„Viele NGOs stellten ihre Arbeit ein, weil der Druck der europäischen Behörden so anstieg“

Die Rettungsorganisation „Sea-Watch“ sticht heute wieder in See. Kapitänin Pia Klemp hat kurz vorher noch mit uns gesprochen.
Interview von Eva Hoffmann

Pia Klemp ist die erste Kapitänin bei „Sea-Watch“.

Foto: Lisa Hoffmann

Nach einem Sommer voller Pannen und politischer Machtkämpfe, nimmt die zivile Seenotrettungsorganisation „Sea-Watch“ heute ihre Mission wieder auf. Mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne haben die Aktivisten ein neues und vor allem größeres Schiff gekauft. Pia Klemp, 34, aus Bonn, steuert als Kapitänin die erste große Fahrt der Sea-Watch 3 ins Einsatzgebiet vor die libysche Küste. 

Pia Klemp: Besonders viel Zeit habe ich grade nicht, es gibt noch viel zu tun bevor wir ablegen. Heute Nachmittag fahren wir los und müssen bis dahin noch alles bunkern.

jetzt: Was heißt das, du musst noch „bunkern“?

Als Kapitänin muss ich überprüfen, ob in den verschiedenen Teilen des Schiffs alles sitzt: dass Sachen richtig verstaut sind und nicht durch die Gegend fliegen, dass wir genug Essen und Diesel an Bord haben – lauter Dinge, die man erst kurz vor der Abfahrt machen kann und dann wird’s immer ein bisschen stressig.

Bist du nervös, so kurz vor der Abfahrt?

Ja schon, aber ein gesundes Maß an Nervosität gehört dazu. Man arbeitet dann auch achtsamer. Es ist aber eher eine freudige Anspannung, kein negatives Gefühl. Ich bin schon seit Mitte September hier im Hafen auf Malta und habe die Werftarbeiten am neuen Schiff mitbegleitet. Mittlerweile kenne ich die Sea-Watch 3 sehr gut. Mit 20 Metern mehr Länge bietet sie nicht nur mehr Platz für Passagiere, sondern ist auch sicherer in unbeständigen Wetterlagen. Es hat sich sicher gelohnt, darauf zu warten und zu sparen. Außerdem habe ich großes Vertrauen in die Crew. Ich freue mich jetzt besonders, als erste Kapitänin das Schiff ins Einsatzgebiet zu bringen.

In diesem Sommer hattet ihr mit dem alten Schiff  einen Motorschaden und auch politisch gab es immer wieder Probleme. Wie habt ihr diese Zeit erlebt?

Der Sommer war krass für alle NGOs, die hier im Einsatzgebiet arbeiten: Am Anfang kamen extrem viele Boote, gleichzeitig gab es kaum Hilfe von der EU und ihren Schiffen, sodass wir auf dem Meer praktisch alleine mit der Situation waren. Manche NGOs haben sich dabei sogar selbst in Seenot gebracht. Von staatlicher Seite gab es zu keiner Zeit Unterstützung, im Gegenteil. Stattdessen wurde uns ein Verhaltenskodex vorgesetzt, der die Arbeit maßgeblich behindert hat. Zum Beispiel sah der vor, dass wir die geretteten Menschen nicht wie sonst an größere Schiffe in der Region übergeben dürfen, sondern selbst nach Italien fahren müssen. Das kostet enorm viel Zeit und ist schlicht ineffektiv.  

Müsstet ihr nach diesem neuen Verhaltenskodex nicht auch einen bewaffneten Polizisten an Bord mitnehmen?

Das kam für uns nie in Frage. Ein Polizist an Bord würde unsere Arbeit behindern und die Geretteten unnötig in Stress versetzen. Wir haben nach längeren Verhandlungen als eine der letzten NGOs diesen Vertrag unterschrieben und unsere Änderungen durchgesetzt, unter anderem, dass wir eben keinen Polizisten mitnehmen und nicht selbst nach jeder Rettungsaktion zur italienischen Küste fahren müssen. Viele der weiteren Regeln, die in diesem „Code of Conduct“ genannt werden, sind im internationalen Seerecht sowieso selbstverständlich, zum Beispiel, dass man Menschen in Seenot retten muss oder mit welchen Zentralen man kommuniziert. Daran haben wir uns immer gehalten. So ändert sich für unsere Arbeit jetzt erst mal nichts. Das Ganze war vielmehr eine symbolische, aber sehr öffentlichkeitswirksame Aushandlung für die italienische Politik. Geschadet hat das vor allem den Leuten, die in dieser Zeit unsere Hilfe auf dem Meer gebraucht hätte.

Pia, 34, ist die erste Kapitänin der Sea-Watch 3

Foto: Lisa Hoffmann

Links die neue Sea-Watch, rechts ihr Vorgängermodell im Hafen von Malta. Die Sea-Watch 2 wurde an Mission Lifeline verkauft und fährt weiterhin vor die libysche Küste, um Menschen in Seenot zu retten.

Foto: Lisa Hoffmann

Kapitänin Pia ist immer ein bisschen aufgeregt, bevor es losgeht, aber die Aufregung hilft ihr auch, sich zu konzentrieren.

Foto: Lisa Hoffmann

Mit Schnellbooten nähern sich die Retter den überfüllten Schlauchbooten und verteilen zunächst Rettungswesten. Dann werden zuerst Frauen und Kinder auf die Sea-Watch gebracht.

Foto: Sea-Watch Org

Sea-Watch finanziert sich durch Spenden. Beim Ausbau des neuen Schiffes in Barcelona halfen viele Freiwillige.

Foto: Lisa Hoffmann

Juliette überführte als erste Offizierin das neue Schiff der Sea-Watch von Barcelona nach Malta, wo es für den Einsatz fit gemacht wurde.

Foto: Lisa Hoffmann

Während die Werftarbeiten an der Sea-Watch 3 liefen, trainierte die Crew im Hafen mit Schnellbooten für potenzielle Einsätze.

Foto: Lisa Hoffmann

Als Kapitänin muss Pia nicht nur den Kurs der Sea-Watch 3, sondern auch die Vorräte und die Dynamiken der Crew im Auge behalten.

Foto: Lisa Hoffmann

Die alte Sea-Watch konnte nicht mehr als 150 Menschen aufnehmen, das neue Schiff schafft mehr als doppelt so viele.

Foto: Sea-Watch Org

Die politische Lage in Libyen ist unübersichtlich, chaotisch und gefährlich. Bleiben möchten dort die wenigsten. Immer wieder fliehen auch Frauen und Kinder.

Foto: Judith Büthe/Sea-Watch Org

Trotzdem haben sich viele NGOs von dem zunehmenden Druck einschüchtern lassen. Außer euch gibt es momentan nicht mehr viele Seenotrettungseinsätze vor Libyen. 

Ja, wir werden leider nur noch mit wenigen anderen Schiffen im Einsatzgebiet unterwegs sein. Viele stellten ihre Arbeit ein, weil der Druck der europäischen Behörden in diesem Sommer so anstieg. Jugend Rettet wurde sogar das Schiff entzogen. Andere haben auch ganz konkrete Sicherheitsbedenken im Einsatzgebiet. Die Lage in Libyen ist komplett außer Kontrolle geraten, es gibt deutlich mehr Kämpfe zwischen den verschiedenen Milizen und das wirkt sich auch auf die sogenannte Küstenwache aus, die gezielt NGO-Schiffe bedroht.

 

Treten trotzdem noch Menschen die Überfahrt an? 

Es kommen nicht mehr so viele Boote wie im Juni, aber das war auch eine Extremsituation. Das Wetter spielt natürlich auch eine Rolle, das wird gerade immer unbeständiger. Trotzdem fliehen Menschen kontinuierlich. Erst gestern wurden mindestens drei Boote aus Seenot gerettet. Ich gehe davon aus, dass das auch in den nächsten Wochen aktuell bleibt. Die Lage ist so unvorhersehbar, politisch wie wettertechnisch, da muss man potenziell alles erwarten.

 

Klingt nicht nach einer Situation, in die man sich freiwillig begibt. Warum machst du das?

Ich bin ein großer Fan von Menschenrechten. Ein Recht, das nicht aufrechterhalten wird hat aber keinen Wert. Allein durch meinen deutschen Pass und meine überprivilegierte Situation gehen diese Rechte für mich persönlich auch mit der Pflicht einher, sie für alle zu erkämpfen. Dazu kommt, dass ich Seefahrerin bin: Ich kann mir keinen gemeineren und einsameren Tod vorstellen, als im Meer zu ertrinken. Niemand hat das verdient und es ich sehe es als meine Pflicht, das zu verhindern. 

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