Wie wichtig ist Online-Aktivismus für die Protestierenden in Iran?

Seit fünf Wochen gehen die Protestierenden in Iran auf die Straße. Unterstützt werden sie weltweit – auch auf Social Media.
Foto: IMAGO/ZUMA Wire/Stringer / Collage: jetzt

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Der Moment, in dem Tara merkte, dass Aktivismus auf Social Media nicht vergebens ist, war ein kleiner – und dennoch bedeutend für sie. Die in Deutschland lebende Iranerin postet auf Instagram derzeit viel zu den Protesten in Iran. Ihre Reichweite ist überschaubar, etwa 600 Menschen folgen ihr.

Und dennoch schrieb ihr bald eine Schulfreundin, die sie 16 Jahre lang nicht gesehen hatte: Tara habe sie dazu inspiriert, sich mehr mit dem Thema Iran zu beschäftigen und Inhalte dazu zu teilen. „Ich merke, dass Leute außerhalb meiner iranischstämmigen Bubble nicht dieselben Informationen haben wie ich“, erzählt die 35-Jährige im Gespräch mit jetzt. Deswegen habe sich ihr Content auf Instagram seit dem Tod von Mahsa Jina Amini stark verändert. Sie will Menschen erreichen, die sonst keine Berührungspunkte mit Iran haben.

Seit Beginn der Proteste in Iran ist Social Media ein wichtiges Werkzeug. Für die Menschen vor Ort, aber auch für die iranische Diaspora. Über Instagram, Twitter und Tiktok verbreiten viele Menschen Videos, Demo-Aufrufe und Fotos der Proteste. Die Hoffnung: Druck aufbauen, Menschen sensibilisieren, etwas verändern. Mehr als 950 000 Beiträge sind unter dem Hashtag #mahsaamini auf Instagram zu finden.    

Aber wie viel Einfluss können Aktivist:innen auf Social Media haben? Für Martin Emmer, Professor für Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin, haben soziale Medien im Bezug auf politische Inhalte zwei Vorteile: Menschen mit ähnlichen Interessen können sich erstens vernetzen und zweitens über die Plattformen öffentlich wirksame Kampagnen unterstützen. Wichtig sei, dass reichweitenstarke Accounts mit einem großen Netzwerk die Inhalte reposten. So erreichen die Informationen verschiedene Interessengruppen auf einmal.

Enissa Amani informiert mehr als eine Millionen Menschen über Iran  

Der Künstlerin Enissa Amani folgen auf Instagram mehr als eine Million Menschen. Die Deutsch-Iranerin thematisiert seit Beginn ihrer Karriere ihre Herkunft und nutzt seit einigen Jahren Twitter und Instagram, um über die Unterdrückung der iranischen Bevölkerung zu sprechen. Seit dem Tod der Kurdin Mahsa Jina Amini sei sie nur noch am Handy, erzählt sie am Telefon. Sie postet Videos von Demos vor Ort, erstellt Linklisten mit weiteren Aktivist:innen und spricht selbst in die Kamera, um über das iranische Regime zu informieren.  

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Enissa Amini ist Comedian und nutzt ihre Reichweite, um über die Proteste aufzuklären.

Foto: Erhan Dogan

In einem dieser Videos zeigt sie mit ihrem Finger immer wieder auf die Kamera, als würde sie jede Person, die vor ihrem Handydisplay sitzt, direkt ansprechen. Hinter ihr eine grün gekachelte Wand, das Licht fällt durch ein Fenster auf ihre Schulter. „Alles ist besser als diese Diktatoren, die jetzt an der Macht sind“, ruft sie in den leeren Raum. Die Millionen Augenpaare, die sich das Video anschauen, sieht sie in diesem Moment nicht. Doch die Künstlerin weiß, wie wichtig ihrer Community die Videos über die Lage in Iran sind.

Seit mehr als einem Monat finden in Iran Proteste gegen das iranische Regime statt, der Auslöser für die Unruhen ist die Festnahme und der Tod der 22-jährigen Mahsa Jina Amini. Die iranische Sittenpolizei inhaftierte sie, weil sie ihr Kopftuch nicht den Vorschriften entsprechend getragen hatte, sie starb vermutlich durch Polizeigewalt. Enissa Amani möchte durch ihren Account auf die Unterdrückung aufmerksam machen, die Mahsa Jina Amini und weitere Frauen in Iran erlebten und erleben. Für sie ist klar: „Social Media hat konkrete Auswirkungen auf die Welt.“ Sie will durch ihre Posts politischen Druck ausüben.

Auch kleine Accounts können einen Einfluss haben

Laut Kommunikationswissenschaftler Emmer können auch Accounts mit wenigen Follower:innen einflussreich sein, wenn sie nicht nur in ihre private Bubble posten, sondern mit ihren Beiträgen eine heterogene, gut vernetzte Followerschaft erreichen. Tara, die mehrmals am Tag postet, hofft, mit Videos und Bildern Personen zu erreichen, die sich wenig mit Iran auskennen oder eher die klassischen Medien wie TV und Radio nutzen. Ihren Einschätzungen zufolge berichten diese Medien meist später über Iran als die Aktivist:innen auf Social Media.

Auch wenn die schnelle Verbreitung von Informationen auf Instagram, Twitter und andere Plattformen besser funktioniert, können die Algorithmen, mit denen die Netzwerke entscheiden, was sie an wen ausspielen, für die Aktivist:innen eine Hürde sein. Wie unberechenbar diese auf Instagram funktionieren, merkt sowohl Enissa Amani als auch Tara. Die Zahl der Personen, die sich die Stories der Künstlerin anschauen, sei gleich geblieben, doch sie habe immer wieder Probleme gehabt, Videos hochzuladen. Außerdem hätten viele ihrer Follower:innen ihre Videos nicht teilen können. „Es haben sich mehrere tausend Personen bei mir gemeldet, die das Problem hatten“, schildert Enissa Amani. Tara erzählt, dass sich die Anzahl der Personen, die sich ihre Storys anschauen, halbiert habe. Und auch ihre Feed-Posts würden an weniger User:innen ausgespielt.

Dieser Reichweitenverlust ist ein großer Nachteil von Aktivismus auf Social Media, weiß Emmer. Der Output der Aktivist:innen hänge von Filtersystemen ab, die sie selbst nicht kennen. Vorwürfe, dass Meta mit Rücksicht auf das iranische Regime absichtlich Nachrichten unterdrücken würde, dementiert das Unternehmen.

Dennoch erreichen Enissa Amanis Videos auf Instagram mehrere Hunderttausend Menschen, einige haben mehr als eine Millionen Views. In einem von ihnen übersetzt sie den Text des Liedes „baray-e azadii“ („Für die Freiheit“) des iranischen Sängers Shervin Hajipour. Das Lied wurde zu einem Symbol der Proteste, das Regime inhaftierte den Sänger kurzzeitig.

Viele Aktivist:innen machten auf Social Media auf seine Verhaftung aufmerksam. Enissa Amani glaubt, dass seine Freilassung ohne den Druck auf Instagram und anderen Plattformen nicht möglich gewesen wäre. „Millionen von Accounts haben Inhalte dazu gepostet, wo der Sänger sei und wie es ihm gehe. Das hat den Unterschied gemacht.“ Laut Emmer ist nicht auszuschließen, dass der Druck auf Social Media zur Freilassung geführt hat.

Auch die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock zeigte vor zwei Wochen, dass Engagement in den sozialen Netzwerken einen Einfluss haben kann: Sie traf sich mit den iranischen Journalistinnen Avin Khodakarim und Shahrzad Osterer sowie der Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal zu einer Live-Schalte über Instagram, um über die aktuelle Situation und Forderungen an die Bundesregierung zu sprechen – Baerbock selbst sagt darin, dass sie der Druck, der von sozialen Plattformen ausgeht, zu dem Gespräch motiviert habe. 

Kommunikationswissenschaftler Emmer betont jedoch, dass große politische Veränderungen nicht über das Internet entschieden werden. 

Die Proteste in Iran sind entscheidend

So sieht es auch Politikwissenschaftlerin Marianne Kneuer. Sie forscht unter anderem zu externen Faktoren von Demokratisierung und Autokratisierung an der TU Dresden. In Iran ist Instagram die meistgenutzte Social-Media-Plattform und daher sei Instagram ein wichtiger Kommunikationsweg für die Protestierenden, um ihre Aktivitäten zu organisieren und dafür zu mobilisieren. Social Media biete auch eine Möglichkeit für die Diaspora, mit den Menschen in Iran in Kontakt zu bleiben. Zudem würden die Protestierenden vor Ort durch Unterstützung im Netz von außen ermutigt. Sie betont jedoch: „Was das Regime wirklich fürchtet, sind die Personen vor Ort.“ Der Druck von der Straße sei am gefährlichsten für das iranische Regime. 

Tara ist es wichtig, auch über Instagram hinaus zu helfen. Über ihren Account hat sie sich mit einer Gruppe von Personen vernetzt, die Protestaktionen auf der Straße in Köln organisieren. Die Ankündigung hat sie über Instagram geteilt, denn besonders über das Internet versuchen viele Demo-Organisator:innen auf ihre Aktionen aufmerksam zu machen. Auch Enissa Amani hält nicht nur Reden für Social Media, sondern spricht auch auf Demonstrationen und mit Politiker:innen in Deutschland über Iran. „Social Media ist ein starkes Instrument“, betont die Comedian. Doch das Gefühl, gemeinsam auf der Straße zu stehen, sei ein ganz besonderes. Für sie ist klar: „Ich kann nicht über Instagram die Welt verändern, so naiv bin ich nicht.“

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