Praktikums-Protokoll: In der Kanzlei

Anna ist 22 Jahre alt und studiert an der Universität Regensburg im dritten Semester Rechtswissenschaften. Bei einem Praktikum in einer Anwaltskanzlei lernt sie die Welt von Strafverteidigung und Zivilprozessen kennen. Ihre größte Erkenntnis: Zwischen Universitätstheorie und Alltagsanwaltsarbeit klafft eine große Lücke.
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Illustration: Julia Schubert

Jura ist doch staubtrocken, als Jurastudent muss man nur gut auswendig lernen können - die handelsübliche Liste an Vorurteilen über die Rechtswissenschaften ist lang. Ein paar der Kritikpunkte sind auch bestimmt nicht falsch. Umso mehr wollte ich daher endlich die praktische Arbeit kennen lernen. Und nebenbei gesagt, sind für Jurastudenten drei einmonatige Praktika Pflicht. In einer Rechtsanwaltskanzlei in Ingolstadt hatte ich die Gelegenheit, einen Monat lang so ein Praktikum zu absolvieren. Bezahlt wurde ich nicht, was für Praktika in Anwaltskanzleien aber die Regel ist. Nach einer kurzen Einführung in das Tagesgeschäft, nahm mich der Anwalt gleich mit aufs Gericht. Und hier ließ meine erste Praxiserkenntnis nicht lange auf sich warten: Vieles, was man in der Uni detailliert und auswendig lernen muss, zählt in der praktischen Arbeit kaum, die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis ist immens. Wer kann schon in einen Angeklagten hineinsehen und sagen, ob er nun vorsätzlich oder nicht doch fahrlässig gehandelt hat? Alleine dafür gibt es zwölf Unterscheidungen mit vielen Untertheorien. Jede Seite wählt die für sich Günstigste aus und entscheidend ist letztendlich, wer die besseren Beweise, wer die stärkere Überzeugungskraft und wer die größere Ausdauer hat. Im weiteren Praktikumverlauf lernte ich, wie Gespräche mit neuen Mandanten ablaufen, welche Fragen man ihnen gezielt stellen muss und wie sehr dabei auf die Gestik und Mimik zu achten ist. Oft kann man auf diesem Weg mehr erfahren, als über lange Gespräche. Menschenkenntnis ist ein wichtiges Werkzeug für den Anwaltsberuf. In der zweiten Woche durfte ich sogar den ersten Fall auf eigene Faust bearbeiten, die Verteidigungsschrift verfassen, und machte die unliebsame Bekanntschaft mit einer Unmenge an Aktenblättern, angefangen bei Klageschriften und Zeugenaussagen, bis hin zu Beweisdokumenten. Wie mir bald klar wurde, liegt die Kunst des Anwaltsberufs darin, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Meinen ersten Fall bearbeitete ich also, wie wir es in der Uni gelernt hatten und kam schnell zu dem Ergebnis, dass so kein Prozess zu gewinnen ist. Zu den Tricks und Kniffen, die man eben nur in der Praxis lernt, gehört, nicht alles in die Verteidigungsschrift zu packen. So kann man noch die ein oder andere Trumpfkarte in der Hinterhand behalten. Ein sehr einprägsames Erlebnis war ein Besuch in der JVA Würzburg. In der Kanzlei haben die Fälle aus den Akten kein Gesicht, doch wenn man den Mandanten im Gefängnis gegenübersitzt, merkt man, dass sich hinter den Akten Menschenschicksale verbergen. Das hat mich wirklich bewegt und zum Nachdenken gebracht. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Universität und praktische Arbeit sind zwei verschiedene Stiefel. Ich denke, man sollte jede Möglichkeit für ein Praktikum nutzen und deswegen werde in den kommenden Semesterferien im Amtsgericht arbeiten, im September bei einer Versicherung. Fotos: privat / AP

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