Das Rap Rendezvous: Wir hören neue Platten mit Separate

Jeden Monat plaudert jetzt.de mit einem Vertreter des HipHop-Kosmos über aktuelle Rap-Veröffentlichungen. Heute mit dem Mainzer Rapper Separate.
daniel-schieferdecker

Separate bringt seit 15 Jahren das eher beschauliche Mainz auf die HipHop-Landkarte. In den Nullerjahren hat Separate beim legendären Label Royal Bunker veröffentlicht, zusammen mit Abroo und einem gewissen Casper die Crew Kinder des Zorns gegründet und sogar einige Zeit ein eigenes Label betrieben. Vor ein paar Jahren hat Separate das Ende seiner Karriere angedeutet, aber letztlich ist er doch dabeigeblieben. Gerade ist sein neues Album El Mariachi erschienen, auf dem er eindrucksvoll beweist, dass mit dem Mainzer nach wie vor zu rechnen ist.    

   

Aber jetzt geht es los mit dem Rap Review Rendezvous und

Tone T.O.N.E.  

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Illustration: Julia Schubert



jetzt.de: Tone ist schon seit mehr als 25 Jahren aktiv. Wann hast du ihn entdeckt?
Separate: Ich komme aus Rhein-Hessen, und da ist Tone natürlich eine krasse Legende. Mit 15 oder 16 habe ich das erste Mal von ihm gehört, damals war er noch Teil von Konkret Finn. Deren Song Ich diss dich ist ein Klassiker.  

Wie hat er dich beeinflusst?
Seine Rhyme-Patterns sind einzigartig, das hat mich inspiriert. Tone schafft es, eine ganze Strophe auf einen einzigen Endreim aufzubauen. Der ist einer der besten Spitter in Deutschland und zwar seit über 20 Jahren.  



Tone gilt auch als einer der am besten flowenden Rapper Deutschlands. Findest du diesen Ruf auf seinem neuen Album bestätigt?
Er rappt mit dem typischen Tone-Flow, ja. Aber auf die Beats komme ich leider gar nicht klar. Das sind Plastik-Beats. Auch einige Hooks wurden mit komischen Effekten beladen, das klingt seltsam. Das ist, als ob man Tone in ein Ballerina-Kleid gesteckt hätte das passt einfach nicht. Tone ist einer Rapper-Rapper, dementsprechend muss auch die Musik sein. Wer auch immer da sein Produzent gewesen ist, hat sich nicht auf Tone eingelassen, sondern versucht, ihm seine Beats unterzuschieben.  

Vielleicht wollte Tone auch mal was anderes ausprobieren. Ein Song wie Killer mit Instrumenten, die fast schon an Eurodance erinnern, geht zumindest darauf ein, dass Frankfurt eine lange Tradition elektronischer Musik hat. Auch der erste Konkret-Finn-Release von Ich diss dich war auf einem Techno-Sampler.
Das ist alles richtig, aber besser macht das die Beats trotzdem nicht. Die passen nicht zu ihm, zu seinen Flows und zu seiner Stimme. Seine Rhymes sind immer noch krass, aber musikalisch bin ich ein bisschen enttäuscht.

Auf der nächsten Seite: Separate spricht über das Album von BattleBoi Basti.



BattleBoi Basti Pullermatz  

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Illustration: Julia Schubert



Wie findest du die Platte?
Ich habe Basti vor ein paar Tagen kennengelernt, das ist ein supernetter Typ. Deshalb fällt es mir ähnlich schwer wie bei Tone, etwas Schlechtes über sein Album zu sagen. Aber ich formuliere es mal so: BattleBoi Basti ist ein super Rapper, ein echt tighter Battle-MC, der gute Rhymes schreibt. Aber ich kann mit diesem Kinder-Style einfach nichts anfangen. Das habe ich Basti auch gesagt. Der war da aber ganz locker und meinte, er könne das durchaus verstehen.  

BattleBoi Basti hat zudem eine, sagen wir mal, sehr eigene Stimme. Was hältst du davon?
Ich halte die Stimme eines Rappers für extrem wichtig. Aber Bastis Stimme auf dem Album gefällt mir leider auch nicht, sodass es mir schwer fällt, ihm zuzuhören. Und thematisch geht das leider auch vollkommen an mir vorbei. 

 


BattleBoi Basti entstammt einer Generation von Rappern, die durch Battle-Turniere im Internet groß geworden sind. Was hältst du von solchen Turnieren?
Ich finds schon cool, dass es so etwas gibt. Das gibt jungen Rappern die Chance, ein bisschen was zu reißen und Internet-Fame zu bekommen. Ich selbst komme aber noch aus der Generation der Freestyle-Battles, wo man sich bei einem Battle noch persönlich gegenüber stand und sich gegebenenfalls zwei Mal überlegt hat, was man seinem Gegenüber für einen Spruch drückt. Aber diese Internet-Battles sind eben zeitgemäß. Ich selbst ziehe Veranstaltungen wie den Rap am Mittwoch vor, denn dort gibt es noch Rap in seiner pursten Form, wo man sich live gegenübersteht. Da war Basti letztens aber auch, hat in seinen Battles absolut überzeugt und daher auch verdient gewonnen.

Auf der nächsten Seite: Separates Meinung zu Alligatoah.



Alligatoah Triebwerke  

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Illustration: Julia Schubert



Wie hat dir das Alligatoah-Album gefallen? Besser oder schlechter als die BattleBoi-Basti-Platte?
Schwer zu sagen. Alligatoah ist jedenfalls auch nicht meins. Das ist Comedy-Rap, der mich von der Betonung irgendwie an einen Theatervortrag erinnert. Das Storytelling finde ich aber gut, auch seine Rhymes sind kreativ, handwerklich ist das gut gemacht, durchaus intelligent. Klingt wie eine 2013-Version von Blumentopf.  

Alligatoah ist mit dem Album auf Platz eins gelandet.
Ja, und das hat mich echt gewundert. Die Regeln für einen solchen Chart-Entry haben sich offensichtlich geändert. Offensichtlich hat er seine Fanbase. Die Leute wollen scheinbar gerade so was hören wie BattleBoi Basti und Alligatoah. Vielleicht sind die Rap-Fans von der jahrelangen Gangster-Schiene in Deutschland so abgeturnt, dass sie froh sind, wenn sich Rapper nun auch mal selbst auf die Schippe nehmen.

  


Bist du neidisch?
Nein, ich gönne ihm seinen Erfolg. Für HipHop ist es immer cool, wenn es Rap-Alben in die Top Ten schaffen. Rap hat sich im Laufe der letzten Jahre eben auch verändert und ist nicht mehr so, wie ich ihn von früher kannte. Früher ging es vor allem ums Rappen, um die Delivery, um die Technik. Heute wird auf ganz andere Sachen geachtet. Vor zehn Jahren wären Leute wie BattleBoi Basti und Alligatoah vermutlich gar nicht als Rap anerkannt worden. Damals waren Samy Deluxe, Kool Savas und Azad die Gradmesser. Heute hat sich das durch Leute wie Casper und Cro verändert, die machen ja auch keinen reinen Rap.  

Aber Acts, die etwas andere Schwerpunkte gesetzt haben und deshalb einen Außenseiterstatus hatten, gab es auch in den 90ern schon: Fettes Brot, Der Tobi & das Bo, Deichkind ...
Ja, das war aber noch in den Anfangstagen von Rap in Deutschland, das war die zweite Generation nach Acts wie Advanced Chemistry. Da hat man noch viel ausprobiert. Aber als dann Samy kam, war allen irgendwie klar: So muss Rap heute klingen.

Auf der nächsten Seite: Separate erklärt, was er von Herr von Grau hält.



Herr von Grau Freiflug

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Illustration: Julia Schubert



Wie gefällt dir die Freiflug-Platte?
Mich erinnert das vom Rap-Style und der Art und Weise, wie der Rapper seine Stimme benutzt, ein bisschen an Marteria. Ich finde das in Ordnung, das ist interessant, aber mein Fall ist das nicht so ganz. Oh Mann, ich hör mich an, als wäre ich der totale Hater. Das tut mir voll leid.  

Die Instrumentierung der Platte ist eher düster und elektronisch. Kannst du damit etwas anfangen?
Prinzipiell ja. Und gerade bei der Herr-von-Grau-Platte kann es sein, dass ich die total abfeiere, wenn ich mir die noch ein paar Mal anhöre. Das ging mir beim Kendrick-Lamar-Album auch so: Das habe ich mir ungehört gekauft, weil es überall so gelobt wurde. Nach dem ersten Durchhören fand ich die Platte aber total schrottig. Ich habe dem Album aber eine Chance gegeben und mittlerweile halte ich sie für eine der besten Rap-Platten der letzten zehn Jahre. 

 


Auf der Freiflug-Platte gibt es Religions-, Gesellschafts- und Systemkritik, es geht um Politik, es geht um Drogen, es geht um HipHop sind dir das zu viele Baustellen oder gefällt dir diese Vielfalt?
Das finde ich super! Das ist ein großer Pluspunkt der Platte. Ich bin aber ein Punchline-Fan, und davon gib es auf dem Album nicht so viele. Auch die Delivery sagt mir nicht so ganz zu.  

Die erste Single ist Robocock ein Song, der mit vielen lustigen Pornofilmtiteln aufwartet. Gefällt dir der Song?
Da bleibt bei mir nichts hängen. Wenn der Track vorbei ist, frage ich mich: Was dann? Wahrscheinlich bin ich mittlerweile einfach zu alt dafür.

Auf der nächsten Seite: Separate spricht über das neue Album von Ghostface Killah.


Ghostface Killah Twelve Reasons To Die  

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Illustration: Julia Schubert



Ghostface Killah und der Wu-Tang Clan: Ist das deins?
Absolut! Als 1997 das Wu-Tang Forever-Album rauskam, hat das bei uns damals wirklich jeder gehabt. Das fand ich sogar noch geiler als Enter The Wu-Tang (36 Chambers). Davor habe ich eigentlich nur 2Pac und Biggie gehört. Aber mit Wu-Tang Forever habe ich den Wu-Tang Clan derbe gefeiert. Auch Ghostface fand ich damals schon sehr geil.  

Inwieweit reiht sich das Album in den bisherigen Wu-Tang-Output ein?
Es ist ein bisschen anders, gliedert sich aber perfekt in den Wu-Tang-Kosmos ein. Ich war auch echt überrascht, wie gut das Album geworden ist. Das ist von den Beats her nicht ganz so undergroundig, aber trotzdem total geil. Der typische New-York-Sound. Das feiere ich brutal. 

 http://www.youtube.com/watch?v=Yp53XDaMo7c[/link]  

Die Platte ist als Soundtrack zu einem imaginären 60er-Jahre-Mafia-Horrorfilm angelegt. Was hältst du von dem Konzept?
Boah, das habe ich überhaupt nicht mitbekommen. Die Platte lief bei mir nebenbei, das ist leider an mir vorbeigegangen.  

Angeblich soll es in naher Zukunft ein neues Wu-Tang-Album geben. Bock drauf?
Das ist ein zweischneidiges Schwert. Bei solchen Comebacks besteht immer die Gefahr, dass es peinlich wird. Wenn man den Wu-Tang von früher im Kopf hat und am Ende ein paar Opas um die Ecke kommen, die schlechte Tracks daher rappen, dann braucht das kein Mensch. Aber prinzipiell freue ich mich drauf.


Separates aktuelle Album-Top-5:  

Kendrick Lamar - Good Kid, M.a.a.d. City
Ich habe ein paar Durchläufe gebraucht, aber danach hat mich die Platte komplett auseinandergenommen. Das beste Rap-Album seit Jay-Zs Blueprint.  

Young Jeezy - The Recession
Ich bin ein übetriebener Young-Jeezy-Fan. Ich finde den als Typ cool und mag auch seine Mucke sehr.  

Game - The R.E.D. Album
Ich war in Bangkok, als das Album rauskam und habe es dort viel gehört. Es erinnert mich also an eine echt gute Zeit.  

Game - Jesus Piece
Ich bin übertriebener Game-Fan, daher gleich zwei Alben von ihm in meinen Top 5. Auch ein supergeiles Album.  

Moses P - Geteiltes Leid 3
Und ich bin ein großer Moses-Fan. Wir sind ja auch befreundet, und ich feiere ihn nicht nur als Musiker, sondern auch als Mensch. Moses ist einfach ein Vollprofi und eine Frankfurter Legende. Der ist schon fast so lange im HipHop aktiv wie ich lebe.      

Separates Alltime-Album-Top-5:  

2Pac - All Eyez On Me
Das beste Album, das je gemacht wurde. Auch die Beats von Johnny J und Dat Nigga Daz sind der Wahnsinn. Durch die Platte bin ich erst so richtig auf HipHop hängen geblieben. Das Album höre ich heute noch ungelogen jeden Tag meines Lebens.  

Jay-Z - Blueprint
Die Kanye-West- und Just-Blaze-Beats in Verbindung mit Jay-Zs Raps sind einfach einzigartig auf dem Album. Das ist übertrieben krass.  

Nas - Illmatic
Das ist der Blueprint für Rap. Geil produzierte Raps mit dem jungen, hungrigen, Geschichten erzählenden Nas da geht mir als Rap-Fan einfach das Herz auf.  

Eminem - The Slim Shady LP
Das war noch der junge, unverbrauchte Eminem, nicht der Drogen nehmende Typ, der überlegt, wie viele Rhymes man übereinander stapeln kann. Wie rappt er auf Im Shady doch so schön: I listen to your demo tape and act like I dont like it/six months later you hear your lyrics on my shit supergeil. Damals war er eben noch der auf alles scheißende Bastard, und das hat mir extrem gut gefallen.  

Big L - The Big Picture
Kurz nachdem die Platte rausgekommen ist, war ich als kleiner Bengel in New York, bin durch Manhatten gelaufen und habe sie bei einem Bootlegger für fünf Dollar gekauft. Auf der Platte geht es sehr viel um New York, und damit auf den Ohren bin ich dann eben eine Woche lang durch die Stadt gelaufen. Supergeil.

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