„Die Ideologie ist stärker als ein eigener Pseudo-Staat“

Islamismus-Experte Ahmad Mansour glaubt nicht, dass der Terror mit dem Niedergang des IS endet.
Interview von Quentin Lichtblau
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Foto: afp/ Marwan Ibrahim

In der Nacht auf Montag hat sie begonnen: Die Offensive auf die Millionenstadt Mossul, die der "Islamische Staat" seit 2014 als seine Hauptstadt bezeichnet. Nach zahlreichen Niederlagen in den vergangenen Monaten wäre die Einnahme der Stadt ein weiteres Anzeichen für ein absehbares Ende des IS.

Aber bedeutet ein militärischer Sieg über die selbsternannten Gotteskrieger auch das Ende der Probleme? Wäre der Traum vom heiligen Krieg, der auch tausende Kämpfer aus Europa zum IS trieb, damit vorbei? Darüber haben wir mit dem Islamismus-Experten Ahmad Mansour gesprochen, der als junger israelischer Araber beinahe selbst radikaler Islamist geworden wäre. Seit zwölf Jahren lebt er mittlerweile als Psychologe in Deutschland und engagiert  sich in Projekten und Initiativen, die Extremismus bekämpfen und Demokratie fördern sollen.

jetzt: Mit der voraussichtlichen Einnahme seiner „Hauptstadt“ Mossul ist der IS, zumindest im Irak, gescheitert. Wie wirkt sich das auf die Attraktivität des „Islamischen Staats“ bei deutschen Sympathisanten aus?

Ahmad Mansour: Die momentanen Ereignisse in Mossul sind Teil einer Entwicklung, die ich durchaus positiv sehe. Seit mehreren Monaten können die potentiellen Kämpfer von Europa aus kaum noch in Richtung des IS ausreisen. Das hat mit verstärkten Sicherheitsvorkehrungen in Europa zu tun ­– vor allem aber auch mit der fast geschlossenen türkisch-syrischen Grenze. Außerdem bröckelt das Bild vom unbesiegbaren Kalifat schon seit der verlorenen Schlacht von Kobane. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf IS-Sympathisanten in Deutschland, wenn auch nicht auf alle. Wenn nun auch noch Mossul fällt, trägt das natürlich zu einer Desillusionierung des IS bei. Dazu kommt, dass man mittlerweile auch innerhalb des radikalen Islam vermehrt auf Distanz zum IS geht. Es gibt Jugendliche, die ich zwar als radikale Salafisten sehe, die aber den IS  dennoch vehement ablehnen.

Ahmed Mansour

Ahmad Mansour ist Programme Director bei der European Foundation for Democracy in Brüssel, Vorsitzender Sprecher des Muslimischen Forums Deutschland e.V., Gruppenleiter bei Heroes, einem Projekt gegen Gewalt und Unterdrückung im Namen der Ehre, und Familienberater bei Hayat, einer Beratungsstelle für Deradikalisierung. Im Oktober 2015 erschien sein erstes Buch mit dem Titel: "Generation Allah: Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen".

Foto: Heike Steinweg

Was wird eigentlich aus den vielen europäischen Kämpfern, die sich derzeit noch im IS-Gebiet aufhalten? Werden sie nach dessen eventuellem Ende zurückkehren oder bleiben?

Beides. Manche kehren ja bereits jetzt zurück, da ein Leben in einem europäischen Gefängnis ihnen im Vergleich zur Hölle in Syrien oder im Irak wie das Paradies vorkommt. Diese Menschen sind natürlich auch entsprechend desillusioniert und können womöglich deradikalisiert werden. Die andere Gruppe wird etwa nach dem Fall von Mossul nach Raqqa gehen und nach dessen Fall zur nächsten Station. Wir haben Kämpfer beobachtet, die in Jugoslawien angefangen haben, dann nach Tschetschenien gegangen sind, von dort nach Afghanistan, dann nach Syrien. Die finden schon ihren nächsten Einsatzort.

Würde ein militärischer Sieg über den IS, zumindest vor Ort, ein Ende der Gewalt bedeuten?

Das glaube ich leider kaum. Für die Entstehung des IS spielt natürlich die Vorgeschichte der Region eine Rolle: In Syrien ist da auf der einen Seite das Unrechts-Regime von Assad, auf der anderen das Scheitern vieler oppositioneller Gruppen bei dessen Bekämpfung – beide Faktoren haben dem IS den Nährboden zum Wachsen geliefert. An dieser Konstellation wird sich in nächster Zeit kaum etwas ändern. Der Irak ist ein anderer Fall, der aber auch nicht allzu viele Gründe für Optimismus liefert: Dort war der Nährboden die Diskriminierung der sunnitischen Stämme im schiitisch dominierten Irak nach dem Sturz Saddam Husseins. Wenn nun also der IS im Irak besiegt werden sollte, müsste alles getan werden, damit dort auch eine stabile neue Ordnung entsteht, welche die Gründe für dessen Entstehung beseitigt. Dass diese Weitsicht vorhanden ist, wage ich allerdings leider zu bezweifeln.

Global gesehen: Funktioniert der IS im Zweifelsfall auch ohne sein "Staats"-Gebiet?

In Europa merken wir ja in den vergangenen Monaten, dass die bröckelnde Struktur des IS die Lage hier nicht nur zum Positiven verändert, solange die Ideologie selbst bestehen bleibt: Die Anschläge von Nizza, Ansbach und Würzburg haben ja trotz oder gerade wegen des langsamen Bedeutungsverlusts des IS im Nahen Osten stattgefunden. Die bevorstehende militärische Rückeroberung von Mossul ist zwar wünschenswert, aber sowohl hier in Europa als auch im Nahen Osten selbst muss noch wesentlich mehr getan werden, um die Gründe für islamistische Radikalisierung zu bekämpfen.

Nizza, Würzburg und Ansbach wurden von Vielen als Ablenkungsmanöver interpretiert: Der IS wolle damit von den eigenen Niederlagen ablenken. Müssen wir also angesichts der Rückeroberung von Mossul auch mit einem höheren Terrorrisiko rechnen?

Leider ja, kurzfristig wird das Risiko von Anschlägen steigen. Das hat zwei Gründe: Erstens gibt es momentan viele Jugendliche, die gerne in das Gebiet des IS reisen würden, aber nicht können. Anstatt ihre Gewaltfantasien in Raqqa oder Mossul auszuleben, könnten sie also versuchen, in Europa Anschläge zu verüben. Zweitens wird der IS natürlich alles daran setzen, seinen Anhängern die Botschaft zu vermitteln, dass er trotz aller Niederlagen immer noch imstande ist, anderen Ländern Angst einzujagen. Wie gesagt: Die Struktur allein ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Ideologie ist viel stärker als ein eigener Pseudostaat.

Wo sollte man also ansetzen, wenn man den IS auch ideologisch besiegen will?

Meiner Meinung nach ganz klar in der Pädagogik. Wir brauchen noch mehr Aufklärung und Prävention bei Eltern und in den Schulen. Wir brauchen Lehrer, die Demokratie vermitteln können. Außerdem müssen sie die politische Lage im Nahen Osten differenzierter erklären können als ein islamistischer Rattenfänger. Das Interesse der Jugendlichen an diesen Nahost-Themen ist nämlich groß und sie sind daher leider sehr empfänglich für einseitige Erklärungen. Auch in den sozialen Medien haben radikale Ideologien, sowohl islamistische, als auch andere radikale Sichtweisen, nach wie vor ein viel zu leichtes Spiel mit den Köpfen junger Menschen.

Wen sehen Sie im Netz in der Verantwortung? Facebook, die Bundesregierung?

Als ersten Schritt würde ich hier wieder im Schulunterricht ansetzen: Wir müssen die Jugendlichen über die Funktionsweise sozialer Medien aufklären, Medienkompetenz vermitteln. Welche Inhalte sehe ich da auf meiner Pinnwand? Ist das alles die Wahrheit oder nicht nur, wenn überhaupt, ein selektiver Ausschnitt? Im zweiten Schritt brauchen wir aber auch die Betreiber wie Facebook, die Hassinhalte effektiver löschen müssen und auch entsprechende Sanktionen gegen deren Verfasser verhängen. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, auch im Internet. Aber alles, was im echten Leben strafbar ist, muss auch im Netz verboten sein. Hier spielt natürlich auch der Staat eine Rolle. Außerdem brauchen wir dringend Gegennarrative zur islamistischen Ideologie, die in Form von staatlicher Aufklärung, aber auch aus der Zivilgesellschaft kommen müssen – auch und gerade innerhalb des Islam. Wir brauchen Muslime, die Gesicht zeigen und sagen: Ich bin Muslim, schätze aber auch die Demokratie und Meinungsfreiheit.

Stehen Ihrer Meinung nach also Muslime in der Pflicht, sich aktiv vom IS-Terror zu distanzieren?

Gegen das Wort „Distanzierung“ scheinen ja viele Muslime geradezu allergisch zu sein. Muslime ohne Berührungspunkte zu islamistischen Inhalten müssen sich nicht distanzieren. Diese Berührungspunkte sind aber leider vielfach vorhanden. Wer mit seinem Islamverständnis Feindbilder schafft, wer Muslime als Opfer des Westens stilisiert, wer Jugendlichen nicht ermöglicht, kritisch mit ihrer Religion umzugehen und wer den Koran wörtlich und nicht in seinem lokalen und historischen Kontext vermittelt, der muss zwar kein IS-Anhänger sein. Er schafft aber die perfekte Basis für deren Ideologie. Der Pool, aus denen die Radikalen ihre zukünftigen Anhänger ziehen, ist nach wie vor riesig. Das sind Jugendliche, die in Deutschland oder Europa leben und die Welt komplett in schwarz und weiß sehen: Die Muslime als Opfer des Westens, der Juden, der Amerikaner. Dazu kommen problematische Geschlechterrollen und eine fehlende Bereitschaft, ihre Religion zum Gegenstand einer Diskussion zu machen. Der IS hat diese Tendenzen nicht erfunden, er nimmt sie nur auf und überspitzt sie ins Negative. Hier braucht es nicht nur eine halbherzige Distanzierung, sondern eine echte Reformation.

 

Glauben Sie, dass nach einem möglichen Ende des IS auch die Aufmerksamkeit für Ihre Forderungen nach Präventionsarbeit und Aufklärung schwindet, obwohl das Problem der Radikalisierung bestehen bleibt?

Ich hoffe nicht, aber nach meiner Erfahrung der vergangenen Jahre handelt die Politik nur in einer Reaktion auf die unmittelbare Gefahr. Für die Bekämpfung des Islamismus braucht es aber ein langfristiges Nachdenken über Gewalt, das nicht erst bei Terroranschlägen anfängt. Wir müssen uns als Zivilgesellschaft fragen, ob islamistische Gewalt wirklich erst beginnt, wenn Menschen auf andere Menschen schießen oder sich in die Luft jagen. Ist nicht schon die Ablehnung der demokratischen Ordnung und des Grundgesetzes ein erstes Anzeichen von Gewaltbereitschaft?

 

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