Teil 3: Kennt hier jeder jeden?

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Bitte zehn von den dunklen mit den Sonnenblumenkernen und zwei Weißbrotstangen, sagte die Frau vor mir am Bäckertresen. Gern, sagte die Frau auf der anderen Seite in einer Weise, wie es nur Bäckereifachverkäuferinnen können (nicht die in den Großstadt-Aufbackfilialen, die ja nur eingestellt werden, um die männliche Kundschaft zu Stammkunden anzufüttern, sondern die aus Provinzbäckereien, mit gewaltigen Oberarmen, die mit dem Meister verheiratet sind). Und dann noch zehn von den hellen, verlangte die Dame diesseits des Tresens. Gibt’s wohl ein Fest, fragte die Frau hinter dem Tresen in den Brötchenkorb hinein. Ja, naja, der Lars, antwortete die Frau vor mir. Ach, natürlich, der Lars, grüßen Sie ihn nur schön. Wie viele waren das jetzt von den hellen?

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Illustration: Julia Schubert

Das Frappierende an den vielen blöden Klischees über die Provinz ist: In den allermeisten Fällen sind sie wahr. Zum Beispiel, dass hier jeder jeden kennt – nicht über die berühmten 6,6 Ecken, über die jeder ich mit dem Rockefeller-Clan genauso verbunden bin wie mit Gottschalk und Gina-Lisa Lohfink. Sondern über maximal zwei. Der oben erwähnte Lars zum Beispiel wohnt unter mir. Wir kennen uns seit ein paar Tagen. Darf’s dann noch was sein?, fragte die Bäckersfrau über den Tresen. Nein, das wär’s, danke, sagte Lars mutmaßliche Mutter. Aber haben Sie eigentlich mal wieder was von Frau Meierheinrich gehört? Weil, naja, die ist so komisch in letzter Zeit. Lars hat sich mir mit einem prägnanten „Ey! Mann, scheiße“ vorgestellt, ich habe irgendwie ähnlich gekontert. Was du halt so sagst, wenn vom Balkon über dir kaltes, erdiges Geranienwasser auf deine in der Sonne gelagerten Umzugskartons (ich) beziehungsweise Schienbeine (er) heruntersifft. Wie alt Lars ist, weiß ich nicht – sein teigiges Gesicht und die Tatsache, dass seine Mutter für ihn Brötchen kauft, lassen darauf schließen, dass er zumindest nicht viel älter sein kann als ich. Wahrscheinlich. Nein, sie wisse auch nicht, was mit der Frau Meierheinrich los sei, äußerte die Bäckersfrau. Aber – und während sie das sagte, zerrte sie einen ganzen Quarkstrudel, in der Konsistenz ihrem linken Oberarm in nichts nachstehend, aus der Auslage – aufgefallen sei ihr das auch schon, das mit der Frau Meierheinrich, jaja. Was ich weiß, ist: Lars arbeitet beim lokalen Radiosender, Radio Picasso, keine Ahnung, warum der so heißt, an der Kreativität des Programms kann es nicht liegen. Und nachdem Radio Picasso der einzige Sender ist, den ich im Bad reinkriege, weiß ich auch, dass Lars immer morgens die Verkehrsmeldungen ansagt. Das heißt: Tatsächlich sagt er meistens nur „Nichts los auf den schönen Straßen unserer schönen Stadt, gute Fahrt und guten Morgen, der Lars war’s.“ Ungelogen. Montagmorgens steht an der Gustav-Heinemann-Straße außerdem immer eine Radarfalle, immer auf Höhe der zweiten Ampel. Das sagt Lars dann auch immer an. Er selbst fährt einen ziemlich klapprigen Golf, den er, wenn er um 11 Uhr aus dem Studio kommt, direkt vor dem Mietshaus parkt. Außerdem wohnt er, wie ich, zehn Minuten von der Innenstadt entfernt in einem Mietshaus, dem einzigen im Viertel. Sonst sind hier nur Doppelhaushälften, mit Küchen- und Klofenster zur Straße hin. Vor den Häusern: ein kleiner Vorgarten, davor ein Gartenzaun, und davor wiederum liegen gerade bergeweise gelbe Säcke. Am Rande bemerkt: Dass ich nicht verrate, wie die Stadt heißt, in der ich jetzt zu leben habe, hat natürlich einen Grund. Nicht etwa Diskretion, Vorsicht oder Scham – keine Spur. Nur: Es würde nichts ändern. Allenfalls würde sich jeder, der nicht zu den 50.000 hier wohnenden Menschen gehört, entspannt und beruhigt zurücklehnen und denken: Mann mann mann mann mann – gut, dass ich da nicht wohne. Aber: Provinz, das sind nicht immer die anderen. Sondern: Provinz ist überall gleich. Die Unterhaltung der Bäckersfrau mit Lars‘ Mutter hat ihren Zenit überschritten. Die Kasse piept, der Strudel ist ein Geschenk „für den Lars, weil er immer so ein lieber Junge war“, beide sagen noch drei-, viermal „Jaja“, dann ist Schluss. Zwei misstrauische Augenpaare mustern mich. „Und was kriegen Sie?“ Am Tag nach dem Balkonzwischenfall, als ich in Laufklamotten meine Wohnungstür öffnete, stand er mit zwei Umzugskartons im Treppenhaus. „Umzug?“, folgerte ich messerscharf. „Nimmst du mal das Ding da, bitte?“, forderte er atemlos und wies mit dem Kinn auf eine ziemlich halbtote Topfpflanze, die sonst gleich von der oberen der beiden Kisten gerutscht wäre. „Danke.“ – „Wohin denn?“ – „Lange Geschichte, keine Zeit jetzt“, sagte er. „Wir gehen mal ein Bier trinken, dann erzähl‘ ich dir das in Ruhe.“ Dann war er weg. Na gut, dachte ich. Stellte, erstaunt über so viel unerschüttertes Grundvertrauen, mangels Antwort die Pflanze auf den Treppenabsatz. Schnürte mir die Schuhe. Und lief los. „Macht dreifünfzig“, höre ich, als ich meine Tüten über den Tresen gereicht kriege. „Und, sagen Sie mal: Ich will ja nicht neugierig sein, aber: Sie sind nicht von hier, oder? Weil – wenn Sie von hier wären, dann tät‘ ich Sie kennen.“

Text: alexander-just - Illustration: Katharina Bitzl

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