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Foto: privat

Taylan Kurt, 30, sitzt für Bündnis 90/Die Grünen im Bezirksparlament Berlin-Mitte. Dort ist er als Sprecher  seiner Fraktion zuständig für Soziales, Wirtschaft, Jobcenter und Ordnungsamt. Vergangene Woche postete er auf seinem Instagram-Account das Foto eines T-Shirts, auf dem „Döner Kebab“ steht. Eines, wie es häufig Dönerverkäufer tragen. Dazu schrieb er: „Klischees gehören über Bord geworfen“. Das T-Shirt will er nun regelmäßig in der Öffentlichkeit tragen – als Zeichen für Vielfalt und Toleranz. Am Telefon erklärt er, warum.

jetzt: Taylan, was steckt hinter deiner T-Shirt-Aktion?

Taylan Kurt: Unsere Gesellschaft ist sehr vielfältig. Viele Menschen setzen sich mit dieser Vielfalt aber zu wenig auseinander und denken lieber in Schubladen. Sie klassifizieren ihr Gegenüber anhand des Aussehens. Von der Kleidung eines Menschen wird sofort auf den Beruf und die soziale Stellung geschlossen: Wer etwas leuchtend orangefarbenes trägt, arbeitet bei der Müllabfuhr, während jemand, der einen schicken Anzug anhat, bestimmt in hoher Position im Büro sitzt.  Träger von Döner-Kebab-Shirts arbeiten folglich in der Dönerbude. Das Problem bei solchen Klischees ist: Der Mensch, der mit seinen individuellen Charaktereigenschaften dahinter steht, geht komplett unter.

„Wenn ich mit dem Dönerverkäufer-Shirt zur Wohnungsbesichtigung gehen würde, bekäme ich die Wohnung höchstwahrscheinlich nicht“

Aber Berufskleidung hat ja vor allem praktische Gründe. Warum ist sie problematisch?

Berufskleidung hat einerseits praktische Gründe und gibt andererseits Auskunft über die berufliche Tätigkeit, der jemand nachgeht. Heutzutage sind Berufsbiographien jedoch vielfältig: Wer bei der Müllabfuhr arbeitet, tut dies nicht bis zur Rente, sondern kann sich  beruflich umorientieren. Dies gilt auch für andere Berufe. Dennoch bleibt bei vielen das Bild in den Köpfen, dass das Aussehen und die Berufskleidung Auskunft über die Person und deren sozialen Status gibt. Wenn ich zum Beispiel mit dem Dönerverkäufer-Shirt zur Wohnungsbesichtigung gehen würde, bekäme ich die Wohnung höchstwahrscheinlich nicht. Mit dem Anzug dagegen hätte ich schon viel bessere Chancen, obwohl beide Mietinteressenten dasselbe Gehalt haben könnten. Dieses Klischee-Denken allein aufgrund von Äußerlichkeit und Uniform begünstigt soziale Ungerechtigkeit.

Warum gerade das Döner-Kebab-Shirt?

Ich wohne schon mein Leben lang in Moabit. Das war immer ein Arbeiterkiez, und in den 60er und 70er Jahren kamen durch die Randlage nah an der Mauer viele Arbeitsmigrantinnen und -migranten, die sich die Mieten in Charlottenburg nie leisten konnten. Viele dieser Menschen haben damals in Fabriken am Fließband gearbeitet, in einfachen Tätigkeiten. Als später diese Jobs aus Berlin wegverlagert wurden, wurden sie arbeitslos. Die hierdurch entstandene massive Armut von Menschen mit Migrationshintergrund in den 90er Jahren hat mich sehr geprägt. In dieser Not haben sich viele selbstständig gemacht und sich nach anderen Jobs umgeschaut: Frauen sind oft putzen gegangen und die Männer haben sich in der Gastronomie mit Dönerläden sebstständig gemacht. Ich erinnere mich, dass ich damals vom Schulbus aus immer mindestens einen Menschen mit so einem Döner-Kebab-Shirt gesehen habe. Ich weiß noch, wie erschöpft sie aussahen. Sie haben hart geschuftet und konnten gerade mal die Miete bezahlen.

„Wenn ein Döner-Shirt von einem blonden 'Biodeutschen' getragen wird, ruft das immer eine andere Reaktion hervor“

Wie ist es heute? Döner wird ja eher mehr gegessen als früher...

Moabit hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. Viele Studenten sind hergezogen, aber auch Familien und Wohlhabendere. Dennoch gibt es immer noch viele Menschen, die sehr arm sind und kaum über die Runden kommen. Döner wird heute tatsächlich mehr gegessen, das gehört heute viel mehr zum Stadtbild als früher. Trotzdem bleiben die prekären Arbeitsbedingungen der Menschen, die ihnen den Döner verkaufen.

Inwiefern würde es helfen, wenn jetzt das Döner-Shirt plötzlich hip wird? Man könnte ja auch sagen: So wird das Klischee erst recht gepflegt.

Ich will keinen Mode-Trend für Döner-Shirts setzen, sondern zum Nachdenken anregen. Ich behaupte mal: Wenn ein Döner-Shirt von einem blonden „Biodeutschen“ getragen wird, ruft das immer eine andere Reaktion hervor, als wenn es von einem Menschen getragen wird, dem man einen Migrationshintergrund nachsagt– völlig egal, ob er hier geboren ist. Das muss hinterfragt werden.

„Es geht darum, zu schauen: Was macht das mit mir, was macht das mit den Menschen um mich herum?“

Das kannst du dann ja aber nicht jedes Mal erklären.

Deshalb sollte es jeder einmal selbst ausprobieren und so ein Shirt anziehen – oder eine andere Berufsuniform. Es geht auch darum, zu schauen: Was macht das mit mir, was macht das mit den Menschen um mich herum? Wir alle sind Teil dieser Gesellschaft mit ihren Klischees, und deshalb sind wir es, die genau das ändern können, um in einer Gesellschaft zu leben, in der man eben nicht nur nach dem beurteilt wird, was man anhat. Jeder und jede kann einen kleinen Beitrag für mehr Toleranz und Vielfalt  leisten.

Klingt ein bisschen wie politische Kunst. Wo kriegt man die Döner-Shirts überhaupt?

Ich hab meins ganz einfach im Internet bestellt. Es war ein eher spontaner Gedanke, die Idee hatte ich aber schon länger. Neulich habe ich dann einen Journalisten des Tagesspiegel gesehen, der ein Bild von sich mit dem T-Shirt gepostet hat. Und das hat mich noch mehr motiviert. Die ersten Reaktionen sind übrigens sehr positiv: Mir haben auf den Instagram-Post hin schon Leute geschrieben, dass sie die Idee gut finden.

Und wo willst du das Shirt in Zukunft tragen?

Auf jeden Fall nächsten Donnerstag in der  Bezirksverordnetenversammlung Berlin Mitte. Ich will aber unbedingt auch mal damit durch Charlottenburg oder Zehlendorf spazieren und bin auf Reaktionen gespannt. Im Moment ist es dafür leider viel zu kalt. Aber der nächste Sommer kommt bestimmt.

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