„Ich habe Angst vor offenem Rechtsextremismus“

Fotos: privat; Collage: Teresa Fries

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„Unter Schwarz-Blau müsste ich zurück zu meinen Eltern ziehen“

daniel
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Daniel, 22, Kellner aus Brunn am Gebirge

„Ich habe so ein Ergebnis erwartet, aber ich bin nicht glücklich damit. Der Wahlkampf war sehr hässlich, es war wirklich schwer, sich auf die Fakten zu konzentrieren. Stattdessen haben Schmutzkampagnen die Nachrichten dominiert.

Ich glaube, viele Leute haben sich bei der Wahl von ihren Emotionen leiten lassen und Rationalität größtenteils vergessen. Es war vorherzusehen, dass die SPÖ unter diesem Wahlkampf leiden wird. Ich habe trotzdem sozialdemokratisch gewählt, weil ich finde, dass Kern in der Vergangenheit gute Politik gemacht hat und er meine Interessen, im Gegensatz zum Großteil der anderen Parteien, am meisten vertritt. Für mich war diese Wahl eine Richtungswahl, deshalb war es mir wichtig durch meine Stimme die Weiterführung dieser Politik zu ermöglichen. 

Die Flüchtlingsfrage hat den Wahlkampf dominiert. Das war aber für mich nicht der zentrale Punkt. Hier geboren zu sein, ist ein Privileg, aber keine Befugnis, anderen Leuten eine Chance auf einen  Neuanfang in Österreich zu verweigern. Was die Leute nicht sehen, ist, dass die Sozialleistungen, von denen wir alle profitieren, enorm abgebaut werden. Kurz‘ Politik ist eine Politik der Wirtschaft, er hat sozialpolitische Entscheidungen in der Vergangenheit genauso blockiert wie Strache. Für mich wäre es zum Beispiel ein großes Problem, wenn die FPÖ durchsetzt, die Arbeiterkammer zu schließen. Oder wenn Studiengebühren eingeführt würden, was die schwarz-blaue Koalition ja befürwortet. Dann könnte ich neben dem Kellnern nicht mehr studieren oder müsste zurück zu meinen Eltern ziehen. Zumindest könnte ich nicht mehr so leben, wie ich es jetzt gerade tue.“

„Kultur und Bildung werden zuerst gekürzt“

julia
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Julia, 27, arbeitet in der Wiener Theaterbranche

„Ich habe mir in der Wahlkabine Zeit genommen, noch mal in mich zu gehen. Am Ende habe ich eine Partei gewählt, die ich trotz großer Stolpersteine immer noch für die beste halte – welche will ich hier aber nicht sagen. Nur so viel: Schlussendlich sieht es so aus, als würde diese Partei aus dem Parlament fallen.

Die Wahl habe ich mit Freunden in einem Gasthaus live mitverfolgt, zwischendurch wollten wir am liebsten weinen. Ich habe Angst, was diese kommende Regierung für uns bedeutet. Wir hatten schon mal eine schwarz-blaue Regierung und ich weiß, was die damals alles gekürzt haben. Ich selbst arbeite in der Kulturbranche, das ist neben dem Bildungsbereich meist die erste Stelle, wo gekürzt wird. Umwelt, Kultur und Bildung sind Aspekte, die mir wichtig sind in der Politik. Ich wusste schon, dass die Partei, die ich gewählt habe, wenig Chancen auf eine Regierungsbeteiligung hat. Trotzdem war es mir sehr wichtig, zu wählen. Wir müssen die Demokratie verteidigen. Jetzt erst recht.“

„Wir haben den Fernseher ausgemacht und uns über Tiere unterhalten“

florian
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Florian, 33, Angestellter aus Wien

 

 „Ich habe dieses Jahr KPÖ Plus gewählt, weil das meiner Meinung nach die einzige Partei ist, die glaubhaft linke Inhalte vertritt. Insbesondere der uneingeschränkte Erhalt der Mindestsicherung, die auch von den Grünen, dort, wo sie mitregieren, gekürzt wurde, und eine klare antirassistische Haltung sind mir wichtig. Es braucht eine Partei im Parlament, die jene Menschen entschlossen vertritt, die von Rassismus und Sozialabbau betroffen sind. Im Wahlkampf hat sich wieder gezeigt, wie Antisemitismus sowohl von den großen etablierten Parteien als auch von Peter Pilz als Sündenbock-Strategie genutzt wird, wie bei der „Silberstein-Affäre“.

 

Was die Themen Flucht und Migration betrifft, haben sich die großen Parteien der FPÖ eher angenähert, statt sich klar gegen Rassismus und Sozialkürzungen zu positionieren. Überrascht hat mich, dass die ÖVP weniger Stimmen erhalten hat, als die Umfragen prognostiziert haben. Ich habe die Wahl mit Freundinnen und Freunden zu Hause vor dem Fernseher verfolgt. Die Atmosphäre war sehr angespannt und irgendwann haben wir den Fernseher ausgemacht und uns über Tiere unterhalten. Eskapismus sozusagen. Es war viel Alkohol da, der schnell weniger wurde.“

 

„Ich habe Angst vor offenem Rechtsextremismus“

sidonie
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Sidonie, 28, arbeitet in einer Wiener Produktionsfirma

 

„Das Ergebnis der Wahlen habe ich mit meiner Schwester und einer Freundin im Livestream verfolgt. Dass die Grünen so stark abgestürzt sind, hat mich doch überrascht, aber auch darin bestätigt, dass es bei dieser Wahl wenig um Inhalte ging. Die Wahlkabine (ein Wahlorientierungsprogramm, Anm. d. Red.) hat mir nach meinen Schwerpunkten KPÖ vorgeschlagen, trotzdem habe ich am Ende SPÖ gewählt. Das Wort „Kommunismus“ hat mich eben doch abgeschreckt. Generell war die Wahl in Österreich eindeutig eine Personenwahl, bei der die großen Parteien vor allem mit den Ängsten der Menschen Stimmen geholt haben.

 

Ich persönlich habe Angst davor, dass Rechtsextremismus salonfähig wird. Obwohl, eigentlich ist er das schon. Meinungsfreiheit hin oder her, Fremdenhass schränkt die Freiheit ein und das bekommt jetzt noch mehr Öffentlichkeit. FPÖ und ÖVP machen diesbezüglich keinen Unterschied. Ich war sehr klein, als es die letzte blau-schwarze Regierung gab, aber ich erinnere mich noch daran, wie das war. In der Schule wurden Kinder, die aus anderen Ländern kamen, offen diskriminiert. Jetzt, wo ich drüber rede, bin ich echt aufgewühlt. Die Stimmung im Freundeskreis und auf der Arbeit ist eher gedrückt.“

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