Rap Rendezvous: Wir hören neue Platten mit 3Plusss

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In dieser Kolumne geht es um einen Dialog zwischen Rapper und Reporter. 3Plusss aus Essen hat auf seinem aktuellen Album „Kindskopf“ eindrucksvoll bewiesen, dass er ordentlich was zu sagen hat. Seine Sporen hat er sich bisher vor allem im Internet verdient. Beim VBT, dem Videobattleturnier der Website rappers.in, hat es der 21-Jährige bis ins Halbfinale geschafft - die ungeteilte Aufmerksamkeit der Szene war ihm damit gewiss. Zu seiner eigenen Überraschung war die erste Auflage seines Debütalbums bereits binnen weniger Stunden ausverkauft. Grund genug für 3Plusss, die anvisierte Ausbildung ein klein wenig nach hinten zu schieben und stattdessen an der nächsten Platte zu arbeiten. Wir sind gespannt.

http://www.youtube.com/watch?v=1w464LW9uw4  

Aber jetzt geht es los mit dem Rap Review Rendezvous und    A$ap Rocky – Long. Live. A$ap  

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Illustration: Julia Schubert



jetzt.de: A$ap Rocky ist als Blog-Phänomen gestartet, hat ein gefeiertes Mixtape abgeliefert und nun sein erstes Album veröffentlicht. Kann er auch damit überzeugen?
3Plusss: Ich muss zu meiner Schande gestehen: Ich kannte die Sachen vorher nicht. Und auch wenn der Typ gerade überall gefeiert wird, klingt die Platte für mich nach „schon tausend Mal gehört“. Das ist ein typisches Ami-Rap-Album über Geld, Frauen, Drogen und Fame. Aber vielleicht ist das auch einfach nicht mein Lifestyle. Ich bade eben nicht in Geld, trage keinen teuren Klamotten und mir laufen auch die Frauen nicht hinterher. Vielleicht ist das also einfach ein Identifikationsproblem.  

A$ap vermischt auf der Platte viele Stile miteinander, stellt East- neben Westcoast-Referenzen, mischt Dirty-South mit Pop und hat keinerlei Berührungsängste mit irgendwelchen Genres. Findest du das gut oder klingt dir das zu verwässert?
Das ist mir überhaupt nicht aufgefallen. Den Sound finde ich stimmig, und wenn das der Fall ist, kann man da stilistisch auch gerne ein bisschen Abwechslung reinbringen. 

 http://vimeo.com/41508325  

Ursprünglich hatte A$ap Rocky Features mit Jay-Z, Missy Elliot und Justin Timberlake angekündigt, von denen nun jedoch keiner auf dem Album gelandet ist. Fehlen die dir?
Nein, große Namen sind genauso Schall und Rauch wie kleine – die machen ein Album nicht zwangsläufig besser. Ich finde es aber komisch, dass er erst damit angibt, und dann nicht Wort hält.  

Im Song „Wild For The Night“ heißt es im Refrain: „Wild For The Night, Fuck Being Polite“. Entspricht das deinem Weggeh-Mindstate?
Ich komme aus Essen, da herrscht sowieso ein etwas rauerer Umgangston – insofern kann ich damit schon etwas anfangen. Ist auf jeden Fall ein guter Spruch. Irgendwelche Hipster-Ollen haben sich den bestimmt schon auf den Arm tätowieren lassen.   Chakuza – Magnolia  

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Illustration: Julia Schubert



Kanntest du schon Chakuza-Songs vor „Magnolia“?
Ja, aber damit konnte ich nie viel anfangen. Seine Punchlines sind immer an mir vorbei gerauscht. Das neue Album finde ich aber super. Jetzt nehme ich ihm auch ab, was er rappt. Als ich das Video zu „Ich lauf“ gesehen habe, hat mich das echt hart vom Hocker gehauen.  

Jemand hat geschrieben, die Platte wandle atmosphärisch zwischen Depression und Aufbruchstimmung. Trifft es das?
Ja, das trifft es. Chakuza ist hart am Hadern und sehr hin- und hergerissen.  

http://www.youtube.com/watch?v=to5m8o85_SA  

Welcher Gemütslage fühlst du dich musikalisch stärker verbunden?
Ich mag beides sehr gerne. Aber man muss aufpassen, dass man sich nicht in der Melancholie verliert, weil man sonst nichts mehr gebacken bekommt. Ich mag bewusste Melancholie, bei der man zwar mal die Gedanken schweifen lässt, aber dennoch mit beiden Beinen auf dem Boden bleibt. Ich selbst würde mich als sehr hungrigen Menschen bezeichnen, insofern liegt mir die Aufbruchstimmung vielleicht sogar noch ein bisschen mehr.  

Auf dem Track „Notlandung auf Berlin“ gibt es ein Feature mit Sebastian Madsen – was erst einmal nach einer ungewöhnlichen Kombi klingt. Magst du den Song?
Der ist mir ein bisschen zu traurig, deshalb gefällt mir der noch am wenigsten auf der Platte. Aber Madsen mag ich ansonsten voll gerne – die sind cool.

Auf der nächsten Seite spricht 3Plusss über die neuen Alben von Megaloh, DMX und Joe Budden.


  Megaloh – Endlich unendlich  

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Illustration: Julia Schubert



Knapp zehn Jahre liegt das Debütalbum von Megaloh bereits zurück. Schon damals haben ihm viele eine große Rap-Karriere vorhergesagt, aus der bis heute allerdings nichts geworden ist. Nun sind die Kritikerstimmen wieder voll des Lobes. Meinst du, mit der neuen Platte könnte es klappen?
Megaloh geht es ja gar nicht so sehr um wirtschaftlichen Erfolg, und diese Einstellung tut ihm und seiner Musik gut. Ich glaube zwar nicht, dass das Album ein Genre-Klassiker wird, aber es ist definitiv eine sehr gute Platte.  

„Endlich unendlich“ ist ein klassisches Rap-Album, das allerdings nicht nur thematisch breit aufgestellt ist, sondern auch musikalisch sehr reif daherkommt. Wie beurteilst du Musik, Sound, Inhalt und Rap-Skills?
Man hört auf jeden Fall den Einfluss seines Labels Nesola heraus. Das Album ist super produziert, das hat ein tolles Klangbild, und ich finde die Inhalte einfach gut. Als Megaloh damals diesen Hype hatte, hat der auf mich noch sehr abgehoben gewirkt – und so eine Selbstüberschätzung gefällt mir nicht. Als er dann aber das Video zu „Loser“ veröffentlicht hat, fand ich das überkrass. Er ist jetzt viel bodenständiger, erzählt von seinem Leben, und das kommt total authentisch rüber. 

 http://www.youtube.com/watch?v=1b6Fk71n1nA  

Ich finde es ganz interessant, dass du zwar erst 21 bist, scheinbar aber dennoch mit den Inhalten von Chakuza und Megaloh etwas anfangen kannst – obwohl die etwa 10 Jahre älter sind als du. Deiner Lebenswelt dürften deren Inhalte ja eher nicht entsprechen, oder?
Nein, aber ich kann ihre Stories nachvollziehen. Man hört den beiden an, dass sie sehr nah an ihren Inhalten dran sind, und sie können mir begreiflich machen, wie es in ihren Leben aussieht. Das hat Hand und Fuß.  

Sowohl Chakuza als auch Megaloh haben eine sehr tiefe Stimmfarbe, was schnell monoton klingen kann und es häufig schwierig macht, stimmlich für Abwechslung zu sorgen. Wie haben sie das gelöst?
Bei Chakuza hat mir ein kleines bisschen der Druck in der Stimme gefehlt – das geht schon fast in Richtung Spoken Word. Megaloh hat das hingegen ganz gut hinbekommen – vom Rapping erinnert der mich ein bisschen an Biggie. Der hat ja auch nicht sonderlich krass mit seiner Stimme gearbeitet, aber die war perfekt. Megaloh variiert stimmlich ebenfalls nicht sonderlich viel, aber sein Organ ist wahnsinnig prägnant. Wie hat Guru das doch mal so schön auf den Punkt gebracht: „It’s mostly the voice.“   DMX – Undisputed  

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Illustration: Julia Schubert



Anfang der 2000er war DMX eine große Nummer und hat zwei Rap-Klassiker herausgebracht. Kennst du seine alten Sachen eigentlich – das war ja sicherlich noch vor deiner Zeit?
Ich kenne die zwar, aber das war nie so ganz meins.  

Wie beurteilst du die neue Platte?
Mir kommt es so vor, als wäre er nur noch ein Schatten seiner selbst. Der bellt immer noch rum, hat aber seinen Biss verloren. Nicht cool. Ein totaler Brei. Ich verstehe auch nicht, was der mir mit dieser Platte sagen will. Vermutlich muss der bloß noch ein Haus abbezahlen. 

 http://www.youtube.com/watch?v=WgaV0pSTkyI  

Klingt dir das zu gestrig?
Nee, nicht gestrig, sondern uninspiriert. Ich habe den Eindruck, dem ist nichts mehr eingefallen. Der macht denselben Scheiß, den er immer gemacht hat, bloß schlechter.  

Er hat auf dem Album vorwiegend mit unbekannten Produzenten zusammengearbeitet. Wie haben die ihren Job gemacht?
Einen Beat fand ich richtig gut, der Rest war okay – aber eben auch nichts, was hängen bleibt. Teilweise war mir das auch zu anbiedernd.   Joe Budden – No Love Lost  

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Illustration: Julia Schubert



Auch Joe Budden hat seine erfolgreichste Zeit hinter sich. Was sagst du zu „No Love Lost“?
Von den drei Ami-Platten hat mir dieses Album noch am besten gefallen. DMX wirkt so, als würde er neben sich stehen, A$ap Rocky schwebt in anderen Sphären, aber Joe Budden war inhaltlich nicht allzu weit weg von mir. Der hat zwar auch das Rad nicht neu erfunden, aber das Album kann man sich durchaus anhören.

http://www.youtube.com/watch?v=-3iVkz_sWww

Als Features sind auf der Platte Leute wie Wiz Khalifa, Lil Wayne und Lloyd Banks vertreten – kannst du mit denen etwas anfangen?
Mir waren das insgesamt zu viele Features, von denen mir auch kein einziges hängengeblieben ist. Allerdings ist mir auch keines negativ aufgestoßen. Insofern: Passt schon.  

Auf der Platte gibt es neben klassischen Bangern auch immer wieder Soul- und R’n’B-lastige Stücke. Gefällt dir dieser Schritt in eine etwas kommerziellere Richtung?
Ich habe nichts gegen kommerzielle Musik, solange die dadurch zustande kommt, dass jemand Bock darauf hat. Wenn Kommerzialität aus der Kunst heraus entsteht, ist das okay. Nervig wird es erst dann, wenn man sich dadurch beim Publikum anbiedern will.

Auf der nächsten Seite: Die Alltime-Album-Top-5 von 3Plusss


   3Plusss’ aktuelle Album-Top-5:  

Chakuza – Magnolia
s.o.  

Huss und Hodn – Fresh und umbenannt
Das mag ich einfach, weil es ein neues Album von Huss und Hodn ist. Es ist leider nicht ganz so geil wie die beiden Platten davor, aber ich höre es trotzdem gern.  

Ssio – Spezial Material
Das Mixtape fängt mit der Zeile an: „Du hast Dreadlocks drin/ich werd dich wegboxen/in meinen Socken/habe ich Haze-Knospen“ – supergeil! Der bringt dieses Straßen-Rap-Ding mit ganz viel Humor und auf richtig amtlichen Ami-Beats.  

Big Punisher – Capital Punishment
Die Platte habe ich letztens erst entdeckt, obwohl die schon 15 Jahre alt ist. Aber meine Fresse – die ist so geil! Der Typ ist nur am flexen, bringt super Inhalte und hat krasse Beats. Der hat zwar auch viele gesungene Hooks, aber die drehen sich alle nur ums Bumsen – und dann ist das natürlich okay (lacht). 

Megaloh – Endlich unendlich
s.o.     3Plusss’ Alltime-Album-Top-5:  

Eminem – The Marshall Mathers LP
Das war das erste Rap-Album, das ich jemals gehört habe. Das haben mir sogar noch meine Eltern gekauft. Ich fand es krass, wie der Typ mit alles und jedem auf Konfrontationskurs gegangen ist. Das hat mich als kleiner Junge damals tief beeindruckt.  

Gang Starr – Moment Of Truth
Die Platte habe ich damals von meinem Deutschlehrer bekommen. Das war ein cooler Typ, mit dem ich mal CDs getauscht habe. Er hat von mir „Die, Rugged Man, Die“ von R.A. The Rugged Man bekommen und er hat mir Gang Starrs „Moment Of Truth“ mitgegeben – ein absolut geiles Album. In der Platte steckt ganz viel Weisheit drin, ohne dabei zu Zeigefinger-mäßig rüberzukommen.  

MOR – NLP
Ganz viele MCs schießen gegen alles und jeden. Nicht jeder Rapper ist ein Meister seines Fachs, aber in dieser Kombination killen die alles. Die haben es auch geschafft, Funk-Elemente mit reinzubringen, ohne dass es hässlich wirkt. Eine meiner Lieblingspunchlines aller Zeiten stammt aus dem Song „Wer du bist/wie du heißt“ von Fuat und lautet: „Du schreibst Texte über dein Leben, ich schreibe Texte über deinen Tod.“ Einfach gut.  

Tua – Grau
Ein unglaublich guter Rapper, Sänger und Produzent in einer Person. Der kann einfach alles. Die Inhalte, die er auf dem Album bringt, habe ich in dieser Form noch nie vorher auf Platte gehört. Ein Album voller Demut und unverblümter Realität.  

Sido – Maske
Meine Mutter hat mir damals verboten, die Platte vom bösen Rüpelrapper zu hören, aber ich habe mir die dann heimlich gekauft. Auf der Platte hat Sido einfach seine Eier auf den Tisch gepackt, und diese Fick-dich-Attitüde war wegweisend. Rap-technisch zwar nicht ganz weit vorne, aber dafür super produziert und atmosphärisch sehr dicht.

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