für Freundinnen und Freunde geworden und für alle, die unterstützen und helfen wollen. Es gibt eine unfassbare Solidarität aus allen Ecken und auch von Menschen, die Sophia noch nie gesehen haben. Bei all dem Chaos passieren auch schöne Dinge und wir wachsen als Freundinnenkreis eng zusammen. Außerdem stehen wir mit Sophias Familie in Kontakt und schauen, ob man irgendwo helfen kann.

Laura: Mittlerweile sind wir circa 40 Leute hier vor Ort. Das ist eine tolle Gruppe aus verschiedenen Freunden und Freundinnen von Sophia. Wir schreiben Suchanzeigen, organisieren Übersetzungen und unterstützen uns gegenseitig, mit der emotionalen Belastung klarzukommen. In der Wohnung gibt es deshalb auch einen Out-of-Action-Raum, in den man sich zurückziehen kann, wenn man mal alleine sein will.

Auf euren Suchanzeigen, die ihr auf dem Blog #findsophia in zehn verschiedenen Sprachen hochgeladen habt, steht „Still searching for Sophia – still hating racism“. Warum?

Laura: In den rechten Medien wird Sophia als Opfer einer Mordreihe nicht-deutscher Personen inszeniert. Diese Anschuldigungen sind für die Familie und auch für viele aus dem Freundeskreis sehr verletzend. Unter uns sind einige, die in den Augen der Rechten nicht „deutsch“ aussehen. Die Vorstellung, dass unsere Familien unter Generalverdacht gestellt werden, ist für uns unfassbar. Das ist so kräftezehrend.

Wie äußern sich diese Anschuldigungen?

Eva: Es sind vor allem Hasskommentare auf Facebook. Da kommen so Sachen wie: „Na ist doch klar, wer bei 'nem marokkanischen LKW-Fahrer einsteigt…“. In vielen anderen Kommentaren und Direktnachrichten bekommt Sophia die Schuld zugeschoben. Das ist in so vieler Hinsicht falsch. Sie ist als Frau nicht schuld dadurch, wie sie sich bewegt oder was sie anzieht. Die Schuld liegt immer beim Täter. Und über den wissen wir noch gar nichts. Nationalität lässt sich aber auch nicht als Erklärung für Straftaten hernehmen. Wir stellen ja auch nicht alle Männer unter Generalverdacht.

Laura: Teilweise rufen Leute auch an und lassen direkt so „selber Schuld“-Sprüche ab. Online sind die Leute aber generell dreister. Vor allem Sophias Bruder wird, seit sein Bild in der Zeitung abgedruckt wurde, mit Hasskommentaren und sogar Morddrohungen belästigt. Wir machen uns Sorgen um die Sicherheit der Familie.  

In eurer jüngsten Suchanzeige betont ihr, dass Sophia diese Generalisierungen selbst nicht gutheißen würde.

Eva: Ja. Ich weiß einfach, wie schlimm Sophia eine solche Instrumentalisierung gefunden hätte, und sie hätte mit allen Mitteln dagegen gekämpft. Sophia setzt sich seit Jahren für geflüchtete Menschen ein, ihre ganze Familie ist politisch sehr aktiv.

Laura: Sie wäre die Erste, die uns aufs Dach steigen würde, wenn sie mitbekäme, was hier gerade abgeht. In Sophias Namen müssen wir ein Zeichen gegen Rassismus setzen.

Wie soll das gehen? 

Laura: Momentan sammeln und dokumentieren wir diese Übergriffe. Aber wir schreiben auch Statements, die Sophias Position klarmachen. 

Eva: Und wir versuchen, diese Dinge nicht mehr zu lesen, weil wir uns diesen Hass nicht geben wollen. Das ist für uns ein Schlag in den Magen. Manchmal passiert es aber doch, dass wir zusammensitzen und jemand sagt: „Scheiße, ich hab' wieder was gelesen“. 

Was glaubt ihr, wer so was schreibt?

Eva: Einerseits rechte Plattformen, andererseits Wutbürger, die auch sonst von „Flüchtlingswelle“ und „Flut“ sprechen und sich jetzt bestätigt fühlen. Sophia ist für die ein „Gutmensch“ und „selber Schuld“.

Laura: Das sind nicht nur die ultra-Rechten, bei denen da was hochkommt. Da findet eine gefährliche Diskursverschiebung statt. Wenn ein Marokkaner im Verdacht steht, schlachtet die mediale Berichterstattung das komplett aus, bei deutschen Tätern wird der Hintergrund oft nicht erwähnt.   

Wie sollten Medien eurer Meinung nach mit dem Thema umgehen?

Eva: Ich wünsche mir, dass die Herkunft vermeintlicher Täter nicht in den Vordergrund der Berichterstattung gestellt wird.

Laura: Und dass Sophia nicht zur Schuldigen dafür gemacht wird, was ihr womöglich passiert ist.

Eva: Ein bisschen mehr Empathie und Einfühlungsvermögen, wie es ihren Freunden und ihrer Familie gerade geht, wären auch gut.

Laura: Dazu müssten die Medien aber auch ernst nehmen, dass es für Sophia schlimm wäre, wie darüber gerade berichtet wird, und anerkennen, dass es für uns als Freunde tatsächlich egal ist, woher mögliche Täter kommen. Wir lassen das, was auch immer mit Sophia passiert ist, nicht von Rechten instrumentalisieren. Das würde sie selbst auch nicht zulassen. Rassismus wäre die schnelle Lösung, aber es zeugt von großer Stärke, da jetzt nicht aufzuspringen.   

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