Michel Abdollahi sagt: Rassismus müssen wir uns klar entgegenstellen.

Michel Abdollahi sagt: Rassismus müssen wir uns klar entgegenstellen.

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Michel Abdollahi kennt die deutsche Slam-Szene seit 20 Jahren. Wir haben mit ihm über die 14-jährige Ida-Marie gesprochen, die in Speyer auf einem Poetry Slam ein rassistisches Gedicht vorgetragen hat - und darüber, ob das künftig häufiger passieren könnte.

jetzt: Michel, hat dich der Auftritt in Speyer geschockt?

Michel Abdollahi: Es schockt mich heute gar nichts mehr. Aber eine Sache finde ich schon sehr eklig: dass eine Veranstaltung zum Thema „Zivilcourage“ bewusst von der AfD geentert wird. Das zeigt, dass die AfD heute vor nichts mehr zurückschreckt. Wenn so junge Menschen die Bühne stürmen, mache ich mir schon Gedanken darüber, wer eigentlich dahintersteckt und wie das weitergehen soll. Ich bin überzeugt, dass das Mädchen von ihrem Umfeld instrumentalisiert wurde. Ich finde es sehr bedenklich, ein Kind so zu missbrauchen. Schon die glitzernde Deutschlandfahne auf dem T-Shirt des Mädchens zeigt ja, dass es um nichts anders ging, als zu provozieren.

Gibt es das denn öfter, dass Rassismus auf Poetry-Slams eine Bühne findet?

Ich bin jetzt seit 20 Jahren in der Szene unterwegs. So etwas habe ich vorher noch nie gesehen. Aber die AfD weiß natürlich auch, dass man beim Poetry Slam junge Leute erreicht. Ich hatte vor 15 Jahren einmal jemanden auf der Bühne, der sehr beleidigende Texte vorgetragen hat – frauenfeindlich und fremdenfeindlich. Der wollte ganz klar provozieren. Den haben wir ausreden lassen und am Ende konnte er sich bei uns seine Null-Punkte-Bewertungen abholen.

Also hättest du vielleicht anders reagiert als die Veranstalter in Speyer, die kurzzeitig das Mikro abgedreht haben?

Ich habe vollstes Verständnis für die Reaktion. Das Mikro hätte ich persönlich nicht abgedreht. Aber ich stehe auch schon lange auf der Bühne und kann solche Situationen anders lösen. Die Slam-Szene ist so stark und meinungsstark, dass sie das aushält. Wir haben keine Angst vor der Meinung anderer Menschen.

Aber man muss auch ganz klar sagen: Rassismus ist keine Meinung. Und zwar  auf keiner Bühne. Die AfD will den Menschen eintrichtern, Fremdenfeindlichkeit sei freie Meinungsäußerung und wer sich dagegenstellt, betreibe Zensur. Aber den rechten Arm zu heben, Menschen durch Chemnitz zu jagen oder wie in diesem Fall fremdenfeindliche Texte auf der Bühne vorzutragen, das N-Wort als bewusste Provokation einzusetzen, das ist keine freie Meinungsäußerung. Rassistische Texte sind nie freie Meinungsäußerung, sondern immer einfach Rassismus.

Ist der deutsche Poetry-Slam heute politischer als vor ein paar Jahren? Slam verarbeitet immer ziemlich genau das, was gerade in der Gesellschaft los ist. Seit dem Erstarken der Neuen Rechten ist er auf jeden Fall noch politischer geworden. Viele haben das Bedürfnis, sich auf der Bühne zu äußern. Als ich im Jahr 2000 angefangen habe, war Deutschland sehr politisch, Kohl war 1998 abgewählt worden, drei Jahre später wurde George W. Bush Präsident der USA. Die Slammer hatten eine Meinung dazu und wollten sie kundtun. In der Zeit von Merkel und Obama wurde alles etwas ruhiger. Da schien die Welt ja auch wieder in Ordnung. Richtig unpolitisch war der Slam aber nie.

Finden die Zuhörer das gut, dass es gerade wieder politischer wird?

Der Poetry Slam hat sich verändert. Er ist heute viel mehr Mainstream als früher und damit hast du alle im Publikum sitzen, von rechts- bis linksaußen. Und seit er mainstreamiger geworden ist, ist das Publikum oft auch der Meinung, Slam sei witzig und er solle bitte unterhalten. Dann tragen die Slammer aber schwere Kost vor, weil Poetry Slam halt zum Teil auch immer schwere Kost war.

Mittlerweile haben die Leute das aber verstanden und erkennen, wie wichtig es ist, sich auf der Bühne politisch zu äußern. Das hat die AfD jetzt auch für sich entdeckt. Bei uns Slammern gibt es übrigens alle Meinungen, auch viele konservative Stimmen. Aber eines eint uns: Wir sind eine sehr offene, pluralistische, tolerante Szene. Dinge wie Rassismus und Sexismus haben da keinen Platz und falls sie doch auftauchen, wehren wir uns dagegen.

Du unterstützt jetzt auch das Projekt deines Kollegen Lars Ruppel: Er hat einen Preis ausgelobt für ein Gedicht als Reaktion auf die rassistischen Texte von Ida-Marie.

Lars ist ein politischer Mensch und nimmt kein Blatt vor den Mund. Er hat entschieden: Lasst uns mal zeigen, wie man seine Meinung äußern kann, ohne rassistisch zu sein. Wir üben keine Zensur, wir reden nichts schön, aber wir wehren uns gegen Rassismus und das Gedankengut der AfD. Man kann auf der Bühne sagen, dass auch Geflüchtete Straftaten begehen ohne dabei Rassist zu sein. Die AfD hat vorgemacht, wie man es nicht macht. Noch bis heute kann jeder in die Kommentare unter dem Facebook-Post ein eigenes Gedicht schreiben. Das Preisgeld wird an die Hotline für besorgte Bürger gespendet. 

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