In der App werden Menschen zusammengeführt, die sich im echten Leben vielleicht nie getroffen hätten.

In der App werden Menschen zusammengeführt, die sich im echten Leben vielleicht nie getroffen hätten.

Foto: rawpixel / Unsplash / Diskutier Mit Mir

Dass Menschen mit unterschiedlichen Meinungen miteinander reden und ihre politischen Auffassungen diskutieren, wird immer wichtiger. Und es bringt interessante Ideen hervor: Am vergangenen Wochenende zum Beispiel diskutierten Tausende Teilnehmer bei „Deutschland spricht“, einer gemeinsamen Aktion verschiedener Medien wie Zeit Online, Tagesschau und Süddeutsche Zeitung, miteinander.

Mit dem Konzept lassen sich aber auch ganze Start-ups gründen. Louis Klamroth, 28, saß vor der Bundestagswahl im vergangenen Jahr mit ein paar Freunden zusammen – und war besorgt. Die Stimmung im Wahlkampf war gereizt, die im Internet sowieso. „Wir wollten was gegen diese Polarisierung tun, damit die Meinungsblasen mal platzen und sich nicht alle nur in sozialen Netzwerken anschreien“, sagt Louis heute. So entstand innerhalb kürzester Zeit „Diskutier mit mir“, eine Online-Plattform für Meinungsaustausch. Ab diesem Freitag, rechtzeitig zum Endspurt im bayerischen Landtagswahlkampf, gibt es sie auch als App.

„Wenn man ein Gegenüber zum Streiten finden will, muss man schon wissen, wofür oder wogegen man ist“

Das Prinzip ist einfach: Man meldet sich mit Mailadresse und Benutzernamen an, darf aber auch anonym bleiben. Das Alter und das Bundesland werden abgefragt, denn hier sollen sich Menschen unterhalten, die sich im echten Leben nie begegnen würden: eine 22-Jährige aus Hamburg und ein 50-Jähriger aus Sachsen zum Beispiel. Schließlich muss man sich noch politisch verorten – links, Mitte links, Mitte, Mitte rechts, rechts – und angeben, für welche Partei man ist, bevor man mittels Algorithmus einen möglichst gegensätzlichen Partner zum Chatten zugeteilt bekommt. Mit dem kann man dann in einem geschützten Chat diskutieren, so viel man mag.

Schreckt es nicht viele ab, dass sie sich einer bestimmten Richtung und sogar Partei zuordnen müssen? Louis winkt ab. Anders mache es eben keinen Sinn. „Sonst kann man auch gleich mit seinen Freunden diskutieren. Aber da stimmt man halt meistens überein. Genau das wollen wir ja verhindern“, sagt er. „Wenn man ein Gegenüber zum Streiten finden will, muss man schon wissen, wofür oder wogegen man ist.“ Das Risiko, dass viele deshalb verunsichert sind und einfach auf die Mitte klicken, sieht er nicht: „Das Verhältnis zwischen Menschen, die sich politisch rechts und politisch links verortet haben, war ziemlich genau 50/50.“ So hätten sich während der Testphase bei der Bundestagswahl 2017 20.000 Gespräche ergeben.

Ich probiere es selbst aus: registrieren, bestätigen, neuen Chat anlegen. Ich wähle „Landtagswahl Bayern“  aus und – aus reiner Neugier, was dann passiert – „Die Partei“. Nach ein paar Minuten wird mir ein User mit AfD-Logo im Profil zugeteilt. Wir bekommen eine zum Wahlkampf passende These vorgelegt, der wir zustimmen oder sie ablehnen können: „Die Pflicht, ein Kreuz in jeder Amtsstube aufzuhängen, ist falsch.“ Wir haben beide auf „stimme zu“ geklickt und einigen uns darauf, eine neue These auszuwählen. Ich will ihn herausfordern. Wir entscheiden uns für „Bis über einen Asylantrag entschieden wurde, sollten Geflüchtete in zentralen Sammelstellen (sog. Ankerzentren) untergebracht werden“.

In der folgenden Stunde passiert etwas, das mich wirklich überrascht: Wir reden tatsächlich miteinander und das sogar recht höflich. Ich halte Massenunterkünfte und das Warten auf Abschiebung nach monatelanger Flucht für unzumutbar. Mein Gegenüber findet, warmes Essen und ein Dach über dem Kopf seien doch eine super Sache. Ich sage: „Ich glaube, dass wir noch viel mehr Menschen aufnehmen könnten.“ Er sagt: „Wir sind jetzt schon überfordert.“

Ich merke: Im real life hätte dieses Gespräch so nie stattgefunden

Zum Streit kommt es erst, als es um die Kriminalitätsstatistik geht, aus der er hartnäckig eine höhere Kriminalität durch Geflüchtete ableitet – aber auch da weitgehend sachlich, ohne Beleidigungen. Schließlich sage ich, ich müsse jetzt leider weiterarbeiten. Er: „Okay, auf Wiedersehen!“ Natürlich bekehrt am Ende keiner den anderen, aber dafür fragen wir einander immerhin viel. Und ich merke: Im real life hätte dieses Gespräch so nie stattgefunden. Nicht zuletzt deshalb, weil ich weder Lust noch eine einfache Gelegenheit gehabt hätte, mich mit einem AfD-Wähler von Angesicht zu Angesicht zu unterhalten.

„Wir haben uns für ein digitales Format entschieden, weil es niedrigschwellig ist“, sagt Louis. „Wir wollen diskursive Missstände, dort bekämpfen, wo sie entstehen: online. In der Realität traue ich mich vielleicht nicht so leicht, bestimmte Argumente zu äußern.“ Der Kern der Idee ist aber die des geschützten Dialogs, der eine andere Plattform bieten soll, als es online bisher die Regel ist: „Es gibt ein Bedürfnis nach Räumen, wo sich nicht immer alle in ihre Ecken zurückziehen oder Applaus dafür bekommen, wenn sie möglichst krass auftreten, wie es häufig in sozialen Netzwerken und in Kommentarspalten passiert“, sagt Louis. „Man hat keine Bühne, keine anderen User, die Benzin ins Feuer kippen. Man ist gezwungen, sich auf sein Gegenüber einzulassen.“

Zur Europawahl 2019 planen Louis und seine Mitgründer eine Art paneuropäische Plattform

Die 20.000 Gespräche aus der ersten Phase seien ähnlich zivilisiert abgelaufen wie meins, erzählt er. Nur dreimal wurden User so oft von anderen wegen Beleidigungen gemeldet, dass sie gesperrt wurden. Mitlesen kann das Team die Chats nicht. Das sei auch gar nicht nötig, sagt Louis: „Wenn man ausfallend wird, geht der andere. Und dann steht man da alleine in einem dunklen Raum und es hört keiner mehr zu.“ Bis zu sieben Gespräche gleichzeitig kann man bei „Diskutier mit mir“ starten und sich dabei jedes Mal neu positionieren – denn vielleicht will man ja ein Argument testen oder ändert seine Meinung.

Louis kennt sich mit Debatten aus: Auf n-tv hat er seine eigene Talkshow, in der er regelmäßig mit Spitzenpolitikern diskutiert. Er findet aber, es sollte nicht immer nur um die Entscheider gehen: „Politik muss von uns allen gestaltet werden.“ Er und seine Mitgründer arbeiten immer noch ehrenamtlich, das redaktionelle Team der Plattform und die Programmierer werden ganz normal bezahlt. Unterstützung gab es dafür unter anderem von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und der Stiftung Mercator. Das vergangene Jahr hat das Team genutzt, um die Seite weiterzuentwickeln und hübscher zu machen. Jetzt kommt der Neustart inklusive App.

Für die kommenden Landtagswahlen funktioniert der Algorithmus vor allem danach, wie User sich im Parteiensystem verorten. Zur Europawahl 2019 planen Louis und seine Mitgründer eine Art paneuropäische Plattform, auf der Schweden mit Polen oder Italiener mit Ungarn diskutieren können. Funktionieren soll sie wie Tinder: Man bekommt fünf Thesen vorgelegt, die man dann nach rechts oder links swipen kann, und wird dann mit einem Gegenüber gematcht, das möglichst gegensätzlich abgestimmt hat. Gerade sind erste Teams unterwegs, um Themen zu suchen, die die jeweiligen Länder beschäftigen und die auch in anderen Teilen Europas für Diskussionen sorgen könnten.