Seehofer und Wagenknecht diskutieren an der Realität vorbei

Und zwar mit Absicht. Obwohl sie genau das Gegenteil behaupten.
Kommentar von Quentin Lichtblau
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Illustration: Veronika Günther

Der Juli 2016 wird als Monat der Gewalt in die Geschichte eingehen. Gleich drei Fälle von abstoßender Brutalität, mehrere Tote, zwei davon inklusive Selbstmord – und immer das gleiche Täterprofil: 53-jährige Männer. Es ist anzunehmen, dass es sich um Deutsche handelt.

"Es hilft nichts, wenn wir an der Realität vorbeidiskutieren", sagte Horst Seehofer am Dienstag angesichts der angespannten Sicherheitslage in Deutschland. Er bezog sich dabei allerdings nicht auf Kalchreuth, Leinfelden oder Ravensburg, sondern auf Nizza, Würzburg und Ansbach.

Was diese "Realität" denn genau sein soll, das lieferte er direkt im nächsten Satz: Unter den vielen Flüchlingen gäbe es Menschen mit Gewaltpotenzial, das sei "kein Generalverdacht, sondern Fakt." Die Konsequenz: Mehr Polizei, mehr Überwachung, mehr Abschiebungen, im Zweifelsfall wohl auch in Kriegsgebiete. Sein Kollege Armin Schuster verlangte sogar eine "Abschiedskultur" anstelle der 2015 noch in aller Welt bestaunten Willkommenskultur, die nun doch bitte endlich mal kippen möge.

Am anderen Ende des politischen Spektrums überholte Sahra Wagenknecht mit Vollgas auf der rechten Spur und sah die "Ereignisse der letzten Tage" als Beweis für die erheblichen Probleme bei der Integration von Flüchtlingen. Der Staat müsse alles tun, damit sich "die Menschen in Deutschland wieder sicher fühlen" könnten. Im Umkehrschluss soll das wohl bedeuten, dass man sich in Deutschland im Moment nicht sicher fühlen kann – wegen des Terrors? Wegen der Flüchtlinge? Für den Moment egal, dachte sich Wagenknecht wohl, aus dem Facebookpost kann sich jeder das rauslesen, was er verstehen mag. Differenzierung schadet der Realität ja nur.

Und obwohl auch Wagenknecht sich in AfD-esker Zurückrückrudermanier mit einem späteren Post von einem Generalverdacht distanzierte, surft sie in ihrer Argumentation doch exakt auf der grauen Vollhorst-Welle: Viele Flüchtlinge gleich mehr Terror gleich weniger Sicherheit für Deutschland gleich "Realität".

Das Kreuz mit der Realität ist aber nun einmal, dass sie immer ziemlich subjektiv ist. Zumindest, wenn man sie so ausgibt, wie Seehofer und Wagenknecht das tun: begründet auf einen empirischen Fliegenschiss. Zwei von 1,25 Millionen Flüchtlingen in Deutschland, was sagen die über die anderen 1240998 aus? In Deutschland leben übrigens knapp 700.000 53-jährige Männer, Tendenz steigend. Ein Grund zur Angst? Alles Messerstecher? Eben.

 

Oder anders – und mit echter Empirie – eingeordnet: Laut BKA liegen derzeit 410 Hinweise auf verdächtige Flüchtlinge vor. In 60 Fällen resultierten daraus überhaupt ernsthafte Ermittlungen. Das Risiko, Opfer eines Terroranschlages zu werden, liegt nach wie vor bei 1 zu 27 Millionen. Wer sein Urteil auf solchen Zahlen begründet, kann sich also in Deutschland nach wie vor mehr als sicher fühlen.

 

Leider können wir von Natur aus solche Wahrscheinlichkeiten nur schwer verinnerlichen. Die Angst ist im Menschen angelegt. Gerade die letzten Wochen haben den perfekten Dünger für Vorurteile, Panikreflexe und Abschottungsgedanken geliefert. Während dieser Text entsteht, endet eine Geiselnahme in Nordfrankreich mit einem Todesopfer.

 

Das ist tragisch und macht Angst – es wäre allerdings falsch, sich allein aus solchen Ereignissen seine Version der Realität abzuleiten. Vor allem gewählte Volksvertreter sollten ihre Entscheidungen nicht mit gefühlten Wahrheiten und schwammigen Ängsten begründen. Es sei denn, sie wollen exakt diese Ängste bedienen, befeuern, ausnutzen. Ironischerweise ist genau das die Kernkompetenz der Terroristen.

 

 

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