Folge 4: Berliner Quadratmeter auf dem Land

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Hat ja auch gute Seiten, so ein Umzug. All die Dinge, die ich irgendwann mal aus einem Ich-weiß-zwar-nicht-wozu-aber-trotzdem-Gefühl heraus nicht weggeschmissen habe, kann ich jetzt doch mal endlich wegschmeißen. All die Spambriefeschreiber, die mich mit namentlich adressierten Gewinnmitteilungen und Einladungen zu Heizdeckenverkaufsveranstaltungen nerven, kann ich mir wenigstens für ein paar Wochen vom Hals halten. In eine neue Stadt ziehen, das ist: Gespannt sein, wie viele Postwurfsendungen ich demnächst wegwerfen werde. Außerdem kannst ich meinen ungenutzten Vertrag im Fitnessstudio kündigen, ohne auch nur indirekt mit der Kategorie „Kriegt den Arsch nicht hoch“ konfrontiert zu sein, denn: Ich habe jetzt ja einen echten Grund. Ich habe ferner einen Grund, mich bei lange vernachlässigten Leuten zu melden, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob wir noch Freunde oder schon „Kannte ich mal“ sind. Und: Ich habe jetzt keine Ausrede mehr, nicht wieder mal laufen zu gehen. (Zumindest nicht, wenn man - wie ich - allen Leuten monatelang erzählt hat, nein, man würde hier und jetzt nicht mehr anfangen, weil man ohnehin bald umzöge.)

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Illustration: Julia Schubert

Der Tag, an dem ich Lars‘ Trockenpflanze vor ihrem Todessturz gerettet hatte, war es nun also: I’ll be back on the track (nein, das ist nicht von Lars). Keine Ahnung, wo man hier gut laufen konnte oder wo der sportliche Teil der Einheimischen lief. Lars konnte auch nicht helfen: „Uff, nee, nicht so mein Fall“, hatte er gegrinst und gleich zweimal demonstrativ gehustet. (Hätte ihm durchaus auch den Hinweis zugetraut, Sport sei Mord, wurde aber angenehm überrascht). Es gab da aber eine Straße in der Nähe, die in einen Feldweg mündet, und nicht weit davon entfernt ist ein Waldstück. Das wusste ich, weil ich mich kürzlich auf dem Heimweg von McDonalds (ich musste, mein Backofen war kaputt irgendwie, ehrlich) verfahren und mich vor einem dieser „Durchfahrt verboten“-Schilder wiedergefunden hatte, unter dem vermerkt war: Landwirtschaftlicher Verkehr frei. Dann mal los. Andere hören Musik, wenn sie laufen, oder konstruieren die Handlungsstränge ihres Romans. Ich kannte mal jemanden, der immer bis tausend zählte und dann wieder rückwärts bis null, immer hin und her. Finde ich bescheuert. Ich rechne. Weil ich mir zwar keine Namen merken kann, keine Lateivokabeln und auch Computertastenkürzel nur sehr begrenzt, aber Zahlen – kein Problem. In Hamburg leben auf einem Quadratkilometer 2348 Menschen, begann ich zu überlegen, während ich aus dem dunklen Treppenhaus in die helle Samstagvormittagssonne federte, in Berlin sind es 3846, in München sogar 4397. Sofern die Zahlen bei Wikipedia stimmen. Einwohnermäßig entspricht meine neue Stadt also gut 11 Quadratkilometern München, 13 Quadratkilometern Berlin und – aus einem Vorgarten heraus kläfft mich ein Hund an – gut 21 Quadratkilometern Hamburg. Ein dicker Herr, der eine Schürze trägt und Glatze, leert einen Biomülleimer in seine braune Tonne und blinzelt mir misstrauisch entgegen. 3000 Menschen auf demselben Quadratkilometer wie du, verdeutliche ich mir selbst – das ist wie ständig Hafengeburtstag oder Loveparade (obwohl es da vermutlich ein paar Menschen mehr waren), eine unendliche Championslegue-Übertragung in deiner Lieblingskneipe, ein nie endender dritter Adventssamstag in der U-Bahn. Ha, da vorne ist das Schild. Fantastisch. Läuft besser, als ich dachte, aber gut, bin ja auch erst vier Minuten unterwegs. Ein paar Meter geradeaus, dann rein in den Wald. Die Sonne bricht durch die Zweige, ein paar Vögel zwitschern, und meine Schritte knirschen im Kies. Schön hier. Ja, echt. Statistisch gesehen hat in Hamburg jeder Einwohner 425 Quadratmeter Platz, überlege ich weiter, in München 227 und in Berlin 260. Natürlich nur theoretisch, weil dazu auch alle Lagerhäuser, Stadtparks, Flughäfen und Autobahnen gehören. Ich biege rechts ab, drehe mich dann nochmal um und versuche mir zu merken, woher ich gekommen war. Wie viel Platz habe ich hier? Hundertzehn Quadratkilometer geteilt durch 50.000 Einwohner macht 2200 Quadratmeter. Für jeden. Fast zehnmal so viel wie in München, hundertmal so viel wie mein Wohn- und mein Schlafzimmer zusammen. Kann ich gerade sehr gut nachvollziehen, gerade habe ich nämlich den ganzen Wald für mich alleine. In meiner alten Umgebung in Hamburg wäre ich in den 20 Minuten, die ich jetzt durch die Gegend renne, locker 30, 40 anderen Läufern begegnet. Nein, stimmt nicht: Nach 20 Minuten hätte ich meine eigentliche Laufstrecke noch gar nicht erreicht. Sondern wäre an der vierten Ampel gestanden, auf meinem Track über Straßen, Einfahrten (Vorsicht) und Straßenecken (Aua), vorbei an Läden, Restaurants und anderen, nicht-laufenden Menschen. Was, ganz ehrlich, nur dann Spaß macht, wenn du nicht schon nach fünf Minuten eine rote Birne hast, sondern locker-federnd, möglichst auch äußerlich in Form und nicht im letzten Hemd, sondern in gewaschener Funktionsfaser deine Bahnen ziehst. Die meisten der Menschen, die mit und neben mir um die Außenalster, durch den Nymphenburger Schlosspark oder entlang der Spree gegen sich selbst gelaufen sind, hatten sowieso unter Garantie vorher geduscht. Könnte ja sein, dass du jemanden triffst, den du kennst, leben ja immerhin ein paar tausend Menschen auf demselben Quadratkilometer wie du. Dass hier jemand duscht, bevor er durch den Wald rennt, kann ich mir nicht vorstellen. Kann mir ja nicht mal vorstellen, dass hier außer mir überhaupt noch jemand durch den Wald rennt. Tja, Provinz, denke ich. Kategorie „Kriegen den Arsch nicht hoch.“ Oder spielen Fußball. Ist mir aber, so gesehen, gerade ganz recht. Als ich später – keine Ahnung, wie lange – wieder in meine Straße einbiege, kommt mir ein anderer Läufer entgegen. Er, Funktionsfaser, Sonnenbrille, fit, mustert mich, Funktionsfaser, Sonnenbrille, verschwitzt und fertig. Hebt die Hand zum Gruß, nickt freundlich in meine Richtung und federt in die Richtung, aus der ich gekommen war. Okay. Okay, okay. Vor mir lässt ein Herrchen seinen Labrador mitten auf den Bürgersteig machen. Muss einer von den Berliner Quadratkilometern sein.

Text: alexander-just - Illustration: Katharina Bitzl

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