„Das Studium wurde zu meiner Hoffnung für die Zukunft“

Maria, Pavel und Salome flüchteten aus ihren Heimatstädten, als Russland die Ukraine mit Krieg überzog. Ihr Studium haben sie trotzdem fortgesetzt.
Fotos: Privat

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Während des Gesprächs mit Pavel, einem Studenten aus Sumy, bricht die Verbindung ständig ab. Bei seinem Online-Studium passiere das häufig, sagt er. In der Stadt fallen regelmäßig Strom und das Internet aus. Salome, eine Studentin aus Irpin, gibt das Interview von ihrem Badezimmer aus – sie hat dort zwischen zwei tragenden Wänden ihren Online-Studienplatz eingerichtet. Maria erzählt von ihrem Studium in Charkiw aus Bulgarien, wo sie jetzt lebt – in der Küche eines Bekannten. Durch den russischen Einmarsch mussten viele ukrainische Studierende ihren Uni-Alltag aufgeben. Wie sich ihr Leben verändert hat? Drei Ukrainer:innen erzählen. 

„Das Studium ist ein Teil meiner Komfortzone“

Foto: privat.

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Maria, 17, studiert Architektur  und Stadtplanung. Zusammen mit ihrem Freund flüchtete sie nach Sofia, wo sie in der Küche von Bekannten untergekommen ist. Das Zeichnen für ihr Studium hilft ihr, mit den Schrecken des Kriegs umzugehen. 

„Wenn ich die Fotos vom zerstörten Charkiw sehe, wird mir klar, dass ich den richtigen Beruf gewählt habe. Als der Krieg in vollem Umfang ausbrach, habe ich im zweiten Jahr Architektur und Stadtplanung in Charkiw studiert.  

Die letzten Tage vor dem Krieg verbrachte ich damit, mich auf eine wichtige Prüfung vorzubereiten, die am 24. Februar stattfinden sollte. Am 23. Februar lernte ich also bis zum Einbruch der Dunkelheit. Am 24. Februar wurde ich dann um fünf Uhr morgens von meinem Vater mit den Worten geweckt: ,Der Krieg hat begonnen.‘ Im Halbschlaf hörte ich Explosionen nicht weit von uns entfernt. Die Fenster in meinem Zimmer klapperten.  

Wir starteten einen Rundruf unter Studierenden in unserer Telegram-Gruppe. Das Haus einer Kommilitonin wurde getroffen, aber weder sie noch ihre Familie wurden verletzt. Auch in der Nähe unserer Hochschule gab es einen Einschlag. Das Gebäude selbst wurde nicht beschädigt, nur die Fenster flogen heraus. Bald darauf erhielten wir einen Brief von unserer Uni, dass die Vorlesungen auf unbestimmte Zeit nicht stattfinden.  

Ich habe den ganzen März damit verbracht, allein zu lernen. Hauptsächlich habe ich gezeichnet. Es lenkte mich von der ständigen Angst ab. Ich verbrachte bis zu acht Stunden pro Tag am Zeichentisch. Bereits vor dem Krieg hatte das Studium für mich Priorität, doch nach dem 24. Februar wurde es noch wichtiger. In gewisser Weise wurde es zu einem Ort der Zuflucht, zu meiner Hoffnung für die Zukunft. 

Am 1. April hatte ich online meine erste Vorlesung nach Kriegsbeginn. Ich war unglaublich froh, meine Lehrer:innen und Klassenkamerad:innen lebendig und wohlauf zu sehen, wenn auch nur auf dem Computerbildschirm. Ich dachte mir: Das Leben geht doch weiter. Der Online-Unterricht war eine große Umstellung für uns, selbst während der Pandemie haben wir von Angesicht zu Angesicht gelernt. Für Architekturstudierende ist es wichtig, ihre Skizzen im Original zu zeigen; online ist das viel schwieriger, vor allem wenn man mit der Hand zeichnet.  

Es gelang mir aber, mich der neuen Kriegsrealität anzupassen: Meine Eltern und ich legten Sandsäcke über die Fenster meines Zimmers, damit ich im Fall einer Explosion nicht von Glasscherben getroffen würde. Ich habe meistens auf dem Boden gelernt – das war sicherer. Irgendwann habe ich fast nicht mehr auf die Fliegeralarme geachtet. Ich hörte den Lehrer:innen jedoch nur mit einem Kopfhörer zu, um die Lage draußen mitzubekommen.  

Trotz allem konnte ich mich auf mein Studium konzentrieren. Nur als das Massaker von Butscha bekannt wurde, war es sehr schwer. Als ich die Bilder von dort sah, verlor ich alle Hoffnung und verfiel für einige Wochen in Apathie.  

Ich wäre in Charkiw geblieben, aber mein Freund hatte im Juli Geburtstag – er wurde 18. Er stand also kurz davor, ein Wehrpflichtiger zu werden. Deswegen beschloss er zu fliehen, solange er die Grenze noch überqueren konnte. Meine Eltern haben darauf bestanden, dass ich auch gehe. Sie wollten nicht, dass ihr Kind im Krieg lebt. Also reisten mein Freund und ich zu Bekannten meiner Mutter in Sofia. Sie haben uns in ihrer Küche untergebracht.  

Ich bin den Menschen, die uns aufgenommen haben, sehr dankbar, aber als introvertierter Mensch fällt es mir schwer, ständig unter Menschen zu sein. In Charkiw hatte ich kurz vor dem Krieg endlich ein eigenes Zimmer bekommen, das mit einem Zeichentisch und einer Staffelei für meine Zeichnungen ausgestattet war. Hier leben wir in einer Gemeinschaftsküche und die Leute können jederzeit reinkommen. Sie sind taktvoll und klopfen immer an, aber ich bin sowieso fast nie allein. Das wirkt sich auch auf mein Studium aus. Unser Küchenzimmer ist übersät mit meinen Zeichnungen, Notizbüchern und Entwürfen. Es ist nicht leicht für mich, hier zu sein, und ich weine oft deswegen. Aber ich habe während der gesamten Kriegszeit nie eine Vorlesung verpasst. Das Studium ist ein Teil meiner Komfortzone.“ 

„Statt in die Vorlesung zu gehen, habe ich einen Koffer mit Dokumenten gepackt“

Pavel studiert Informatik. Foto: privat.

Foto: Privat

Pavel, 19, studiert IT und lebt mittlerweile wieder in Sumy, das von der ukrainischen Armee zurückerobert wurde. In die Uni geht er nur ungern, weil es immer wieder Luftangriffe gab. Angst vor Prüfungen hat er seit Kriegsbeginn nicht mehr. 

„Der 24. Februar sollte ein anstrengender Tag für mich werden: erst Vorlesung, dann Arbeit. Früh am Morgen weckte mich dann mein Vater: ,Sohn, der Krieg hat begonnen.‘ Statt in die Vorlesung zu gehen, habe ich einen Koffer mit Dokumenten gepackt. Dann rannte ich los, um Lebensmittel und Medikamente zu besorgen.  

Die Uni hat uns in den ersten Tagen nicht geschrieben, aber es war ohnehin klar, dass wir keine Zeit zum Studieren hatten. Am 8. März wurde in Sumy ein Korridor eröffnet, der zur Evakuierung genutzt werden konnte. In den Außenbezirken der Stadt waren bereits Straßenkämpfe ausgebrochen. Also habe ich mit meiner Familie beschlossen, die Stadt zu verlassen. Wir fuhren zu Bekannten in die Stadt Smila, wo wir Unterschlupf fanden. Wir waren acht Personen in einer Dreizimmerwohnung: meine Mutter, mein Vater, meine Schwester, zwei Großmütter, zwei Großväter und ich. Fast zwei Monate verbrachten wir dort. 

Das Studium ging Ende März online weiter. Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren. Außerdem gab es ständig Internetprobleme und Luftangriffe, bei denen man in den Schutzraum rennen musste. Auch die Lehrer konnten nicht regelmäßig Unterricht halten. All dies hat sich enorm auf die Qualität des Studiums ausgewirkt. Ich glaube, ich habe nur etwa 20 Prozent des Stoffs mitbekommen.  

Die Lehrer hatten großes Verständnis für die Situation – es gab keine Fristen für die Abgabe von Arbeiten. Und ich hatte Glück: Smila hatte wenigstens Internet. Ein Freund von mir musste aufs Land fliehen, wo es kein Netz gab. Also studierte er einige Monate lang gar nicht.  

Vor dem Hintergrund des Kriegs erscheint vieles weniger dramatisch: Früher war ich immer sehr nervös vor Prüfungen, aber zuletzt war ich kaum besorgt. Wenn ich bestehe, gut. Wenn nicht, versuche ich es noch einmal. Seit Oktober finden einige Vorlesungen wieder vor Ort statt. Um ehrlich zu sein, mag ich das nicht wirklich – aus Sicherheitsgründen. Einmal gab es auf dem Weg zur Universität zum Beispiel einen Luftangriff. 

Und als noch um Sumy gekämpft wurde, schlug eine Rakete in der Nähe des Universitätsgebäudes ein und alle Fenster bis zum fünften Stockwerk flogen heraus. Die Region ist zwar zurückerobert worden, aber die Lage ist immer noch angespannt. Da sich im Universitätsgebäude viele Menschen versammeln, ist die Uni ein potenzielles Angriffsziel. In den vergangenen Wochen hat der massive russische Beschuss der ukrainischen Infrastruktur zu immer häufigeren Stromausfällen geführt. Aus diesem Grund verpasse ich gerade fast jeden Tag den Unterricht. Ich kann mich einfach nicht in den Unterricht einwählen. 

Auch die wirtschaftliche Situation macht mir zu schaffen. Schon vor dem Krieg war es schwierig, mit einem Stipendium über die Runden zu kommen, aber jetzt ist es noch schwieriger. Ich erhalte zwar 15 Prozent mehr Geld, doch die Preise für Lebensmittel sind gefühlt viel stärker gestiegen. Außerdem wurde meine Stelle an der Universität gestrichen, sodass ich kein zusätzliches Einkommen mehr habe. Ich wohne bei meinen Eltern, sie helfen mir natürlich. Ich weiß nicht, wie ich sonst überleben könnte. So habe ich mir meine Studienzeit sicher nicht vorgestellt: erst Covid, jetzt Krieg.“  

„Warum soll ich heute studieren, wenn ich morgen sterben kann?“  

Foto: privat.

Foto: Privat

Salome, 19, studiert Sozialpädagogik  in Irpin. Als der Krieg begann, hielt sie die Nachricht zunächst für einen Scherz. Mit einem Teil ihrer Familie flüchtete sie nach Deutschland, wo sie in einem Krankenhaus an Online-Kursen ihrer Uni teilnahm. Dort hielt sie es aber nicht lange aus. 

„Als ich im September in die Ukraine zurückkehrte, fühlte sich der Alltag in der Stadt fast wieder so an wie vor dem Krieg. Die Straßen waren beinahe so voll wie zuvor. Die Menschen kehrten langsam nach Hause zurück. Ich nahm einen Teilzeitjob an und jetzt studiere und arbeite ich von zu Hause aus. Häufig lerne ich im Badezimmer. Es befindet sich zwischen zwei tragenden Wänden, das bringt ein bisschen Sicherheit. Wenn ich da sitze, kommt mir aber oft der Gedanke: ‚Warum soll ich heute studieren, wenn ich morgen sterben kann?‘ 

Am 23. Februar besuchte ich eine Freundin von mir, Tanja, und übernachtete bei ihr. In den letzten Wochen hatte sich Tanja große Sorgen über einen möglichen Krieg gemacht und ständig davon gesprochen. Meine Freunde und ich haben uns über sie lustig gemacht. In den frühen Morgenstunden des 24. Februar rief eine Freundin Tanja an, um ihr mitzuteilen, dass der Krieg begonnen hatte. Ich habe aber im Schlaf gesagt: ‚Tanja, die machen sich über dich lustig, leg das Telefon weg und lass uns weiter schlafen.‘ Das tat sie auch, und wir schliefen wieder ein. Eine halbe Stunde später erhielt Tanja noch einen Anruf – dieses Mal von ihrem Vater. Dann sind wir aufgesprungen und haben uns fertig gemacht.  

Tanja hatte Bekannte, die Irpin dringend verlassen wollten. Zusammen flüchteten wir aus der Stadt, zunächst Richtung Lwiw, in den Westen des Landes. Alleine reiste ich dann weiter nach Rumänien, wo ich mich mit einem Teil meiner Familie traf. Gemeinsam reisten wir weiter nach Deutschland. In Wiesbaden kamen wir schließlich in einem Krankenhausgebäude unter. 

Bis zu diesem Zeitpunkt war mir mein Studium ehrlich gesagt egal. Es gab Wichtigeres. Ich habe erst Ende März wieder damit angefangen. Während der Corona-Pandemie hatte ich mich an das Online-Studium gewöhnt und es gelang mir, im Krankenhaus einen Platz zum Lernen zu finden. Es war nicht leicht, mich zu konzentrieren, weil meine Geschwister ständig meine Aufmerksamkeit forderten. Doch ich bin fleißig und bereite mich gut auf die Vorlesungen vor. Außerdem habe ich ein Stipendium. Wenn ich nicht gut genug bin, kann es mir entzogen werden. 

Ich war – und bin immer noch – sehr dankbar für die Hilfe aus Deutschland, aber ich habe mein ukrainisches Leben sehr vermisst. Es mag seltsam klingen, aber obwohl ich in Deutschland durch die Sozialleistungen ein Einkommen hatte und in Sicherheit war, fühlte ich mich nicht gut. Als würde ich nicht wirklich leben, sondern nur existieren. Deshalb gab ich meinen Flüchtlingsstatus in Deutschland auf und kehrte zurück nach Irpin.“ 

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