Könnten Abtreibungen überall in den USA verboten werden?

Die Konservativen wollen das erreichen.
Von Niko Kappel und Nadja Schlüter

Die als Handmaid verkleidete Margeaux Hartline protestiert während einer Kundgebung gegen ein Abtreibungsgesetz vor dem Alabama State House.

Foto: Micky Welsh / dpa

Jennifer war 16, als sie vergewaltigt wurde. Während sie ihre Geschichte übers Telefon erzählt, kann man hören, dass sie das anstrengt. Ihre Stimme vibriert und immer wieder atmet sie mitten im Satz hörbar ein. Jennifer ging damals auf eine freikirchliche Schule der Adventisten an der Ostküste der USA und arbeitete mit einem älteren College-Studenten zusammen, der als Freiwilliger Musikprojekte an ihrer Schule betreute. Er lud sie dafür regelmäßig zu sich nach Hause an. An einem Abend wollte er den gelungenen Abschluss des Projekts feiern. Er mischte Jennifer Drinks, Cola mit Champagner, bis sie betrunken war. „Er nahm mich mit in seinen Keller, zog mir meine Hose aus und machte eine ganze Weile mit mir, was er wollte“, sagt sie.

Jennifer schämte sich, fühlte sich schuldig. Sie sprach mit niemandem darüber. Einige Wochen später bekam sie Bauchkrämpfe, sie hielt sie für Periodenschmerzen. Aber dann kamen ungewöhnlich starke Blutungen hinzu und die Schmerzen hielten an. Schließlich ging Jennifer ins Krankenhaus. Dort sagte man ihr, dass sie schwanger sei und die Blutungen sowohl das Leben des Kindes als auch ihres gefährdeten. Als die Ärzte sie fragten, ob sie die Schwangerschaft beenden wolle, stimmte sie zu.

Die Konservativen wollen die Abtreibungsgesetze im Land kippen

Jennifer, heute 34 Jahre alt, kommt aus Massachusetts, einem traditionell „blauen“, also von Demokraten geprägten US-Staat, in dem die Haltung zu Schwangerschaftsabbrüchen liberal ist. In vielen „roten“, also konservativen Staaten, werden derzeit allerdings neue, restriktivere Abtreibungsgesetze verabschiedet. Am vergangenen Donnerstag hat Missouri ein Gesetz erlassen, dass Schwangerschaftsabbrüche nur noch bis zur achten Woche erlaubt. In den Staaten Kentucky, Mississippi, Ohio, Georgia und Alabama gilt schon die sogenannte „Heartbeat“-Regelung. Abtreibungen sind nur noch legal, bis das Herz eines Fötus zu schlagen beginnt – also etwa bis zur sechsten Woche der Schwangerschaft.

In North Dakota und Iowa liegen CBS zufolge ähnliche Gesetzesvorlagen vor. Und in Alabama und Missouri dürfen demnach Abtreibungen nicht einmal bei Inzest oder Vergewaltigung durchgeführt werden. Bis jetzt sind die neuen Gesetze noch in keinem Bundesstaat in Kraft, überall wurden Klagen angekündigt oder bereits eingereicht. Genau das ist das Kalkül der konservativen Abtreibungsgegnern – denn so könnten die Gesetze bald vor dem Supreme Court verhandelt werden. Und wenn das passiert, könnte sich die Gesetzeslage zu Abtreibungen in den USA komplett ändern.

Durch die Welle an neuen Abtreibungsgesetzen auf Staatsebene wackelt die Rechtsauffassung

Die aktuelle rechtliche Lage geht auf den Fall Roe v. Wade aus dem Jahr 1972 zurück. Der Präzedenzfall legte das heute auf Bundesebene geltende Gesetz fest. Damals wurde entschieden, dass die bestehenden Gesetze zur Abtreibung das Recht der Frau auf Privatsphäre und die garantierte Rechtssicherheit verletzen, die im 14. Verfassungszusatz der USA festgeschrieben ist. Doch durch die Welle an neuen Abtreibungsgesetzen auf Staatsebene wackelt diese Rechtsauffassung wie nie. Denn der Supreme Court in Washington, vor dem die Gesetze verhandelt werden könnten, ist seit der Ernennung von Brett Kavanaugh durch Donald Trump im Oktober 2018 konservativ dominiert.

In einem Fall wie Jennifers wäre ein Schwangerschaftsabbruch auch in US-Staaten wie Georgia und Alabama noch abgedeckt, wenn dort die neuen Gesetze in Kraft treten würden, weil durch die Schwangerschaft ihr Leben in Gefahr war. Mit dieser Begründung bliebe ein Abbruch weiterhin legal – ein Abbruch infolge einer Vergewaltigung wäre es allerdings nicht mehr.

Jennifer ist sich sicher, dass sie damals die richtige Entscheidung getroffen hat und sich auch ohne Gefahr für ihre Gesundheit genauso entschieden hätte: „Ich hätte in diesem Alter auf keinen Fall ein Kind gewollt.“ Sie ist gerade 34 geworden, mit 26 ist sie noch mal aufs College gegangen und jetzt in ihrem Abschlussjahr. Sie sagt, dass es ihr ganz gut gehe, sie könne für sich selbst sorgen, finanziell reiche es gerade so. „Ich habe keinen Kontakt zu meiner Familie. Ich hätte keine finanzielle Unterstützung bekommen und niemanden gehabt, der mir mit dem Kind geholfen hätte. Meine Zukunft wäre zerstört gewesen.“

Ärztinnen und Ärzte, die Abtreibungen weiter durchführen, drohen hohe Gefängnisstrafen

Jennifer hat ihre Geschichte auf Twitter unter dem Hashtag #YouknowMe erzählt. Der wurde nach dem Beschluss in Alabama von der Schauspielerin Busy Philipps gestartet. Frauen berichteten daraufhin in Tweets von ihren Erfahrungen, um darauf aufmerksam zu machen, wie viele von den neuen Abtreibungsgesetzen betroffen sind und wie wichtig es ist, sich selbst für oder gegen ein Kind entscheiden zu können. Auch an anderer Stelle erzählen Frauen ihre Geschichten. Jenna King-Shepherd und Dina Zirlott aus Alabama haben online Texte darüber veröffentlicht. Dina wurde mit 17 nach einer Vergewaltigung schwanger. Im achten Monat wurde ein schwerer Hirnschaden bei ihrer ungeborenen Tochter Zoe festgestellt. Es war klar, dass sie nicht lange leben würde, aber ein Abbruch zu diesem späten Zeitpunkt der Schwangerschaft war gesetzlich nicht erlaubt.

„Es wäre eine Gnade gewesen. Zoe hätte nicht so viel Schmerz und nicht ihr kurzes Leben ertragen müssen… Und vielleicht wäre auch ich verschont geblieben“, schreibt Zirlott in ihrem Erfahrungsbericht. Zoe starb ein Jahr nach der Geburt. Jenna wurde mit 17 schwanger und wollte das Kind nicht. Sie hatte genug Geld, um die Anreise zur nächsten Klinik, die Schwangerschaftsabbrüche durchführt, bezahlen zu können – mittlerweile gibt es diese nicht mehr. Nur noch drei Kliniken in ganz Alabama führen aktuell Abbrüche durch.

Yashica Robinson arbeitet in einer dieser Kliniken. Sie ist Ärztin in einer Klinik für Schwangerschaftsabbrüche in der Stadt Huntsville in Alabama. Wenn man sie googelt, kommt man zuerst auf die Website abortiondocs.org. Die nennt sich selbst die größte Sammlung von Dokumenten über Amerikas „Abtreibungskartell“. Yashica Robinson ist dort unter „worst offenders“ gelistet, also „schlimmste Täter.“ In einem Interview mit CBS sprach sie sich deutlich gegen die neuen Gesetze in Alabama aus. „Eine Frau sollte Zugang zu der Versorgung haben die sie braucht, egal, welche Postleitzahl sie hat“, sagte sie. „Das Gesetz würde Mediziner daran hindern, das zu tun, was für ihre Patienten am besten wäre.“

Bald müssten betroffene Frauen in andere Bundesstaaten reisen

Wenn die neuen Gesetze in Kraft treten sollten, müssen betroffene Frauen in einen anderen Bundesstaat reisen. Viele können sich das nicht leisten. In ihrem gemeinsamen Artikel bitten Jenna und Dina nun die Gesetzgeber darum, umzudenken: „Wir glauben, dass es unzählige Gründe gibt, die Schwangerschaftsabbrüche nötig machen. Jeder davon ist berechtigt und das Gespräch darüber sollte zwischen einer Patientin und ihrer Ärztin stattfinden und nicht zu politischem Kanonenfutter werden.“ Wenn Ärztinnen wie Yashica Robinson trotz des neuen Gesetzes immer noch Abtreibungen vornehmen, drohen ihnen zwischen zehn und 99 Jahren Haft. Die Frauen, bei denen die Abtreibungen durchgeführt werden, bleiben straffrei.

Jennifer ist froh, dass ihr Heimatstaat Massachusetts bisher fest zu der liberalen Gesetzgebung steht. „Sie kämpfen hier hart dafür, uns Frauen zu schützen, aber ich weiß nicht, wie lange das noch gutgeht“, sagt sie. „Während dieser Präsidentschaft sind schon so viele seltsame Dinge passiert. Darum war auch niemand überrascht von dem neuen Gesetz in Alabama. Sowas ist fast schon alltäglich geworden.“ Die Ärzte, die trotz der aktuellen Entwicklungen Abbrüche vornehmen, findet sie mutig. „Ich möchte ihnen dafür danken, dass sie das Richtige tun. Ich wünschte, wir könnten mehr tun, um sie zu beschützen.“

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