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In dieser Kolumne geht es um einen Dialog. Um ein Zwiegespräch zwischen Redakteur und Rapper. Und Gerard aus Wien hat einiges zu erzählen, wie er nicht nur auf seiner derzeit stattfindenden Tour Abend für Abend unter Beweis stellt, sondern auch auf seinem aktuellen Album „Blausicht“. Überhaupt – nicht nur Rap aus deutschen Gefilden ist erfolgreich wie nie, auch die Österreicher hauen ein gefeiertes Release nach dem anderen raus, ob Nazar, RAF 3.0 oder eben Gerard. Letzterer hat sich nicht nur von seinem vorherigen Namenszusatz MC getrennt, sondern sich auch musikalisch freigeschwommen und sammelt mit seiner neuen Platte Respektbekundungen von allen Seiten. Und zwar zu Recht.

Metrickz – Ultraviolett   jetzt.de: Kanntest du Metrickz im Vorfeld bereits?

Gerard: Ich hatte sein „Valentina“-Video schon gesehen und fand das ziemlich geil. Das hat mich zwar ein bisschen an Cro erinnert, aber ich war wirklich positiv überrascht von der Platte. Die besitzt eine schöne Mischung aus Straßen-Attitüde und poppigen Beats. Ich mag auch die Dubstep-Elemente, selbst wenn die nicht mehr ganz up to date sind. Das hat so ein bisschen was von Example aus England. Und ich finde es in Anbetracht meines Albumtitels „Blausicht“ natürlich auch gut, dass seine Platte „Ultraviolett“ heißt.

Metrickz hat in einem Interview gesagt, er habe viel Wert auf seine Reimtechnik gelegt. Hast du das herausgehört?

Auf jeden Fall. Man hört, dass der nicht über Nacht hochgekommen ist, sondern bereits einige Zeit an sich und seinen Fähigkeiten gearbeitet hat. Gute Technik braucht eben Zeit. Ich habe den Eindruck, dass MoTrip und SD seine Vorbilder waren, die ich beide sehr gerne mag.  

Seine Vergleiche wie „Ihr seid Affen wie die CDU“ oder „das Glück war selten wie ’ne Perle“ sind allerdings nicht sonderlich innovativ.

Na ja, jeder Künstler hat ja auch noch Luft nach oben. Aber da ich nichts erwartet habe, hat der mich überzeugt. Ein Song wie „Valentina“ ist zwar poppig und eingängig, aber nicht peinlich, und hat zudem noch eine gewisse Roughness. Das ist eine Platte, die ich mir sogar aufs iPhone ziehen würde – und das kommt nicht oft vor.

Die Instrumentierung besteht vorwiegend aus Drum’n’Bass-Beats, hebt sich dahingehend also von vergleichbaren Platten ab. Gefällt dir die Instrumentierung?

Teilweise ist mir die ein bisschen zu glatt, im Gesamtkontext macht das aber total Sinn, weil er als Typ eben auch eine gewisse Kante hat, mit der er das wieder ausgleicht. Insofern finde ich den Kontrast zwischen den poppigen Beats, seiner Reimtechnik und seiner Attitüde sehr gelungen.

Drake – Nothing Was The Same  

Wie findest du die Platte?

Als großer Drake-Fan kannte ich das Album natürlich schon und finde es sehr geil. Drake gelingt es immer wieder, stimmige Alben abzuliefern, die nicht bloß aus drei Singles und sonst lediglich aus Füllmaterial besteht. Sein Vorgänger-Album „Take Care“ gefällt mir zwar noch ein bisschen besser, aber „Nothing Was The Same“ ist auch super und ein bisschen düsterer.

Wie erklärst du dir den Hype um Drake?

Da spielt vieles zusammen. Er ist ein Typ, er hat Persönlichkeit. Obwohl ich auch Leute kennen, die ihn für einen Schauspieler halten – was er de facto ja auch ist. Aber bei Drake stimmt einfach alles: seine Alben sind Bomben, seine Free-Tracks dazwischen überzeugen, seine Feature-Auswahl ist erlesen...da gibt es einfach nirgendwo etwas auszusetzen.

Hast du Drake auch schon mal live gesehen?

Ja, ich war bei seiner Show in Berlin und das war eines der besten Konzerte meines Lebens. Man merkt einfach, dass er sich wahnsinnig viel Mühe gibt und alles reinsteckt.

Drake schafft es, mit seiner Musik die heutige Rap-Jugend genauso zu überzeugen wie die 90s-Heads, zumal er auf der neuen Platte auch mit Wu-Tang-, und Mobb-Deep-Verweisen auffährt. Zu welcher Fraktion gehörst du?

Schon eher zur neuen Fraktion. Ich bin ja auch erst 26. Aber vor ein paar Monaten hat ein Freund von mir Junggesellenabschied gefeiert, wir sind mit einem Boot auf der Spree gefahren. Da waren nur 25- bis 40-jährige Männer an Bord, wir haben die ganze Zeit nur Drake gehört und jeder einzelne hat mitgerappt. Das war wirklich generationsübergreifend.

Drake hat kürzlich gesagt, er sei kaum noch auf sozialen Netzwerken vertreten und hebe sich sein Mitteilungsbedürfnis stattdessen für seine Songs auf. Eigentlich nicht blöd, oder?

Nein, gar nicht. Aber Drake hat es eben auch nicht nötig, über Facebook oder Twitter noch neue Fans zu generieren.

Hast du denn auch das Gefühl, dass Künstler mehr Inhalte in ihre Songs statt auf ihre Facebook-Seiten packen sollten? Im Optimalfall bekommt man natürlich beides hin, das versuche ich jedenfalls. Mir selbst machen diese sozialen Netzwerke schon Spaß, aber ich verstehe auch, wenn jemand da keinen Bock drauf hat.

Dizzee Rascal – The Fifth

Die Platte ist ja, sagen wir mal, elektronischer ausgefallen. Wie gefällt sie dir? Nicht so gut. Ich war ziemlich enttäuscht. Dabei habe ich eigentlich gar nichts dagegen, wenn man ein bisschen poppiger wird, aber Dizzee hat es eindeutig übertrieben.

Verstehst du, was viele Rapper an Autotune, Eurodance und Großraumdisco-R’n’B finden?

Das scheint mir eine Sache zu sein, die viele andere UK-Rapper auch nicht hinbekommen, wenn sie Richtung Pop schielen. Das werden dann immer ganz peinliche Nummern ohne jeglichen künstlerischen Wert. „The Fifth“ ist mir zu substanzlos mit lieblosen und austauschbaren Beats. Aber vielleicht braucht man das, um in den englischen Radios zu laufen.

 

Dizzee selbst meinte, die Platte sei die am besten produzierte, die er je aufgenommen hätte. Deine Meinung zur Produktion? Wenn er die ganz große Pop-Welt bedienen will, hat er wahrscheinlich Recht, aber ich find’s bloß einfallslos, wenn du dir einfach ein paar große Namen schnappst und dazwischen ein bisschen rappst. Aber ich bin wohl auch nicht mehr seine Zielgruppe und nehme an, dass Dizzee damit gut leben kann.

 

Deltron 3030 – Event II

Wie gefällt dir die „Event II“-Platte?

Die ist in meinen Augen ein Total-Ausfall. Mit der konnte ich überhaupt nichts anfangen. Der Rapper hat auch so einen komischen Old-School-Flow. Ich hab das irgendwie nicht ganz verstanden.

 

Das ist auch nicht ganz so einfach: Das Album erzählt die Geschichte um den rebellischen Titelhelden Deltron, der sich einer gleichgeschalteten, von Konzernen gelenkten Zukunftsversion unserer Welt entgegenstellt. Davon ist bei dir aber offensichtlich nichts angekommen.

Nee, gar nicht. Die haben ja auch einen Skit von den Lonely-Island-Jungs und mit deren Humor kann ich ebenfalls nichts anfangen. Für mich ist das irgendwie alles dasselbe.

Das erste Deltron-3030-Album von vor 13 Jahren gilt heute als Genre-Klassiker. Den kennst du dann aber vermutlich auch nicht, oder?

Nein, aber das erklärt vielleicht den Old-School-Flow.  

 

Die Produktionszeit soll sich über neun Jahre gezogen haben. Zumindest am Flow hast du das offenbar herausgehört.

Dann haben die jedes Jahr einen Song gemacht, oder was? Tut mir leid, dass die so lange daran gesessen haben, aber besser macht es die Platte deshalb in meinen Augen nicht. Mich hat da alles genervt.

 

Ssio  –  Bb.u.m.ss.n.

Auf Ssio kann sich momentan nahezu jeder einigen. Du auch?

Klar, die Platte ist super! Ich bin ja eigentlich nicht so der Old-School-Dude, aber diese 90er-Jahre-Beats finde ich gut. Ssio ist aber auch wirklich lustig. Seine Videos sehe ich mir sehr gerne an. Der beste deutsche Straßen-Rapper für mich. Neben Haftbefehl natürlich.

Woran liegt es, dass ihn jeder gut findet?

Das liegt an seiner sympathischen Kombination von Humor, Rap-Skills und Beat-Auswahl, die es so einzigartig macht. Und selbst, wenn man zum Beispiel seine Beats nicht total feiert, bekommt man einen Zugang über seinen Humor. Ich glaube, das ist auch echt ein netter Kerl.  

 

Inhaltlich geht es ja vorwiegend um Sex und Drogen, gespickt mit einer ordentlichen Portion Männerhumor. Ist dir das auf Albumlänge nicht ein bisschen zu eintönig?

Auf Albumlänge vielleicht, aber in kleinen Dosen ist das perfekt. Ich feiere das.

 

Gerards aktuelle Album-Top-5:  

 

Kanye West: Yeezus

Ich hab verdammt lange gebraucht, um mich da reinzuhören. Mittlerweile halte ich „Yeezus” für das beste Kanye-Album ever. Extrem futuristische

Produktionen. Und wenn man mal dieses aktuelle, lange BBC-Interview mit ihm ansieht, dann versteht man seine Frustration auch viel besser.

 

Claire: The Great Escape

Ich hab Claire zufällig in Berlin auf der Music Week gesehen und war

hellauf begeistert von der mir bis dato unbekannten Band. Geile

Produktionen, geile Stimme, geile Atmosphäre. Als ich nach dem Konzert raus ging, lief mir plötzlich Josie, die Sängerin, hinterher und fragte mich, ob ich Gerard sei und dass sie ein Riesen-Fan sei. Was folgte, waren gegenseitige Lobesbekundungen. Super Bande!

 

Kendrick Lamar: Good Kid, M.a.a.d City

Bester Newcomer seit langem. Ein total homogenes, schönes und in sich

geschlossenes Album. Immer sinnvolle Texte, gute Refrains und

verschiedenen Flows.

 

J. Cole: Born Sinner

Nach den großartigen Mixtapes war ich von J. Coles Debüt etwas

enttäuscht, aber hier zeigt er, was er drauf hat und wo das Ganze noch

hingehen kann.

 

Miike Snow: Happy To You

Das aktuelle Album. Sehr eingängige Refrains, trotzdem die richtige

Portion Edge. So, wie es sein soll.      

 

Gerards Alltime-Album-Top-5:

 

The Streets: Original Pirate Material

Mein absolutes Lieblingsalbum. Wahnsinn, was der junge Mike Skinner da

gemacht hat. Er erzählt wunderbare Geschichten aus dem Alltag auf

wunderbaren Garage-Beats.

 

Curse: Von Innen nach außen

Das Album, mit dem ich damals so richtig zu Deutschrap fand. Umso

schöner, dass Curse heute auch ein erklärter Gerard-Fan ist. Große Ehre.

 

Eminem: The Marshall Mathers LP

Kam man einfach nicht dran vorbei damals. Eminem in seiner reisten Form.

 

Red Hot Chili Peppers: Californication

Kam man ebenfalls nicht dran vorbei. Muss immer an Schulausflüge von damals denken, wenn ich was von dem Album höre. Jeder Song ein Hit: All

Killers, no Fillers.

 

Miike Snow: Miike Snow

Wunderbare Melodien und poppige, dennoch nicht glatte Produktionen.

Kann man immer hören, auch nebenbei. Ideal für längere Autofahrten und verträumte Blicke aus dem Fenster.

 

 

Text: daniel-schieferdecker - Foto: Kidzin Sane