"Wenn's kracht, schauen alle hin"

Nico Berg ist Mitorganisator der NoG20-Proteste in Hamburg. Im Interview spricht er über Trump, gute Vorbereitung und zivilen Ungehorsam.
Interview von Josef Wirnshofer

Nico Berg ist Mitorganisator der NoG20-Proteste.

Foto: privat

Nico Berg, 28 und Student, ist Gegner des G20-Gipfels in Hamburg. Als einer der Sprecher des Protestbündnisses NoG20 organisiert er deshalb Demonstrationen und Blockaden, die während des Gipfels stattfinden. Außerdem ist er Sprecher der Interventionistischen Linken (IL). Der Verfassungsschutz stuft die IL als gewaltbereit ein. Wir haben mit Nico über den G20-Gipfel gesprochen und darüber, wo die Grenzen zivilen Ungehorsams liegen.

Jetzt: Nico, worum geht es euch mit eurem Protest?

Nico Berg: Im Juli wollen die Regierungschefs der G20 – Trump, Erdoğan, Putin, Merkel und so weiter – in den Messehallen mitten in Hamburg ihre Machtinszenierung durchziehen. Sie fallen auf eine absolut unverantwortliche Art und Weise in die Stadt ein. Das ist das eine, wogegen wir protestieren. Das andere: Aus unserer Sicht, also der Sicht einer radikalen Linken, befinden wir uns an einer Zeitenwende, in der die Rechten massiv Aufwind bekommen. Die etablierte, neoliberale Politik kann diesen Rechtsruck aber nicht aufhalten. Das sieht man zum Beispiel an den Leuten, die die AfD mobilisiert. Deshalb wollen wir in den Tagen um den Gipfel auf die Straße gehen und zeigen: Es gibt noch Solidarität, Zusammenhalt. Es gibt noch Menschen, die sich gegen den Bau von Mauern und Ausgrenzung positionieren.

Was am G20-Gipfel ist für euch unverantwortlich?

Dass er den Alltag der Menschen in Hamburg stark einschränken wird. Letztens gab es zum Beispiel die Meldung, dass Trump Kriegsgerät mitbringt, das noch nie außerhalb von Kriegsgebieten eingesetzt wurde. Da war die Rede von Robotern, von Drohnen. Ich glaube auch nicht, dass die Hamburgerinnen und Hamburger sich besonders wohlfühlen, wenn in den Tagen 17.000 vermummte und bewaffnete Polizisten in der Stadt unterwegs sind. Letztlich ist der G20-Gipfel eine Machtinszenierung, die niemand braucht. Und dafür legen sie einen so widerständigen Stadtteil wie St. Pauli komplett lahm.

Ärgert es dich besonders, dass der Gipfel in St. Pauli stattfindet?

Na klar. St. Pauli hatte schon immer eine widerständige Kultur. Ein Stadtteil, in dem man sich von den Oberen noch nie viel hat sagen lassen. Dass sich die G20 ausgerechnet in den Messehallen treffen, wo im vergangenen Jahr noch Flüchtlinge untergebracht waren, wo Bürger Kleiderspenden abgegeben und sich solidarisch gezeigt haben, dass also in diesen Messehallen nun genau die Leute tagen, die diese Flüchtlingskatastrophe mit ausgelöst haben: Das ist für ganz viele ein Schlag ins Gesicht.

Du sprichst von den symbolischen Aspekten des Gipfels. Was stört euch inhaltlich? 

Das Klima ist ein ganz entscheidender Punkt. Die G20 stehen für 80 Prozent der globalen CO2-Emissionen. Für eine Politik, die unendliches Wachstum auf einem begrenzten Planeten propagiert und die Welt damit an die Wand fährt. Dann schmückt man sich mit blumigen Abschlussresolutionen, die auf die Wirtschafts-, Finanz- und Verkehrspolitik der einzelnen Staaten aber keine Auswirkungen haben werden. Aus unserer Sicht kann Donald Trump bei so einem Gipfel von Frau Merkel lernen, wie man Schaufensterpolitik macht: Deutschland ist Braunkohleweltmeister, obwohl es als Öko-Musterland dasteht.

Als Trump vor ein paar Wochen den Austritt aus dem Pariser Abkommen angekündigt hat, wirkten die anderen Staaten doch sehr geeint, was das Klima anbelangt.

Klar, im Pariser Abkommen sind ja keine Verbindlichkeiten geregelt. Das ist ein schönes Stück Papier und ein wichtiges Symbol – aber in erster Linie Fassadenpolitik. Gerade Deutschland hat die Pariser Klimaziele im vergangenen Jahr in aller Offenheit den Interessen der hiesigen Energiekonzerne geopfert. In diesem Punkt sehe ich bei den G20 eine absolute Doppelmoral.

Wer beteiligt sich an euren Protestaktionen?

Viele Klimaaktivistinnen, viele Menschen aus der kurdischen Bewegung, auch Leute aus der türkischen Linken. Erdoğan ist natürlich eine Reizfigur. Es gibt auch eine breite feministische Mobilisierung, die sagt: Wenn ein Sexist wie Donald Trump stolz darauf ist, dass er Frauen zwischen die Beine grabscht, und dann hierher nach Hamburg kommt, wollen wir das nicht unwidersprochen lassen. Es kommen Busse aus dreißig deutschen Großstädten. Ein Sonderzug aus der Schweiz, Menschen aus Italien, Dänemark, den Benelux-Ländern. Außerdem viele Künstlerinnen und Künstler, die Party auf der Straße machen. Eine Art Familienfest, mit Raves, Lametta, viel Bling-Bling. Wir wollen bei den Blockaden schon auch Spaß haben.

NoG20 setzt sich aus vielen einzelnen Bündnissen zusammen. Kommt es da auch zu Konflikten? Etwa darüber, wie weit ziviler Ungehorsam gehen darf?

Natürlich gibt es die. Man muss sich halt austauschen und mit allen reden. Wir haben aber einen ganz klaren Aktionskonsens, den wir auf unserer Homepage transparent machen. Nur wenn wir gut vorbereitet sind, wird es ein verantwortungsbewusster Protest.

Gute Vorbereitung, was heißt das?

Wir machen Aktionstrainings mit den Leuten, damit sie sich über ihre Ängste austauschen können und wissen, worauf sie sich einlassen. Wie es sich zum Beispiel anfühlt, wenn man eine Polizeikette durchbricht. Wir üben das ganz praktisch. Ein weiterer Teil der Vorbereitung ist, dass wir körperschützende Materialien mit uns führen werden. Wir haben ein Interesse daran, unsere Gesundheit nicht von Schlagstöcken und Pfefferspray kaputtmachen zu lassen. Natürlich wissen wir, dass ziviler Ungehorsam immer ein Regelübertritt ist. Er hat immer das Moment des Unerlaubten – aus unserer Sicht ein legitimes Mittel gegen die Politik der G20. Nur so können wir den reibungslosen Gipfelablauf ins Wanken bringen. Herrn Trump mit hungrigem Magen auf seinen Labskaus warten lassen.

Wie muss ich mir eure Trainings vorstellen?

Wir machen uns zum einen die rechtliche Situation klar: Was darf die Polizei, was darf sie nicht? Zum anderen trainieren wir, wie man sich hinsetzt, damit man während Sitzblockaden nicht verletzt wird. Oder wie man sich als Gruppe auffächert, um eine Polizeikette in die Länge zu ziehen, damit man zwischen den Beamten durch und in die Sperrzone kommt.

Wieso ziviler Ungehorsam als Mittel?

Uns ist wichtig, in diese Machtinszenierung einzugreifen. Zu zeigen: zu zeigen: Wenn ihr diesen Gipfel durchziehen wollt, dann müsst ihr an uns vorbei. Ihr müsst uns von der Straße tragen. Ich bin so ein bisschen die Generation Heiligendamm. Mich haben die Bilder vom G8-Gipfel damals stark politisiert, weil sie mir gezeigt haben: Die Leute können sich ermächtigen, sie können aktiv eingreifen. Protestaktionen geben einem das Gefühl: Ich mache einen Unterschied auf der Straße. Die politischen Partizipationsmöglichkeiten sind in Deutschland abhängig vom sozialen Status und vom Einkommen. Menschen, denen die herkömmlichen Wege verschlossen sind, brauchen also eine Form von Regelübertritt, um gehört zu werden. 

Noch andere Gründe?

Wir wollen natürlich auch die bestimmenden Bilder dieser Tage liefern.

 

Wäre euch eine gewisse Form der Eskalation also recht?

Es ist leider so: Wenn's kracht, schauen alle hin. Da müssen sich zuvorderst auch die Medien an die Nase fassen. Soziale Probleme vollziehen sich bekanntlich schleichend. Der Klimawandel fällt nicht groß auf, wenn man in Wolfsburg in einem Büro sitzt und die nächsten Dieselfahrzeuge für VW entwickelt. Da sind Krachmomente dann gewisse Hingucker.

 

Wo sind eure Grenzen?

Wir sagen ganz klar: Von uns geht keine Eskalation aus. Das haben wir in unserem Aktionskonsens festgelegt. Meine Erfahrung aus vergangenen Massenprotesten ist, dass die Eskalation von der Polizei ausging.

 

Wenn Polizisten Schlagstöcke einsetzen: Schlagt ihr zurück?

Nein. Aber wir sind kein Versicherungskonzern, der für jeden einzelnen Affekt eines Demonstrationsteilnehmers einstehen kann.

 

Ihr seid euch also bewusst, dass einzelne Demonstranten die Grenze womöglich überschreiten?

Wenn das jemand machen will, dann bitte nicht bei uns. Wir haben unseren Aktionskonsens und den müssen alle mittragen.

 

Wie wirken sich solche Aktionen auf dein Leben außerhalb von Demonstrationen aus?

Entscheidend ist, diesen Geist mit in den eigenen Alltag zu nehmen. In bestimmten Situationen auch mal „Nein“ oder „Stop“ zu sagen. Wenn man im Arbeitsamt Gängelei erfährt. Wenn wir im Alltag Rassismus erleben. Nimm Aktionen wie die der Jugendlichen in Nürnberg, die gegen die Abschiebung ihres Mitschülers demonstriert haben: Man kann aus solchen Aktionen Hoffnung schöpfen in einer Zeit, die uns vielfach einschüchtert und Angst macht. In einer Zeit, in der wir die großen Erzählungen von der Dauergefahr des Terrorismus haben. Nur darüber nachzudenken, wie man sich vor Terror schützen kann, ohne die Ursachen zu thematisieren, finde ich erschreckend passiv.

  • teilen
  • schließen