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„Trump wird merken, dass er in London nicht willkommen ist“

Sebastian Ordoñez Muñoz, Mit-Organisator der Proteste gegen den US-Präsidenten, hofft auf ein Aufbäumen seiner Stadt.
Interview von Quentin Lichtblau
Trump Baby Protest
Foto: dpa

Zu den Anti-Trump-Protesten in London werden Zehntausende Menschen erwartet. Einer von ihnen wird Sebastian Ordoñez Muñoz, 28, sein. Er ist für einen der vielen Blöcke von NGOs und Aktivistengruppen verantwortlich, die sich anlässlich des Besuchs des US-Präsidenten zur Stop-Trump-Koalition zusammengefunden haben. Sebastian organisiert den Block der lateinamerikanischen Community. Neben seinem Demo-Engagement arbeitet er bei der Nichtregierungsorganisation „War on Want“ gegen die Ursachen von globaler Armut.

jetzt: Sebastian, die Stop-Trump-Demonstration besteht aus verschiedenen Blöcken: Migranten, Arbeiter, FrauenrechtlerInnen, Parteien, NGOs. Wie ensteht dabei eine gemeinsame Stimme und wie läuft da die Koordination ab?

Sebastian Ordoñez Muñoz: Die Hauptbotschaft ist natürlich der Widerstand gegen Trump, allerdings sind die Beteiligten angehalten, auch ihre individuellen Kämpfe zu thematisieren, die sich trotz ihrer Unterschiedlichkeit genau am Denken von Menschen wie Trump entzünden. Es ist also ein sehr organischer Protest, die Hauptorganisatoren stellen nur die grundlegende Logistik und den Ort, ansonsten ist jeder selbst für seinen Block verantwortlich.

Ist das gewissermaßen eine gute Sache am Trump-Besuch: dass er verschiedenste Gruppen im Protest vereint?

Absolut. Der Hauptgrund, warum die Leute am Freitag auf die Straße gehen, ist auch gar nicht allein Trump, sondern die Art von Politik, die er repräsentiert: seine Borniertheit, sein Hass, sein Kampf gegen Migranten, seine Islamophobie, die Normalisierung sexueller Gewalt, seine Angriffe auf Arbeitnehmerrechte. Gegen diesen repressiven Politikstil wollen sich alle möglichen Menschen aussprechen, klassenübergreifend und quer durch das politische Spektrum.

Sebastian Ordoñez Muñoz (28), Mit-Organisator der Stop-Trump-Demonstration

Sebastian Ordoñez Muñoz (28), Mit-Organisator der Stop-Trump-Demonstration

Foto: privat

Was ist Deine persönliche Motivation?

Die lateinamerikanische Community ist in Großbritannien nicht sehr stark vertreten. Trotzdem sind wir – also auch ich – von ausschließenden und diskriminierenden politischen Maßnahmen betroffen. Ich als Migrant will mich solidarisch zeigen mit all jenen, die unter der heutigen britischen Einwanderungspolitik leiden, mit den Menschen, die in speziellen Haftanstalten unter unwürdigen Bedingungen festgehalten werden. Und natürlich gilt meine und unsere Solidarität auch ganz besonders der lateinamerikanischen Community in den USA: den getrennten Familien, den Kindern, die in Käfige gesperrt wurden.

„London ist als multikulturelle Stadt ein Gegenentwurf zum Abschottungsdenken von Donald Trump“

Bei anderen Trump-Besuchen europäischer Länder wie Frankreich oder Italien blieb ein großer Protest aus. Was ist das Spezielle an seinem Besuch in Großbritannien?

Dass es hier eine ganze Generation von – hauptsächlich jungen – Menschen gibt, die sehr stark von der Austeritätspolitik, den damit einhergehenden sozialen Einschnitten und den diskriminierenden Maßnahmen der Tory-Regierung betroffen waren. Das hat zu einer starken Politisierung geführt, einer sehr lebendigen Protestkultur. Außerdem ist London als multikulturelle Stadt und mit seinem muslimischen Bürgermeister natürlich ein absoluter Gegenentwurf zum Abschottungsdenken von Menschen wie Donald Trump.

Es sieht ja so aus, als ob Trump die Stadt selbst bei seinem Besuch eher meiden wolle: Fast alle offiziellen Termine finden außerhalb statt. Glaubst Du, dass das auch etwas mit Eurem Protest zu tun hat?

Es ist ja davon auszugehen, dass Donald Trump ein Narzisst ist. Natürlich wird er mitbekommen, was beim Protest passiert, selbst wenn er sich nur abseits davon aufhält. Und das ist gut so. Die riesigen Sicherheitsmaßnahmen, die Termine an abgeschiedenen Orten stehen ja auch für etwas – Trump wird definitiv merken, dass er in London nicht willkommen ist. Dass eine ganze Stadt sagt: Nicht in meinem Namen.

Welche Rolle spielt dabei Deiner Meinung nach die britische Regierung?

Mit ihrem Gebaren gegenüber Trump versucht sie, ihn und sein Denken zu normalisieren. Außerdem will sie Handelsverträge abschließen. Wir wissen, dass Trump eng mit großen Konzernen vernetzt ist, was sich in den USA bereits negativ auf den Umweltschutz und Arbeitnehmerrechte ausgewirkt hat. Post-Brexit-Deals mit der britischen Regierung könnten für uns ähnliche Konsequenzen haben und sogar unser Gesundheitssystem in Gefahr bringen. In Bezug auf die USA sprechen britische Politiker ja immer gerne von der „speziellen Beziehung“ unserer  Länder. Aber wer profitiert denn bitte von dieser Beziehung? Für die einfachen Leute haben solche Deals allein negative Konsequenzen. Auch das wollen wir natürlich nicht zulassen. Wir wünschen uns eine spezielle Beziehung zu all jenen Menschen in den USA, die sich den Maßnahmen gegen Migranten und der Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern entgegenstellen, zu den Frauen, die sich gegen sexuelle Gewalt aussprechen. Hier sollten wir zusammenarbeiten, nicht beim Abbau des Sozialstaats durch US-Konzerne.

„Ich vermute, dass die Polizei unter großem Druck steht, die Proteste abzumildern“

Die Regierung betont ja stets, dass ein gutes Verhältnis zu den USA sich für Großbritannien nur lohnen kann. Ein Protest gegen Trump ist also nicht unbedingt in ihrem Sinne. Spürt man das als Veranstalter? Absolut! Es gibt gerade zum Beispiel Unklarheiten, ob die Polizei uns erlaubt, zu Beginn der Veranstaltung eine Bühne und eine Anlage aufzustellen. Ich kann das natürlich nicht beweisen, aber ich vermute, dass die Polizei unter großem Druck steht, die Proteste abzumildern und die Mobilisierung möglichst klein zu halten, um die gemütliche Atmosphäre für Trumps Besuch nicht zu gefährden.

Wie sollte der Protest verlaufen, damit Du sagst: Heute war ein guter Tag?

Ich wünsche mir, dass wir tatsächlich das breite Spektrum an Geschlechtern, Altersgruppen, Hintergründen und Klassen auf die Straße bringen, das sich angekündigt hat. Es soll ein vereinendes, bestärkendes Zusammenkommen werden. In unserem Land – und auch weltweit – läuft gerade vieles in die falsche Richtung. Da ist es über unsere Forderungen und die politischen Nachwirkungen des Protests hinaus einfach wichtig, ein positives, gemeinschaftliches Erlebnis mit nach Hause nehmen zu können, auch wenn der Anlass negativ ist.

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