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Syrer Hassan ist am Flughafen in Kuala Lumpur gestrandet

In seiner Heimat droht ihm Haft, weil er den Militärdienst verweigert hat. Andere Länder lassen ihn nicht einreisen.
Von Lara Thiede
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    Foto: Privat

Hassan Al-Kontar lebt seit dem 7. März 2018 im Transitbereich des Flughafens in Kuala Lumpur. Heute harrt er den 42. Tag dort aus, viele weitere werden wohl noch folgen. Denn Hassan ist Syrer und hat keine Aufenthaltsgenehmigung. Nirgendwo. Weder Malaysia noch ein anderes Land will den 36-Jährigen aufnehmen. 

Hassan verließ seine Heimat Syrien schon im Jahr 2006, nachdem er zum Militärdienst einberufen wurde: „Ich wollte nicht für die syrische Armee kämpfen. Und ich will es immer noch nicht“, erklärt er im Telefonat mit jetzt. „Dieser Krieg ist nicht mein Kampf. Ich bin keine Tötungsmaschine. Ich will nicht meine eigenen Brüder hinrichten und mein Land zerstören.“ 

Um sich nicht an Kämpfen beteiligen zu müssen, ging er in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Dort arbeitete er im Marketing und der Energiewirtschaft – bis 2011 der Krieg in Syrien ausbrach und ihn die Arbeitserlaubnis kostete. Im Januar 2017 wurde er schließlich aus den VAE nach Malaysia abgeschoben. Es ist eines von nur wenigen Ländern, die Touristen-Visa an Syrer vergeben. Er blieb länger, als er offiziell geduldet wurde – deshalb setzten ihn die Behörden dort auf die schwarze Liste. 

Im Februar 2018 hoffte Hassan dann, in Ecuador ohne Visum einreisen zu können. Mit seinen Ersparnissen buchte er einen Flug bei Turkish Airlines. Während des Boardings entschied sich die Fluggesellschaft aber, ihn doch nicht in die Maschine zu lassen: „Wir haben Ihren Flug gecancelt“, sagten ihm die Mitarbeiter. „Die (Anm. der Red.: gemeint waren vermutlich Einwanderungsbehörden) wollen Sie nicht da haben“. Er versuchte es daraufhin in Kambodscha. Dort beschlagnahmten die Behörden seinen Pass und schickten ihn zurück nach Malaysia. Wo er den Flughafen aber nun eben auch nicht verlassen darf.

„Es ist eine sehr kleine Welt, in der ich jetzt leben muss“

„Seit ich hier gestrandet bin“, sagt Hassan, „beschäftigen mich zwei Arten von Fragen. Erstens, eine große: Wie komme ich hier raus? Zweitens, viele kleine: Wo schlafe ich? Wann schlafe ich? Wo dusche ich? Wann dusche ich? Und wo werde ich dann trocken?“

Der 36-Jährige schläft auf Bänken oder auf dem Boden unter Treppen. Er wäscht sich nachts, wenn wenig los ist, in den Behindertentoiletten. „Es ist eine sehr kleine Welt, in der ich jetzt leben muss.“

Hassan hat begonnen sein Leben in der Transitzone zu dokumentieren. Er teilt Videos davon auf seinem Twitter-Account. Man sieht Hassans hartes Nachtlager, seine kargen Mahlzeiten, hört ihm die Erschöpfung oft an der Stimme an. Dass dadurch einige Menschen auf ihn aufmerksam geworden sind, ist sein Glück.

Denn Geld hat er inzwischen keines mehr. Ohne großzügige Mitarbeiter am Flughafen, von denen einige inzwischen seine Freunde geworden sind, und Freiwillige, die ihm Sachspenden vorbeibringen, wüsste er nicht mehr weiter. „Sie versorgen mich mit drei Mahlzeiten am Tag, bringen mir frische Kleidung. Sie machen alles erträglicher.“

„Ich sitze nicht fest, weil ich Hassan bin. Ich sitze fest, weil ich Syrer bin“

Auch andere Syrer melden sich bei Hassan. Syrer, die teils ebenfalls an den Flughäfen dieser Welt leben. Sie schreiben ihm: „Du bist jetzt meine Stimme.“ Und Hassan findet, dass sie damit recht haben. Er betont im Gespräch immer wieder, dass es nicht nur um seine Geschichte geht. „Ich sitze hier schließlich nicht fest, weil ich Hassan bin. Ich sitze hier fest, weil ich Syrer bin. An mir erzählt sich die Geschichte meines Volkes. Mein Problem ist ein humanitäres Problem.“

Ewig will Hassan seine derzeitige Situation nicht aushalten. Er wäre zunächst jedem Land dankbar, so sagt er, das ihm erlauben würde, dort zu bleiben. Eigentlich aber bräuchte er endlich eine echte Veränderung: „Ich arbeite jeden Tag daran, eine langfristige Lösung zu finden. Ich kontaktiere Organisationen und einflussreiche Personen. Ich brauche Asyl und dann eine Arbeitserlaubnis in einem Land, damit ich mich selbst versorgen kann.“

Eine Lösung jedenfalls ist für Hassan ausgeschlossen: Die Rückkehr nach Syrien. Dort würde er bei Ankunft verhaftet und ins Gefängnis geschickt. „Ich weiß nicht genau, was einem dort alles angetan wird. Deshalb will ich dort nicht hin.“ Hassan befürchtet außerdem, dass er nach seiner Inhaftierung eben doch noch im Militär kämpfen müsste. „Und ich will nicht töten. Oder getötet werden.“

Über Politik will Hassan übrigens nicht reden. Lieber über die Menschen, die unter ihr leiden. Eine Einschätzung aber gibt er doch ab: „In diesem Krieg“, sagt er, „hat niemand recht.“

Wie sehr ihm das Leben auf der ständigen Flucht vor dem Krieg zu schaffen macht, zeigt sich auch an seinem größten Wunsch für die Zukunft: „Ich wünschte, ich wäre an einem sicheren Ort. Wo ich auch einfach mal rumhängen kann. Wo ich morgens Menschen begrüßen kann, die ich mag. Ich würde sagen: 'Hi.' Und die würden auch 'Hi' sagen und mich dabei anlächeln. Ich wäre ein normaler Mensch.“

Ein anderer Syrer, der die Welt aufrütteln will: