Kunst von einem der kaputtesten Orte der Welt

Wie junge Filmemacher im Kongo Geschichten abseits von Krieg und Elend erzählen.
Von Susanne Maria Krauß

Die junge Filmemacherin Bernadette, 28, hat dieses Jahr auf dem CIFF Filmfestival im kongolesischen Goma ihren ersten Kurzfilm vorgestellt.

Foto: Susanne Maria Krauß

Wenn es so etwas gäbe wie eine Liste der „most fucked-up places“, dann dürfte Goma irgendwo in den oberen Rängen auftauchen. Goma ist eine Millionenstadt im Nord-Osten der Demokratischen Republik Kongo. Um Goma herum wüten Rebellengruppen, seit über 25 Jahren gibt es hier keinen dauerhaften Frieden. Vor der Stadt glüht bedrohlich der Vulkan Nyiragongo, der zuletzt 2002 ein Drittel der Stadt unter Lava verschüttet hat. Fließend Wasser ist rar, Stromausfälle sind dafür an der Tagesordnung. Korruption, Gewalt, Gestank. All das gehört zu Goma. Unter der Erde außerhalb der Stadt liegen unglaubliche Rohstoffreichtümer. Gold, Diamanten, Coltan. Das Coltan, das in unseren Smartphones steckt. Einige werden dadurch sehr sehr reich, viele andere nur ärmer. Im Krankenhaus Heal Africa werden Frauen behandelt, die von Rebellen und Soldaten vergewaltigt wurden. Sexuelle Gewalt hat in Kongos Kriegen System, heißt es. Das ist ist das Bild von Goma, das die Welt kennt. 

Diese Geschichte wird eine andere Goma-Geschichte. Weil Goma nicht nur Hölle ist.

Es ist 13 Uhr in einem Wohnviertel der Stadt. Hinter hohen Betonmauern mit Stacheldraht stehen die Wohnhäuser der Besserverdienenden. Ein Straßenkiosk verkauft Kekse, Limo, Mobilfunkeinheiten und Haarshampoos. Durch die Trockenzeit wirbelt bei jedem Schritt auf der unbefestigten Straße dunkelgrauer Staub auf. Dazu kommt der Staub von oben, den der Vulkan Nyiragongo über Goma pustet. „Donnez-moi l'argent,“ betteln zwei Jungs in übergroßen, zerrissenen T-Shirts nach Geld. An der Straßenecke stinkt es nach Pisse. Da steht auf einem schmiedeeisernen Tor in verschnörkelten Buchstaben „Yole! Africa“. Die Tür ist nur angelehnt und wer hindurchgeht, betritt ein kleines Paradies.  

Laute Beats wummern über den Hof. Auf einem Podest fordern sich Streetdancer heraus. Weiter hinten, unter einem großen Baum, folgen junge Fotografen einem Vortrag. Auf einer Veranda sitzen junge Menschen an Laptops, lachen und diskutieren, zeigen sich gegenseitig Fotos auf digitalen Spiegelreflexkameras. „Karibu!“ - Willkommen!, ruft Bernadette auf Kisuahili. Küsschen rechts, Küsschen links, Küsschen rechts. Bernadette ist 28, eine junge Filmemacherin aus Goma. Am Ohr baumelt der afrikanische Kontinent, sie rückt ihr buntes Kopftuch zurecht. Bernadette hat gerade beim Filmfestival CIFF (Congo International Film Festival), das jedes Jahr im Juli am Kulturzentrum Yole! Africa stattfindet, ihren ersten Kurzfilm vorgestellt. „Schon besonders, wenn dein eigener Film zum ersten Mal auf einer großen Leinwand und vor Publikum läuft,“ sagt sie. Die Leinwand befindet sich nicht in einem großen Kino, sondern aufgespannt auf einem Metallrahmen mitten im Hof. 

Petna Ndaliko kommt hinzu, umarmt Bernadette und sagt mit einem Augenzwinkern: „Unsere Betty müssen wir im Auge behalten. Aus der wird noch was!“ Petna Ndaliko ist der Gründer des CIFF Filmfestivals und Vater der hiesigen Kulturszene. Diese Woche ist der 43-Jährige sehr glücklich. Weil hier stattfindet, wofür er kämpft: Das Kino nach Goma zurückzubringen, das ist Petna Ndalikos großer Traum.

Als er klein war gab es hier noch das Kino „Virunga“. Mit zwölf Jahren hat Ndaliko sich am Eingang hinter großen, dicken Männern versteckt. Wenn dann der Türsteher im Tumult des Einlasses nicht aufpasste, schlüpfte er hindurch und ergatterte einen Sitzplatz. „Den gesamten Film lang habe ich mich mit gestreckten Armen auf die Armlehnen gestützt, um größer zu erscheinen und nicht raus zu fliegen“, erinnert er sich.

„Nach der Vergewaltigung lebt diese Frau weiter. Wir leben hier weiter. Aber davon erfährt keiner“

1994 brannte das Kino. Ndaliko floh im Bürgerkrieg mit seiner Familie nach Uganda und ging später nach Amerika, wo er heute an der Universität von North Carolina lehrt. Über die Jahre, in denen immer wieder Warlords Goma in ihre Gewalt gebracht haben, wurde das Kino mal Rebellenhauptquartier, mal Lagerraum, dann Nachtklub. Heute ist es ein marodes Büro. Auf 500.000 Dollar schätzt er das Projekt, das Kino wiederzubeleben, etwas über 100.000 Dollar hat er bisher auftreiben können. Aufgeben wird er nicht. „Kino ist Magie. Und dazu sollte jeder Mensch Zugang haben.“

Giscard, 22 und aus Ruanda, hat zusammen mit Bernadette einen Film über ein Mädchen aus Goma gedreht - über ihr Leben nach dem Krieg.

Foto: Susanne Maria Krauß

Bis es soweit ist, findet das CIFF Film Festival weiterhin am Yole! Afrika Kulturzentrum  statt. „Goma ist ein Hafen für Künstler in der Region geworden,“ sagt Petna Ndalika nicht ohne Stolz. „Es ist wichtig, dass die jungen Menschen hier lernen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Denn wir sind unserer Geschichten beraubt worden!“ Damit meint er, dass ständig Kamerateams aus dem Ausland in den Kongo kommen, nach Goma, und dann ihre ewig gleichen Bilder drehen: von Krieg, Vergewaltigung, Lava und Elend. Als wäre das alles.

 

„Natürlich kann und muss man die Geschichte der Frau hier erzählen, die von Rebellen vergewaltigt worden ist“, sagt Bernadette. „Aber nach der Vergewaltigung lebt diese Frau weiter. Wir leben hier weiter. Nach und zwischen den Kriegen. Aber davon erfährt keiner.“ Und genau deshalb will sie Filme machen.  

 

Den Film, den Betty hier beim Filmfestival präsentiert, hat sie mit Giscard, 22 und aus Ruanda, gedreht. Er erzählt von einem Mädchen, das in Goma aufgewachsen ist. Ihr Vater kam im Krieg ums Leben und so ist ihr Bild von Goma immer mit dem Tod verbunden. Ein Schlachtfeld. Bis sich eines Tages alles verändert und sie erkennt: Die Liebe ist größer als der Tod. Sie kann lachen, sie kann leben. Und Goma ist vielmehr eine Startbahn als ein Schlachtfeld. Es geht aufwärts.

 

Zwischen dem Kongo und Ruanda verläuft eine Grenze, doch trotzdem gibt es etwas, das Betty und Giscard vereint: Sie wollen etwas bewegen. „Wir, die junge Generation, wollen die Zukunft hier gestalten. Wir wollen nicht weg, nach Europa oder sonst wohin. Wir wollen in unseren Ländern etwas verändern“, sagt Giscard. Er will ein Vorbild für andere werden. Zwar meint seine Mutter noch, dass er mit Medizin oder Informatik doch etwas Bodenständigeres studieren könnte, „aber sie versteht meine Leidenschaft.“

 

„Früher habe ich geglaubt, dass nur andere Kino machen können. Andere, Europäer, Amerikaner, aber wir doch nicht“

 

Giscard, in Jeans und blauen Sneakern, hat sich viele Tutorials zum Filmemachen im Internet angesehen. Learning by Doing. Grasroot Filmemacher. „Ich habe schon immer gerne Filme angesehen. Hollywood-Filme. Aber früher habe ich geglaubt, dass nur andere Kino machen können. Andere, Europäer, Amerikaner, aber wir doch nicht.“

 

„Das ist Blödsinn“, sagt Festival-Vater Petna Ndaliko zu den Nachwuchs-Filmemachern. Giscard und Betty sitzen auf weißen Plastikstühlen, etwas müde von zwei Stunden Unterricht im Drehbuch schreiben. „Erst hat uns die Kolonialherrschaft, dann die autoritäre Politik beigebracht, nichts in Frage zu stellen. Denn der Chef, der Meister, weiß ja alles. Das ist Blödsinn! Denkt kritisch, seid intelligent, fragt Fragen!“

Szenen einer Tanzvorführung auf dem CIFF-Filmfestival in Goma.

Foto: CIFF Pressefotos

„In Afrika eine Kamera in die Hand zu nehmen ist immer auch ein politischer Akt"

 

Dazu gehört in Goma ordentlich Mut. Denn die Politik, die Oberen, mögen keine Fragen. Am Nachmittag, in einem kleinen Zelt läuft gerade ein Film aus Kanada, der den Alltag kongolesischer Immigranten in Québec erzählt, klingelt Ndalikos Telefon. Zwei Festival-Teilnehmer wurden vom Geheimdienst festgenommen und abgeführt. Weil sie Fotos auf der Straße gemacht haben. Eine Stunde später sind sie wieder auf freiem Fuß. Zum Glück. Erst zwei Wochen zuvor wurden Künstler, die mit einer Straßenperformance auf verschiedene Massaker im Land aufmerksam machen wollten, verhaftet und ins Gefängnis gebracht. „In Afrika eine Kamera in die Hand zu nehmen ist immer auch ein politischer Akt,“ sagt Petna Ndaliko.

 

2008 standen während des Filmfestivals die Rebellen des Warlords Laurend Nkunda vor Goma. Fünf Kilometer entfernt vom Stadion, wo sich gerade 6000 Zuschauer einen Film ansahen. UN-Blauhelme kamen und drängten Ndalika, die Veranstaltung aufzulösen. Der griff zum Mikrofon und fragte die Menge. Die antwortete unisono mit einem Reim auf Kisuahili: Wir haben den Krieg satt! Wie wollen Liebe und Frieden! Die 6000 blieben, die Rebellen kamen nicht. Erst am nächsten Tag zogen sie durch Goma, das Filmfestival blieb verschont. Für Ndaliko hat an diesem Tag in Goma die Kunst über den Krieg gesiegt.

 

2017 verheißt die politische Lage im Kongo nichts Gutes. Präsident Joseph Kabila will nicht abtreten und verzögert die Wahlen. In mehreren Provinzen flammen neue Konflikte auf. Manche warnen vor einem neuen Bürgerkrieg. Giscard und Bernadette haben keine Angst vor der Zukunft. Wollen sie nicht. Weil Angst lähmt. Das klingt trotzig. Aber vielleicht muss man das sein, hier in Goma. So trotzig wie das Motto des Filmfestivals, das abends über die Leinwand im Hof flimmert: Eza possible! Es ist möglich!

 

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