In einem Auto mit einem Ausländerfeind und einem Flüchtling

Während der Fahrt hat unsere Autorin kapiert: Jeder kann ein sturer Pfosten sein.
Von Eva Fritsch
Foto: Hindemitt / photocase.de

Halb sechs Uhr abends, ein Aldi-Parkplatz im Süden Deutschlands: Ich habe meinen Rucksack dabei und warte auf meine Mitfahrgelegenheit, die mich gleich von Bayreuth nach München bringen wird.  Eine Fahrt wie unzählige Fahrten zuvor: Gepäck in den Kofferraum, ich selbst am liebsten auf die Rückbank, ein wenig plaudern und dann ein wenig dösen. Was man bei einer Mitfahrgelegenheit eben so macht. Heute liegen ungefähr zweieinhalb Stunden vor mir, Wasserflasche, Käsebrot und Schokoriegel habe ich griffbereit.

Doch dieses Mal ist es anders. Allein das Auto schon: Ein weißer Lieferwagen, mit einer Ladefläche hinten und vorne in der Fahrerkabine drei Plätzen. Ungewöhnlich, aber gut, warum nicht, denke ich. Vielleicht ergibt sich dadurch ja eine besonders nette Gesprächssituation?

Der Fahrer ist ein etwa 35-jähriger Mann aus Gera. Er ist recht massig gebaut, hat nicht mehr sehr viele Haare auf dem Kopf und arbeitet als Spediteur. Der andere Mitfahrer ist ein junger Mann aus Afghanistan. Er ist erst vor einigen Monaten nach Deutschland gekommen, ist zierlich und sieht noch ziemlich jung aus. Ich schätze ihn auf Anfang oder Mitte zwanzig.

Was sich am Ende der Fahrt herausstellt, klingt fast zu unwahrscheinlich, um wahr zu sein: Ich war tatsächlich auf engstem Raum gefangen mit einem Ausländerfeind – und einem afghanischen Flüchtling. So muss es sich also anfühlen, wenn man zwischen den Stühlen sitzt –  im wortwörtlichen Sinn. 

Doch von vorne: Zunächst rede ich nur mit dem jungen Mann aus Afghanistan. Er spricht nur Englisch, der Fahrer aus Gera nur Deutsch. Das ist zum einen gut, weil es ein Eskalieren der Situation unmöglich macht. Es ist für mich aber auch schwierig, denn ich spreche beide Sprachen. Trotzdem gelingt es mir nicht, ein Gespräch zwischen den beiden herzustellen - beide scheinen kein Interesse daran zu haben.

 

Der junge Mann kommt aus Kabul und hat sieben Brüder. Nach Deutschland ist er gekommen um zu arbeiten, momentan in einem Edeka-Markt im Münchner Norden. In Deutschland gefällt es ihm recht gut. Nur für eines hat er kein Verständnis: Frauen, die arbeiten. „Die deutschen Männer bringen den deutschen Frauen keinen Respekt entgegen, sonst würden sie sie nicht arbeiten lassen.“ Als ich ihm erkläre, dass die deutschen Frauen arbeiten wollen, reagiert er verständnislos und wütend. In Afghanistan funktioniere das nicht so, dort behandele man die Frauen respektvoll und ehrbar. Ich versuche, ihn zu verstehen und gleichzeitig zu erklären, warum es in unserer Kultur anders ist.

Ich scheitere mit meinem Erklärungsversuch und gebe schließlich auf.

 

Der Fahrer hat sich in der Zwischenzeit nicht geäußert oder mich gefragt, worüber der junge Afghane und ich uns unterhalten. Und das, obwohl wir schon gut zwei Stunden unterwegs sind. Ab und zu sieht er zu uns herüber, in das Gespräch einbringen möchte er sich aber offensichtlich nicht. Irgendwie komisch, denke ich, normalerweise ist man als Fahrer schon daran interessiert, sich an der Unterhaltung zu beteiligen und sie vor allem am Anfang der Fahrt in Gang zu bringen. Man will ja schließlich wissen, wen man da bei sich mitfahren lässt. Bei der heutigen Reise scheint aber nicht nur die Sprachbarriere der Grund zu sein für ein langes Schweigen.

 

Später lässt der Fahrer den afghanischen Mann in der Nähe seines Wohnorts aussteigen. Er zahlt und verabschiedet sich schnell. Wütend ist er nicht mehr. Nach der Warum-arbeiten-Frauen-eigentlich-Diskussion schwärmte er von einem Mädchen, das er toll findet. Sie ist aus Afghanistan, so wie er. Gemeinsam mit mir überlegte er, wie er sie am besten für sich gewinnen kann. Unsere vorherige Auseinandersetzung schien nun nicht mehr von Bedeutung zu sein. Etwas unwohl war mir aber nach wie vor: Seine aggressive Reaktion bei unserem letzten Gespräch hatte ich noch nicht vergessen.

 

Bald merke ich: Ich rede gegen eine Wand

 

Sobald der Mann aus Kabul das Auto verlassen hat, fängt der Fahrer an zu reden. Fragt mich, wovon der andere Mitfahrer erzählt habe. Und schon wieder fühle ich mich ohnmächtig: Denn was nun kommt, sind Hasstiraden auf Flüchtlinge und auf die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel. Wieder versuche ich meinen Standpunkt zu erklären und meinem Gesprächspartner zu widersprechen, dessen Vorwürfe von „Seit die Flüchtlinge da sind, gibt es viel mehr Straftaten! Die machen unsere deutschen Frauen an!“ und „Der Flüchtling hatte sogar ein besseres Handy als ich!“ reichen. Dass Flüchtlinge eine Bereicherung für die deutsche Gesellschaft sind, dass sie zu uns kommen, weil in ihren Heimatländern Krieg oder Armut herrscht und viele verfolgt werden, will er nicht einsehen. Und dass die Straftaten, die von Flüchtlingen begangen werden, gesunken sind und es dagegen immer mehr fremdenfeindliche Gewalt gibt, wie ich vor Kurzem in einem Zeitungsartikel gelesen habe, lässt ihn ebenso unberührt. In ihrer Sturheit sind die beiden sich gar nicht so unähnlich. Vielleicht würden sie sich in mancherlei Hinsicht sogar sehr gut verstehen? Aber ohne gemeinsame Sprache: unmöglich.

 

Bald merke ich: Ich rede gegen eine Wand. Immer mehr fühle ich mich wie ein schlechter Statist, der in diesem Kammerspiel nicht gegen die Hauptdarsteller ankommt. Ich traue mich kaum mehr, noch zu widersprechen, denn irgendwie sitzt mein Gesprächspartner ja auch am längeren Hebel. Es ist sein Auto, ich bin auf Zeit wie „gefangen“, denn einfach auf der Autobahn aussteigen möchte ich ja auch nicht.

 

Wie gehe ich mit der Machtsituation um?

 

Ich frage mich, wie man in solchen Situationen am besten umgeht, wenn man eine Dienstleistung in Anspruch nimmt und dann ja auch so etwas wie ein Machtverhältnis besteht. Unter anderen Umständen hätte ich bestimmter reagiert, hätte mich auch physisch viel früher distanziert. Mich ärgert es, dass ich mich nicht in der Art und Weise wehren konnte, wie ich es normalerweise, zum Beispiel bei einem Gespräch auf einer Feier, getan hätte. Vielleicht habe ich mich zu schnell einschüchtern lassen? Ich nehme mir vor, beim nächsten Mal stärker meinen Standpunkt zu vertreten. Doch in dieser absurden Situation, muss ich zugeben, hat mich die unterschwellige und bald offensichtliche Aggression einfach zu sehr überrascht und handlungsunfähig gemacht.

 

Selbst als die Fahrt eigentlich beendet ist, wir also am Ziel angekommen sind, hält der Fahrer an seinem Monolog fest. Kurz vor dem Aussteigen fragte ich ihn, warum er dann, trotz seines offensichtlichen Hasses auf Flüchtlinge und ausländische Mitbürger, den jungen Afghanen mitgenommen hat. Eine richtige Antwort kann er mir nicht geben. Es schien ihm wohl eher um den wirtschaftlichen Aspekt gegangen zu sein. Warum sich der junge Afghane in Deutschland befindet, aus welchen Gründen er geflohen ist und welche Hoffnungen er in seine neuen Heimat Deutschland hat - all diese Fragen scheint sich der Fahrer nicht zu stellen. Dabei wäre genau diese Fahrt eine Möglichkeit gewesen, zu verstehen - und vielleicht mit Vorurteilen aufzuräumen. Und vielleicht wäre es dann auch an mir gewesen, trotz des Desinteresses der beiden die Rolle des Dolmetschers zu übernehmen und quasi zwischen den Kulturen zu vermitteln.

 

Dennoch: So wenig offen, wie sich die beiden gegenüber meinen Meinungen gezeigt haben, so verschlossen wären sie vermutlich im Fall einer Übersetzung auch gegenüber einander gewesen. Was bleibt, ist der fahle Nachgeschmack von engstirnigen Meinungen - auf beiden Seiten. Und letzten Endes die Erkenntnis: Intoleranz ist keine Frage der Kultur, sondern des Charakters.

 

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