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Schon im Vorfeld hatte die spanische Regierung das Referendum für ungültig erklärt. Mehrere Urteile verpflichteten die katalanischen Behörden, die Abstimmung zu blockieren. Entsprechend groß war der Druck, als die Wahllokale heute früh ihre Türen öffneten. Die spanische Regierung hatte tausende Polizisten nach Katalonien beordert, sie sollten die Wähler an der Stimmabgabe hindern.

An manchen Orten eskalierte die Situation: Im Internet ist zu sehen, wie Polizisten Wähler schubsen, treten und brutal an den Haaren reißen. Auch elf Beamte wurden verletzt. Junge Katalanen erzählen, wie sie die Situation erlebt haben und was das für die Zukunft Kataloniens bedeutet.

„Es fällt schwer zu glauben, dass wir in einem demokratischen Land leben“ 

Guillem, 25: „Es fällt schwer zu glauben, dass wir in einem demokratischen Land leben“

Guillem, 25: „Es fällt schwer zu glauben, dass wir in einem demokratischen Land leben“

Foto: privat

Guillem, 25, Lehrer, aus Palafolls, nördlich von Barcelona

„Ich war heute einer der ersten in meiner Stadt, der gewählt hat. Ich war seit sechs Uhr morgens im Wahllokal, um zu garantieren, dass die Polizei nichts beschlagnahmt oder das Wahllokal schließt. Manche von uns haben auch dort geschlafen. Und wir hatten Glück: Die Polizei war noch nicht da. Vielleicht gehen sie erst in die größeren Städte und haben unsere kleine Stadt verschont.

Ehrlich gesagt, habe ich erwartet, dass es eine brutale Reaktion der Polizei geben wird. Die Bilder zu sehen, ist trotzdem schockierend. Es fällt schwer zu glauben, dass wir in einem demokratischen Land leben, wenn man solche Bilder sieht.

Die Mehrheit der Katalanen möchte wählen und es gibt im Moment einfach keine andere Möglichkeit als das Referendum. Gerade wenn eine Mehrheit der Menschen dahintersteht, finde ich, sollte man es erlauben. Sonst ist es doch keine Demokratie.

Was ich mir jetzt wünsche, ist eine starke Reaktion – auch von Menschen außerhalb Kataloniens. Von allen europäischen Ländern. Von allen, die die Bilder gesehen haben.“

„Was heute passiert ist, hat meine Meinung über die Unabhängigkeit geändert“

Violetta, 27, Architektin, aus Barcelona

„Ich wohne am Stadtrand von Barcelona. Bei uns ist es normalerweise sehr ruhig und die Stimmung war eigentlich sehr friedlich, als ich im Wahllokal war. Gerade als ich meinen Zettel in die Urne gesteckt habe, kam die Polizei. Alle haben geschrien: „Die Polizei kommt!“ Die Wahlhelfer haben sich die Urnen geschnappt und sind weggerannt. Wir standen alle wie angewurzelt da, als die Polizisten durch die Flure der Schule rannten. Manche haben angefangen zu weinen. Meine Mutter, mit der ich dort war, bekam plötzlich Panik. Ich dann auch. Mir blieb die Luft weg. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in einem demokratischen Land passieren könnte.

Ich war nie für die Unabhängigkeit, wirklich nie. Ich habe dagegen gestimmt. Aber was heute passiert ist, hat meine Meinung geändert. Nachdem ich das erlebt habe, weiß ich, dass sich etwas ändern muss. Wenn wir nochmal wählen können, werde ich auf jeden Fall für die Unabhängigkeit stimmen. Und ich glaube, dass es sehr vielen so geht wie mir. Ich bin nicht die Einzige, die heute ihre Meinung geändert hat. Etwas muss passieren. Es muss eine Lösung gefunden werden.“ 

„Wir leben schon immer in einem freien Land und jetzt soll uns etwas so Elementares verwehrt bleiben“

Xavier, 32: „Wir leben schon immer in einem freien Land und jetzt soll uns etwas so Elementares verwehrt bleiben“

Xavier, 32: „Wir leben schon immer in einem freien Land und jetzt soll uns etwas so Elementares verwehrt bleiben“

Foto: privat

Xavier, 32, Lehrer, aus Barcelona

 

„Es ist eine ganz komische Atmosphäre hier heute. In meiner Nachbarschaft ist es ruhig, ein ganz normaler Sonntag eben. Gleichzeitig ist auch eine Anspannung zu spüren, weil man weiß, dass eine Menge Polizei unterwegs ist. Man weiß aber nicht, welche Maßnahmen sie ergreifen werden. Freunde haben mir erzählt, dass sie von Polizisten geschlagen wurden. Sie wurden aber nicht verletzt.

 

Für meine Freunde und mich ist es einfach schwer zu begreifen: Wir leben schon immer in einem freien Land, wir führen ein ganz normales Leben wie in jedem europäischen Land – man kann tun und sagen, was man möchte. Und jetzt soll uns etwas so Elementares verwehrt bleiben: das Recht zu wählen. Das macht mir Sorgen.

 

Im Moment geht es nicht um die Unabhängigkeit. Es geht darum, dass man uns die Möglichkeit gibt, eine Stimme abzugeben. Und es ist nun mal so, dass eine große Mehrheit der Katalanen das will.

 

Ich denke, es müsste eine politische Lösung geben, aber das wird schwierig. Vielleicht müsste es dafür internationalen Druck geben.“

„Was wir heute erlebt haben, ist sicher keine Demokratie“ 

Paula, 26: „Was wir heute erlebt haben, ist sicher keine Demokratie“

Paula, 26: „Was wir heute erlebt haben, ist sicher keine Demokratie“

Foto: privat

Paula, 26, Anwältin, aus Sant Cugat, nördlich von Barcelona

 

„Was heute passiert ist, ist furchtbar. Ich bin eindeutig für die Unabhängigkeit. Der spanische Staat macht einfach nichts für uns. Dass sie uns jetzt das Referendum verbieten, bringt gar nichts. Die Situation wird sich dadurch nicht ändern. Ich möchte einfach nicht in einem Staat bleiben, der uns hasst.

 

Viele in meinem Umfeld, die eigentlich gegen die Unabhängigkeit waren, sind jetzt so verärgert, dass sie ihre Meinung überdenken. Sie wollen jetzt auch, dass sich etwas verändert. Wenn die spanische Regierung will, dass wir in Spanien bleiben, dann darf die spanische Polizei uns nicht so behandeln, wie sie es heute gemacht hat.

 

Wie es jetzt weiter geht? Für Dienstag ist auf jeden Fall ein Generalstreik in ganz Katalonien angekündigt. Das, was wir heute erlebt haben, das ist sicher keine Demokratie.“

„Wir waren so friedlich und was wir zurückkriegen, ist reine Gewalt“

 

Marta, 32, Lehrerin, aus Girona

 

„Ich hatte Glück: Ich konnte heute wählen. Das können einige meiner Freunde nicht behaupten. Es war alles sehr friedlich, aber die Stimmung war extrem angespannt. Wir hatten Angst, dass jeden Moment die Polizei kommt und die Urnen konfisziert. Meine Familie zum Beispiel konnte erst jetzt (am Nachmittag) wählen, weil die Internetverbindung durchgehend unterbrochen war – zumindest an den Orten, wo gewählt werden sollte.

 

Als ich davon gehört habe, wie sich die Polizei heute verhalten hat, war ich einfach nur sehr frustriert. Wir waren so friedlich und was wir zurückkriegen, ist reine Gewalt. Das ist doch kein Dialog! Ich glaube, wenn Menschen etwas zu sagen haben, dann sollen sie das auch tun. Und in einem Referendum abzustimmen, ist der beste Weg, um das zu tun. Wir alle glauben an die Demokratie und an das Recht auf Meinungsfreiheit. Aber jetzt bin ich völlig ratlos.

 

Ich hoffe sehr, dass die europäischen Länder sich jetzt dazu äußern werden. Regierungen aus der ganzen Welt sollten der spanischen Regierung sagen, dass sie so nicht vorgehen kann. Dass sie ihrem Volk eine Chance geben soll, zu äußern, was sie denken.“

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