Der Russe schaut Staatsfernsehen, liebt deshalb Putin und hasst Homosexuelle, sperrt Oppositionelle und Feministinnen ins Gefängnis, lebt eigentlich nicht mehr in einer Demokratie, trinkt viel Wodka, will Krieg in Syrien, panscht Drogen, die einem den Arm abfressen können, und geht häufig in die Kirche –  das ist so das gängige Bild, das sich viele in Deutschland von Russen machen. Aber was ist eigentlich, wenn man Russen zu diesen Themen mal fragt? Was haben sie für eine Sicht auf die Welt? Auf die Ukraine? Auf Syrien? Auf Wladimir Putin? Auf Deutschland? Auf unsere Medien? Auf unser System? 

Die Auswahl an Menschen , mit denen unser Autor gesprochen hat,  ist nicht repräsentativ –  und erhebt auch gar nicht den Anspruch. Aber fragen wollten wir ein paar der jungen Leute dort trotzdem mal:

Alexander Fjodorov, 32, Student an der Akademie für Kommunikation und Reklame 

alexander fjodorov
Foto: Aaron Tilton

"Wir sind wieder im Kalten Krieg. Anderen Ländern gefällt es nicht, dass Russland seine eigene Meinung hat und auch öffentlich verkündet. Und jetzt sieht es so aus, als bräuchte es nur noch eine Kleinigkeit, und wir wären wieder im Krieg. Klar macht mir das Angst, ich wüsste nicht, was ich tun sollte. Ich müsste fliehen. 

Was das Eingreifen in Syrien angeht: Es ist es besser, dort für Ordnung zu sorgen als zu warten, bis es in Russland Terror gibt. Aber aus finanzieller Sicht hätte Putin das nicht machen sollen. Ich glaube auch, dass Putin auf seine dritte Amtszeit hätte verzichten sollen. Er wollte nicht mal eine zweite, habe ich gelesen, aber man hat ihn gedrängt. Jedenfalls hätte er ohne dritte Amtszeit ein Denkmal gekriegt. Auch die Europäer haben ihn ja gemocht.

Ich glaube auch, dass es für Russland strategisch wichtig war, die Krim einzunehmen. Dort befindet sich Kriegsgerät, die Flotte. Darum musste es sein. Im entscheidenden Moment muss man schnell handeln, das ist oft so in der Politik. Ich habe in den Medien davon gelesen, dass die Ukrainer nationalistisch sind. Das habe ich auch selbst erlebt, 2011, in Kiew. Da habe ich Russisch gesprochen und sie haben mir zugehört aber nicht geantwortet – obwohl sie mich ja verstehen. Ich habe mehr als zwanzig Jahre lang in Usbekistan gelebt, dort ist mir das nie passiert. Und jetzt schmerzt es mich, dass ich gar nicht mehr nach Kiew darf. Zumindest habe ich das gehört, dass junge russische Männer nicht mehr in die Ukraine einreisen dürfen, wegen der Situation im Donezbecken.

Den Sanktionen (mit der die EU und die USA Russland als Folge der Krim-Krise belegten, Anm. d. Red.) konnte man nicht entkommen, das war mir klar. Ich habe zwar viel Geld verloren, aber es wäre viel schlimmer, wenn wir nicht mehr in andere Länder reisen dürften. So machen die Sanktionen mir nichts aus. Ich bin auch nicht wütend auf Europa. Was mich allerdings stört, ist, dass es so aussieht, als würde Europa seine Russland-Politik nicht selbständig machen, sondern von Amerika diktiert bekommen. Das Spiel ist nicht ganz ehrlich, meiner Meinung nach. Amerika macht seine Politik und andere Länder leiden wirtschaftlich, auch Deutschland zum Beispiel. Es ist daher sinnlos, wütend auf Europa zu sein.  

Klar gibt es hier viele Leute, die trotzdem wütend auf Europa sind; die andere dafür verantwortlich dafür machen, wenn sie ihr Business nicht hinkriegen. Mir gefällt diese Einstellung nicht. Man sollte sich keinen äußeren Feind suchen. Jeder soll selbst sein Ding machen. Auf Facebook sehe ich viele russische Leute, die sowjetisch eingestellt sind. Die finden, der Staat sollte dafür sorgen, dass alles gut wird. Und dann fahren sie nach Deutschland und wundern sich, wie sauber und ordentlich dort alles ist und wie schön der Rasen in den Gärten. Dann mäht euren Rasen und putzt ordentlich, dann sieht es bei euch auch so aus (lacht)!

Anastasia Ermishina, 25, PR-Managerin bei der Stadt Moskau, Abteilung Umweltschutz

cover russen
Foto: Aaron Tilton

"Europa ist etwas Sonniges, Positives für mich. Die Lebensqualität dort ist hoch, die Menschen sind freundlich. Darum verbringe ich meinen Urlaub am liebsten in europäischen Ländern. Kommende Wochenende fliege ich zum Beispiel für ein paar Tage nach Wien. Natürlich gibt es in Russland Leute, die Europa nicht mögen; die sagen, dort sei alles schlecht – die Menschen, die Politik, das Leben. Aber eigenartige Meinungen gibt es überall. In Europa gibt es wahrscheinlich auch Leute, die schlecht über Russland reden. Beides ist dumm. So etwas sollte man nicht tun.

Die Stimmung in Russland hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert, nicht unbedingt gegenüber Europa, sondern gegenüber Amerika. Einen neuen kalten Krieg gibt es aber, glaube ich, nicht. Ich denke, Amerika hat ein gutes Klima und fröhliche Menschen. Die politische Situation interessiert mich nicht besonders, allerdings spüre ich natürlich ihre wirtschaftliche Wirkung. Alles wurde doppelt so teuer. Darum kann ich jetzt weniger reisen. So geht es allen hier, die Leute fahren weniger nach Europa, weil sie es sich einfach nicht mehr leisten können. Darunter leidet das Verständnis für und das Wissen über Europa. Wer nicht reisen kann, ist mehr auf die Medien angewiesen, um sich ein Bild zu machen.

In Russland gibt es verschiedene Medien, manche sind staatlich, manche oppositionell und manche irgendwo dazwischen. In Moskau informieren sich die meisten über letztere, auch ich. Die europäischen Medien kenne ich nicht, darum kann ich sie nicht mit den russischen vergleichen. Aber natürlich haben Medien immer große Macht. Von ihren Berichten und Bildern hängt ab, was Menschen über bestimmte Ereignisse denken.

Dass die Krim wieder zu uns gehört, ist gut. Sie hat zu Russland gehört, sie gehört wieder dazu. Sie ist ein großartiger Ort. Die Vergrößerung des Territoriums ist immer gut – solange es keinen Krieg gibt und die Menschen abstimmen können, zu welchem Land sie gehören wollen. So wie auf der Krim. Den Krieg in der Ukraine haben, soweit ich weiß, nicht wir angefangen. Frieden können nur Verhandlungen und Vereinbarungen bringen – zwischen der Ukraine und Russland und noch mindestens einem anderen Land. Aber eigentlich fühle ich mich nicht kompetent in dieser Frage. Und generell bin ich Pazifistin und gegen jeden Krieg.

Auch Homosexuelle haben ihren Platz auf der Welt. Niemand soll sein Leben nach der Meinung anderer ausrichten. Bei uns sind die Menschen eher traditionell, auch ich, und ehrlich gesagt ist es mir nicht wirklich angenehm, Homosexuelle zu sehen. Ihr Privatleben sollten sie bei sich zu Hause ausleben, finde ich."

Jelena Junovidova, 20, Wirtschaftsstudentin

Jelena Junovidova
Foto: Aaron Tilton

"Ich war nie auf der Krim, würde aber gern mal hin. Für mich befand sich die Krim immer auf russischem Land. Daher finde ich es gut, dass sie jetzt wieder zu Russland gehört. Und weil ich russischen Käse mag, haben mich die Sanktionen auch nicht besonders berührt. Die spüren wohl mehr die Businessmänner als die normalen Leute. Für das ganze Land sind die Sanktionen sogar gut, weil Russland sich dadurch entwickelt und mehr eigene Produkte herstellt. Nur Autos werden wir wohl nie hinbekommen, die sind irgendwie nicht unsere Stärke. Das können halt die Deutschen.

 

Deutschland mag ich, auch wenn ich nie dort war. Aber ich habe Freunde, die viel reisen, und die haben mir erzählt, dass die Menschen in Deutschland nett sind und sauber und respektvoll. 

 

So etwas wie einen neuen Kalten Krieg fühle ich nicht. Es gibt vielleicht einen Krieg zwischen den Politikern, aber nicht zwischen den normalen Menschen. Und mit Politik habe ich nichts zu tun. Die interessiert mich nicht. 

 

Ich informiere mich vor allem übers Internet, da gibt es unterschiedliche Quellen, und aus denen kann jeder seine Meinung basteln. Ich finde, den Krieg in Syrien sollte die Regierung langsam beenden, dann würde endlich niemand mehr leiden dort. Sie könnte das auch. Aber irgendwie tut sie es nicht. Vielleicht profitiert sie davon, ich weiß es nicht.

 

Über Putin kann ich nichts Schlechtes sagen. Er versucht, unser Land zu entwickeln. Damit es das, was es schon in anderen Ländern gibt, auch in Russland gibt."

 

 

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