Das sind Johanna Uekermann (oben links), Julia Schramm (oben rechts), Antonia Niecke (unten links) und Jamila Schäfer (unten rechts).

Das sind Johanna Uekermann (oben links), Julia Schramm (oben rechts), Antonia Niecke (unten links) und Jamila Schäfer (unten rechts).

Fotos: privat, Nick Neufeld, Junge Union Hamburg, Erik Marquardt; Collage: Janina Schmidt

„Zeckenschlampe. hoffentlich wirst du bald mal von einem n*wort vergew*ltigt. stück dreck leg dir mal ein paar titten zu, du nutte.” Was antworten, wenn dir jemand so etwas bei Facebook schreibt? Diese Frage stellte sich Julia Schramm (31), Mitglied des Landesvorstands der Berliner Linken, als sie Anfang des Jahres beschloss, jeden einzelnen Hasskommentar in den Sozialen Netzwerken und ihrem E-Mail-Postfach zu beantworten. Deren Gesamtheit hält sie in einem tumblr fest, der demnächst als Buch erscheint. Über 100 Seiten gedruckter Hass. Bedrückend für den Leser, Normalität für Schramm und viele andere Politikerinnen.

Warum ist das so? Um das herauszufinden, haben wir mit Schramm und weiteren Jungpolitikerinnen verschiedener Parteien gesprochen. Wir wollten von ihnen wissen, wie oft, wo, von wem und wie sie im Netz beleidigt werden. Wie sie damit umgehen, was sie dagegen tun, was sie anderen Frauen raten und was sie von ihren Politikerkollegen fordern. Denn in einer Sache sind sie sich einig: Die Debatte darüber, wie mit Hass in sozialen Netzwerken umgegangen wird, ist zu schwach.

„Je nachdem wozu ich mich äußere, kommen hundert E-Mails und Hasskommentare”, sagt Johanna Uekermann (29), Bundesvorsitzende der Jusos. Den Überblick über die Anzahl hat sie verloren. Bei einer Studie unter Parlamentarierinnen gaben fast 45 Prozent der Befragten an, bereits Mord-, Gewalt- oder Vergewaltigungsandrohungen erhalten zu haben. Hillary Clinton wurde im Wahlkampf doppelt sooft auf Twitter beschimpft wie Bernie Sanders. Neben Gamerinnen, Journalistinnen und Menschenrechtlerinnen, so schreibt der Europarat, seien besonders Politikerinnen von Hate Speech betroffen. Hate Speech, so nennt man das Phänomen, wenn im Netz gezielt mit Worten und Bildern gehetzt wird. Häufig rassistisch, antisemitisch oder sexistisch, immer abwertend und manchmal gewaltverherrlichend. Die Zahl der Straftaten im Bereich solcher rechtlich relevanter Hasspostings ist von 2014 bis 2016 um mehr als 50 Prozent auf 3177 gestiegen. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.

Der Hass im Netz, so haben diverse Studien herausgefunden, ist überwiegend männlich. Schramm kann das bestätigen. „Ich schätze, fast 80 Prozent der Kommentare schreiben Männer.” Die Opfer hingegen sind, wie sie, vornehmlich weiblich.

Natürlich werden auch Männer im Internet gemobbt und verhöhnt. Seltener jedoch wird ihnen mit Vergewaltigung gedroht, seltener ihr Körper in den Mittelpunkt der Hasstirade gestellt. „In der gesellschaftlichen Wahrnehmung werden Frauen oft symbolisch verzerrt und einer bestimmten Rolle zugeordnet”, erklärt Dorothee Scholz. Die Berliner Diplom-Psychologin beschäftigt sich seit Jahren mit Hate Speech, gibt deutschlandweit Workshops zu dem Thema. Frauen seien grundsätzlich anfälliger dafür, Projektionsfläche für bestimmte Bedürfnisse sowie Sex- oder Gewaltphantasien zu werden. Bei Anfeindungen ihnen gegenüber gehe es oft um Machtausübung durch ein Zurückdrängen in die Objektrolle.

Besonders auffällig sei dies bei Politikerinnen, die mit traditionellen Geschlechtervorstellungen brechen, indem sie nach politischer Gestaltungsmacht streben. „Manche Männer fühlen sich dadurch in ihrer Identität und ihrem Weltbild bedroht  insbesondere, wenn ihr Selbstwert stark von der eigenen Geschlechterrolle abhängt”, so Scholz.

Die sexuellen Fantasien findet Schäfer teilweise sogar schlimmer als die Morddrohungen

Jamila Schäfer, Bundesprecherin der Grünen Jugend, kennt Kommentare, die ihr Aussehen thematisieren, nur zu gut. „Häufig findet eine starke Sexualisierung und Infantilisierung meines Körpers statt.” Man nennt sie „Kind” oder „Püppchen”. Die sexuellen Fantasien findet Schäfer teilweise sogar „schlimmer als die Morddrohungen.” Häufig gehe es den Verfassern darum, ein Bild weiblicher Unterlegenheit zu zeichnen, Besitz über Körper und Geist der Frau zu ergreifen. „Manche fantasieren, mir durch Vergewaltigung ihre eigene Meinung zu injizieren”, so Schäfer. „Aber hübsch isse. Mit etwas Arbeit können wir sie zum Guten bekehren. Ich erkläre mich bereit” – das ist einer der harmloseren Kommentare dieser Art.

Massiv zugenommen hätten die Hassattacken, so Uekermann von den Jusos, seit sie sich für Geflüchtete und ein offenes Europa einsetzt. In einer E-Mail, Betreff: „Du linksversiffte Nutte”, wird gefordert mit der “Volksverräter-Fotze, die unser schönes deutsches Land mit noch mehr Dritte-Welt-Abschaum überfluten will,” kurzen Prozess zu machen. Wie sooft hat die E-Mail keinen erkennbaren Absender, unterzeichnet ist sie mit „deutschem Gruß”. Die meisten Hassmails, die schlimmsten Kommentare, da sind sich die befragten Politikerinnen einig, kommen von Rechtsaußen. „Oft ist am Profilbild erkennbar, dass die Verfasser die AfD unterstützen oder sich mit Größen der rechten Szene solidarisieren”, sagt Schäfer.

„Die Abrissbirne sollte man erstmal an deinem Kopf ausprobieren, bevor man es an der Flora tut”, steht in einer anonymen Mail.

Auf der Liste derjenigen, die den Hass abbekommen, stehen hingegen laut Julia Schramm die Grünen ganz oben. Gefolgt von der Linken und der SPD. Doch auch CDU-Politikerinnen gehe es nicht wesentlich besser. „Die werden zwar bei einigen Themen weniger grundsätzlich angegriffen, bekommen aber auch ordentlich Druck”. Von rechts und von links. „Die Abrissbirne sollte man erstmal an deinem Kopf ausprobieren, bevor man es an der Flora tut”, steht in einer anonymen Mail, die Antonia Niecke (26), Landesvorsitzende der Jungen Union Hamburg, bekommt, nachdem sie sich in einem Video gegen Linksextremismus ausspricht.

Seit sie durch ihr Amt vermehrt in der Öffentlichkeit steht, hat sie rund 30 solcher Kommentare und Mails bekommen. Die Absender: „Zu etwa 95 Prozent männlich”. „Wir sammeln nur das Lustigste und das Heftigste”, sagt Niecke. „Dass ich scheinbar dick und kurzsichtig bin, ist echt ein Thema.”

Empfinden die Verfasser von Hate Speech tatsächlich Hass? Und wenn ja, gegen wen eigentlich? Julia Schramm von der Linken sagt: „Unser System produziert ständig Verlierer. Das sind Menschen, die Demütigungen und Enttäuschungen erfahren haben.”

So sieht das auch Dorothee Scholz. „Wenn jemand sich von der Komplexität der Moderne überfordert fühlt, kommt es zu Rückzugsimpulsen und einer vereinfachten Unterteilung der Welt in Freund und Feind". Gewaltphantasien gegenüber diesen vermeintlichen Feinden zu äußern, verschaffe den Verfassern eine kurzfristige Befriedigung, sagt Scholz. „Psychisches Fastfood” nennt sie das. Die Hater fühlen sich überlegen und erhalten oft noch sozialen Zuspruch, der Selbstwert werde gefüttert  auf Kosten der Betroffenen.

Mögliche Folgen für die Opfer von Hate Speech: psychische Erkrankungen, Suchtmittelkonsum oder sogar Suizidgedanken.

Julia Schramm bekam nach ihrem letzten Shitstorm therapeutische Hilfe. „Das kann ich jedem empfehlen”. Sie schrieb zudem Erfahrungsberichte, arbeitete als Hate-Speech-Referentin in einer Stiftung, verfasste das eingangs erwähnte Buch. „Ich habe das eben auch monetarisiert. Für mich ein guter Umgang, auch wenn die Auseinandersetzung viel Kraft gekostet hat.”

Dorothee Scholz rät Betroffenen, zunächst Accounts zu blocken, Unterstützung im sozialen Umfeld zu suchen und sich auf ein positives Selbstbild zu fokussieren. Man müsse sich klarmachen: „Es geht im Fall von Hate Speech niemals um die Person selbst, sondern um das, wofür sie in den Augen der Hater steht.” Wenn die emotionale Belastung allerdings langfristig anhält, rät Scholz zur Beratung oder Therapie. Denn von Hate Speech betroffen zu sein, könne starke Selbstzweifel, Verlust- und Isolationsängste auslösen. Mögliche Folgen: psychische Erkrankungen, Suchtmittelkonsum oder sogar Suizidgedanken.

Die Politikerinnen versuchen Hate Speech weitgehend von sich fern zu halten. Manche lassen ihre E-Mails von Mitarbeitern vorfiltern, andere haben einen verifizierten Twitter-Account, was dafür sorgt, dass ihnen rund 80 Prozent der Kommentare, etwa von kleinen (Troll-) Accounts, nicht angezeigt werden. „Ich habe ein Politikerinnen-Profil bei Facebook. Da kann ich zum Glück die krassesten Beleidigungen einfach selbst löschen”, erklärt Juso-Chefin Johanna Uekermann. Kommentare oder Profile bei Facebook zu melden, habe ihr noch nie etwas gebracht. „Angeblich haben die nie gegen die Gemeinschaftsstandards verstoßen…”

Das könnte sich ab Oktober ändern, wenn das von Heiko Maas (SPD) initiierte Netzwerkdurchsetzungsgesetz in Kraft tritt. Es verlangt von sozialen Netzwerken wie Facebook gemeldete Inhalte, die offensichtlich rechtswidrig sind, innerhalb von 24 Stunden zu löschen – sonst drohen Bußgelder. „Facebook wird dadurch zum Richter über die Meinungsfreiheit“, kritisiert Jamila Schäfer. Denn der Konzern könne das Gesetz privat auslegen, die Löschkriterien seien völlig unbekannt. Antonia Niecke von der JU ist ohnehin dagegen, Beiträge zu löschen. „Wenn ich etwas aus dem Netz nehme, schaffe ich eine Welt, die nicht der Wahrheit entspricht”, sagt sie.

„Die Gesellschaft steht in der Verantwortung, ihre Mitglieder zu schützen und Hate Speech nicht einfach zu ignorieren”

Liegt die Lösung vielmehr in einer gerechten Community? Im letzten Jahr, als Julia Schramm grade wieder massiv für einen Tweet attackiert wurde, starteten Twitter-User die Solidaritäts-Aktion #teamjulia für sie. Tausende Nutzer, so erzählt sie, drückten unter dem Hashtag ihre Solidarität aus. „Die Gesellschaft steht in der Verantwortung, ihre Mitglieder zu schützen und Hate Speech nicht einfach zu ignorieren”, meint Dorothee Scholz. Denn auch wenn die Hater eine Minderheit darstellten, sei die Normalisierung einer gewalthaltigen Einstellung gegen bestimmte Gruppen gefährlich und trage zu deren schleichender Ausgrenzung bei.

Ein Phänomen, das auch vor Pogromen und Kriegen häufig zu beobachten sei. „Die betroffenen Gruppen werden als weniger menschlich wahrgenommen, neuronale Prozesse wie die Empathiefähigkeit regelrecht ausschaltet”. Untersuchungen, so Scholz, zeigen jedoch, dass die große Mehrheit der Menschen keine hasserfüllte Einstellung hegen. „Wenn die aus ihrer Position des Schweigens heraustreten und sich mäßigend in populistischen Diskussionen äußern, hat das eine spürbar positive Wirkung auf die Debattenkultur.”

Die letzte Instanz, um sich gegen Hate Speech zu wehren, ist eine Anzeige. „Ich mache das immer, wenn es sich um Morddrohungen oder Vergewaltigungsfantasien handelt”, sagt Juso-Chefin Uekermann. „Inzwischen habe ich einen ganz guten Draht zum LKA”. Zu einer Verurteilung kam es bisher allerdings nie. „Nicht ermittelbar”, heißt es dann. So erging es auch Jamila Schäfer von der Grünen Jugend mit ihrer Klage. „Dabei hatte ich sogar Klarnamen und Adresse des Täters.” Allein Julia Schramm war mit einer Verleumdungsklage erfolgreich. „Generell reichen die hierzulande bestehenden Gesetze aus, um Hate Speech zu ahnden”, meint sie. Warum wird trotzdem so wenig weiterverfolgt?

„Die Polizei ist zu wenig geschult, es mangelt an Medienkompetenz”, kritisiert Schäfer. Auch die Kompetenzfrage sei unklar, da das Internet als Tatort nicht auf ein Bundesland festgelegt ist. „Wenn ich mich an eine Landesbehörde wende, fragen die mich: Warum melden Sie sich bei uns und nicht woanders?”, so Schäfer. Die Unsicherheit bezüglich der Rechtslage, der hohe Aufwand und der emotionale Stress dürfte viele Betroffene von einer Anzeige abhalten. „Es kostet nur Steuergelder, wenn irgendein Verwaltungsbeamter die Akten von einer Seite zur anderen schiebt”, sagt zudem Antonia Niecke. Sie hat bisher niemanden angezeigt. Sorge, dass jemand seine Gewaltandrohungen wahrmachen könnte, habe sie nicht. Tatsächlich sagt auch Dorothee Scholz: „Von den Menschen, die im Netz Drohungen äußern, werden nur sehr wenige zu tatsächlichen Gewalttätern.” Johanna Uekermann findet es trotzdem wichtig, Anzeige zu erstatten, „damit diese Fälle in die Statistik eingehen.”

 

„Es ist ein Zeugnis des Versagens unserer Gesellschaft, dass wir dieses Problem in der Form haben”, sagt Julia Schramm. Daher müsse man sich auch als solche Gedanken über den Umgang mit Hate Speech machen. Etwa darüber wie man Zivilgesellschaft digital neu organisiert. „Ich finde es schade, dass die Politik so wenig Angebote für Erwachsene im Bereich Medienkompetenz schafft ”, meint Jamila Schäfer. Dabei sind es ja gerade die Älteren, die nicht mit Smartphones und Sozialen Medien aufgewachsen sind. Auch Dorothee Scholz befürwortet Prävention auf Täterseite. Der eigentliche Ansatz liege jedoch in einer systematischen Reduktion von Chancenungleichheit, Armut und Bildungsdefiziten. „Je gewappneter, versorgter und sicherer Menschen ihrer Zukunft begegnen können, desto weniger müssen sie sich über Rückzug und Hass stabilisieren.”

 

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