Provinzkolumne 9: Über Kino und Klopapier

In Berlin, Hamburg und München leben sechseinhalb Millionen Menschen. Die anderen wohnen nicht da. Und Alex, 26, nicht mehr – er zieht in die Provinz.
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Natürlich mache ich auch noch Fehler. Sogar ein paar echt blöde, die mich in meinem persönlichen Provinz-Akzeptanz-Prozess meilenweit zurückwerfen. Zum Beispiel vorgestern. „Was macht Ihr eigentlich so am Wochenende?“, hatte ich freitagmorgens als Frage in den Raum – genauer: ins Büro hinein – gestellt. Der Grund: natürlich weit mehr als Neugierde, was wohl die Leute, mit denen ich meine sämtliche Nichtfreizeit verbringe, in den übrigbleibenden Wochenfragmenten mit sich anfangen. Nach unserem bürointernen Codierungs-Decodierungs-Modell bedeutet die Frage etwas völlig anderes: Sie schließt die folgenden Entgegnungen „Keine Ahnung, Du?“ undsoweiter gleich mit ein. Jan, der mir gegenübersitzt und beim Telefonieren lustig nickt, verstand. Und fragte folgerichtig: „Kino?“ Alles klar. Die näheren Absprachen, das wusste ich, würden über die folgenden Stunden verteilt getroffen. Puzzleteil für Puzzleteil. Wir würden zu viert sein, vielleicht auch zu fünft, (Katrin, eine weitere Bürogenossin, überlegt, die Stadt vorübergehend zu verlassen), vielleicht diesen Dan-Brown-Schinken, vielleicht was anderes, Samstagabend, sehr schön, ich freu mich, ich mich auch. So weit, so gut. Anstatt jetzt aber so unmittelbar pünktlich aufzubrechen, dass ich exakt zum verabredeten Zeitpunkt neben dem Aschenbecher am Kino-Eingang stehen würde (der Eingangsbereich ist keinesfalls so groß, um die Spezifizierung „Treffpunkt Aschenbecher“ nötig zu machen, im Gegenteil, es ist möglich, mit zwei gezielten Blicken die gesamte Besucherschaft aller fünf Kinosäle auf Chefs und Nachbarn zu scannen) – anstatt nun also annähernd à la minute aufzubrechen, notfalls auch zwei Minuten zu spät, damit ich nur ja keine Zeit würde überbrücken müssen, kam ich – Anfängerfehler! - gut eine halbe Stunde zu früh. Keine Ahnung, warum. Kann sein, dass mir das in den Genen liegt, schon meine Mutter kam – und kommt noch – überall mindestens zwanzig Minuten früher als nötig. Was besonders an Bahnhöfen wie dem meiner Heimatstadt blöd ist, weil dort außer ein paar Gepäckschließfächern und dem Fahrkartenautomat auch nichts los ist und nur der kalte Wind für Spannung sorgt. Kann aber auch sein, und ich halte das für wahrscheinlicher, dass sich die Überpünktlichkeit bei mir in meiner Zeit in Hamburg eingeschlichen hat: hin zu diversen U- und S-Bahn-Stationen, Treppen rauf und runter, all die zwei und drei Minuten Wartezeit, bis die Bahn eintreffen wird, dann vielleicht noch Verspätung wegen Gleisbruchs, falls ich zum ersten Mal irgendwo bin, verlaufe ich mich immer auch noch ein bisschen – et voilà. Das schleift sich ein.

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Illustration: Julia Schubert

Hier verläuft sich eher selten jemand. Ich mich diesmal auch nicht. Okay, setze ich mich halt noch in ein Café und lese Zeitung oder so, beschloss ich. Anfängerfehler. Weil die Fußgängerzone längst verödet war, ging ich in die Kino-Kneipe, die leider keine Kneipe ist, sondern auf American-Diner getrimmt. Mit Felgen über dem Tresen und festinstallierten Sitzbänken, bezogen mit rotem Plastikleder, wovon man – durch die Glasfassade – freien Blick auf eine der Hauptverkehrsstraßen hat. Die jetzt natürlich leer war, aber trotzdem vierspurig. Ganz hinten in der Ecke saßen zwei dicke Mädchen und aßen Burger. Sonst war niemand da, mal wieder, nicht mal ein Hauch von Atmosphäre. Ich setzte mich an den Tresen, blätterte in der dort herumliegenden BILD und bestellte ein Pils. Ein großartiges Gefühl, mein lieber Mann. Meine Damen und Herren, Alexander Just als Lonely Hero, mit BILD und Pils. Als ich fertig war mit der Zeitung, schaute ich auf die Uhr, und fing dann noch mal von vorne an. Ganz toll, dachte ich ironisch, ganz, ganz toll, und konnte den Gedanken „Wusst‘ ich’s doch, alles scheiße hier“, gerade noch verhindern, im letzten Moment. Weil ich darüber nämlich eigentlich schon hinweg war. Eigentlich, ich betone das jetzt mal, finde ich es hier nämlich echt ganz okay. Akzeptabel. Weil ich erkannt habe, was eigentlich keine neue Erkenntnis ist, überhaupt nicht, auch nicht für mich: Es gibt einfach Unterschiede. Großstadt ist nicht wie Kleinstadt, und Kleinstadt ist nicht wie Großstadt. Das kann man verzweifeln, man kann es aber auch einfach akzeptieren – und ich versuche letzteres, leider nach wie vor mit Tendenz zu ersterem. Gibt ja nichts trauriger als Kleinstädte, die versuchen, großstädtisch zu sein. Genau wie Kleinstädter, die in der Kleinstadt krampfhaft versuchen, Großstädter zu sein. Der Abend im Kino wurde dann später doch noch ganz nett. Ein anderer Anfängerfehler: mit dem Rad zum Supermarkt zu fahren. Oder zu Fuß zu gehen. Ist logistisch zwar möglich, bietet sich fast an, schließlich ist hier ja alles in der Nähe. Nur: Alle anderen, deine Miteinkäufer, kommen natürlich mit dem Auto. Logische Folgerung: Wer nicht mit dem Auto einkauft, hat kein Auto. Und wer in der Provinz kein Auto hat, der hat verloren. Anders in der Großstadt: Da hast du nicht verloren, wenn du kein Auto hast, sondern sehr oft dann, wenn du eines hast. Und: Wenn du in der Großstadt mit einem Pack Klopapier herumläufst, wirkt das wenigstens noch ironisch, holt dich sanft auf den Boden der Realität zurück, und alle anderen, die dich sehen, genauso. Die Botschaft: Du kannst Creative Director sein oder Student oder Heizungsinstallateur, aber Klopapier musst du trotzdem kaufen, und dich befassen mit dem Problem, den unförmigen, in rosa oder hellgrüne oder babyblaue Folie eingeschweißten Pack möglichst unpeinlich nach Hause zu transportieren. Meistens ist es auch einfach nur egal. Hier, in der Kleinstadt, ist es das nicht. Wenn du hier öffentlich mit einem klopapierfolienfarbenen Packen gesehen wirst, lautet der Subtext: Ich kann mir kein Auto leisten, oder wurde blau hinterm Lenker erwischt (siehe oben), oder komme aus der Großstadt und bemühe mich, das Klopapiertragen zu einem Statement zu machen. Kurz: Du stehst da wie der Dorftrottel. Leute, die in der Kleinstadt öffentlich Klopapier tragen, nicken lustig beim Telefonieren und gehen auch alleine in American-Diner-Style-Kneipen. Äh. Ja.

Text: alexander-just - Illustration: Katharina Bitzl

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