In dieser Kolumne geht es um einen Dialog. Um ein Zwiegespräch zwischen Redakteur und Rapper. Und eine Szene-Größe wie Denyo hat nicht nur viel zu sagen, sondern auch eine fundierte Meinung, wie er als Musiker schon oft genug unter Beweis gestellt hat. Als Teil der Beginner hat er stets die HipHop-Flagge für Hamburg (mittlerweile Berlin) hochgehalten – und damit auch das Qualitätslevel für die gesamte Szene. Das „Bambule“-Album der Beginner von 1998 gilt heute als das Album, das hierzulande den ersten HipHop-Boom eingeläutet hat. 

981160

Denyo

Aber auch solo ist Denyo durchaus überzeugend in Erscheinung getreten, und zwar nicht nur als Rapper, sondern vor vier Jahren auch als Singer/Songwriter unter seinem bürgerlichen Namen Dennis Lisk. Außerdem hat Denyo vor zwei Jahren auf Vox die mit dem deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Sendung „Cover My Song“ moderiert, bei der Rapper Schlagerlieder und Schlagersänger Rap-Tracks covern mussten.  

Auf ein neues Beginner-Album werden wir hingegen leider noch eine Weile warten müssen, da sich Eizi Eiz vorerst wieder dem Output seines erfolgreichen Alter Egos Jan Delay widmet. Aber am 28. August sind die Beginner beim „Beats auf der Bahn“-Festival in Hamburg immerhin mal wieder live zu sehen.   

http://vimeo.com/20349168

Aber jetzt geht es los mit dem Rap Review Rendezvous und...

Muso – Straciatella Now  

jetzt.de: Deine Meinung zum Album?
Denyo: Auf der EP vor dem Album haben mich ein, zwei Songs ziemlich beeindruckt. In Sachen Sound hat er da voll den Zeitgeist getroffen, das war super umgesetzt. Vom Album bin ich allerdings ein bisschen enttäuscht.  

Inwiefern?
Muso wirkt auf mich wie ein ungeschliffener Diamant. Der hat geile Ansätze mit tollen Wortspielen, aber man merkt auch, dass er das Wortspiel über alles stellt, und dadurch checkt man seine Intention oft gar nicht mehr. Und, bei allem Respekt, Muso macht es sich manchmal ein bisschen einfach: Er lässt sich mit den Wörtern oft gehen und bringt seine Texte nicht konsequent in Form. Als Zuhörer verlierst du da sehr schnell den Faden. Da freut man sich, wenn mal ein etwas konzeptionellerer Song kommt.  

http://www.youtube.com/watch?v=ssoVcPK1QiI 
 
Zum Beispiel?
Das Liebeslied „Blinder Passagier“ funktioniert für mich ganz gut, zumal das auch ein bisschen langsamer ist, sodass ihm musikalisch der nötige Platz eingeräumt wird. Da versteht man seine Doppeldeutigkeiten und Metaphern endlich mal. Vielleicht bräuchte der so einen Rick-Rubin-mäßigen Produzenten, der wie ein Mentor fungiert und ihm ein bisschen die Richtung weist.  

Die Platte wurde von Konstantin Gropper (Get Well Soon) und Markus Ganter (Sizarr) produziert. Hörst du eine fehlende Rap-Sozialisation heraus?
Von der Produktion her finde ich eigentlich alles cool. Da sind Drum’n’Bass-Sounds drin, dann aber auch mal klassische 808s, dann mal eine Gitarre. Das passt schon. Insgesamt passiert mir da aber ein bisschen zu viel. Man hätte da Reduce-to-the-max-mäßig noch mehr rausholen können.  

Wie würdest du das Album in einem Satz beschreiben?
Die Platte wirkt auf mich wie eine durchdesignte Psychose. Aber das hat was – irgendwo zwischen Kopfschütteln und Kopfnicken. Ich find es ja immer schon geil, wenn jemand etwas zu sagen hat. Selbst, wenn ich nichts davon verstehe. Ich bin auf jeden Fall gespannt, ob der auf diesem Weg irgendwann in der Klapse landet oder wirklich was reißt.


Fler – Blaues Blut  

Wie stehst du generell zum Output und der Attitüde von Fler?
(lange Pause) Ich kann das nicht cool finden. Das ist so Standard-Blockbuster-Rap mit den immer gleichen Themen: Ich mach Kohle; ich komm von der Straße und hab’s geschafft; ich mach noch mehr Kohle; ich fick alle Frauen, denn dafür sind sie da; außer die eine, der ich das Herz gebrochen habe, und die jetzt keinen Bock mehr auf mich hat, aber die ich für immer lieben werde; und Mama. Das ist Neandertaler-Style. Aber es ist auch ein Spiegel der Gesellschaft. So funktioniert die Welt.  

Gibt es nichts an dem Album, das dir gefällt?
Fler hat schon ein paar geile Punchlines und bringt den einen oder anderen lockeren Spruch. Das ist etwas, das vielen Rappern fehlt, die mich interessieren; dass die einfach mal einen raushauen. Das ist der Charme, den Leute wie Fler besitzen. Die coolen Jungs nehmen sich eher zurück, weil sie eine Geschichte erzählen oder eine anspruchsvolle Bildsprache benutzen wollen. Fler scheißt da aber drauf. Er rappt auch okay. Aber rappen ist einfach. Geil rappen, das ist schwer.  

In Fleurs Oeuvre schwingt immer ein bisschen mit, nicht nur sich selbst, sondern auch allen anderen etwas beweisen zu müssen. Gehört das zu einer Competition-Kultur wie HipHop dazu oder hat Fler einfach einen zu starken Anerkennungsdrang?
Dieser Anerkennungsdrang ist das einzige, das ich nachvollziehen kann. Wenn du aufgrund deines Aussehens offensichtlich nicht dazu gehörst, musst du dich dieser Opfer-Position eben offensiv entgegenstellen.

http://www.youtube.com/watch?v=6-M58BHGRNQ

Die Farbe „blau“ im Titel seiner letzten Platte „Hinter blauen Augen“ und seines aktuellen Albums „Blaues Blut“ nimmt nicht nur Bezug auf seine deutsche Herkunft in einem Migranten-Umfeld, sondern auch auf den Film „American Gangster“ und der dort von Frank Lucas, wie Fler sich auch selbst nennt, vertriebenen Droge „Blue Magic“. Was hältst du davon?
Er nutzt dieses polarisierende Element seiner deutschen Herkunft im Ghetto-Umfeld natürlich für sich. Er profitiert von der provozierten Kontroverse, sich als weißer Rapper Eminem-mäßig behaupten zu müssen. Und wahrscheinlich ist er auch ein großer Jay-Z-Fan – daher eben „American Gangster“.  

Wie stehst du zu diesem Hashtag-Rap-Style, den Fler auf der Platte durchexerziert, mit Lines wie „Man sagt, ich schwimme jetzt in Geld #Dagobert“ oder „Es gibt für dich kein Happy End #Sexmassage“?
Das ist für mich total Rick Ross. Der hat das zwar auch nicht erfunden, aber noch mal auf ein anderes Level gebracht. Teilweise ist das schon lustig. Ich selbst versuche immer, etwas Positives zu schaffen, deshalb verzichte ich eher mal auf die eine oder andere politisch unkorrekte Line. Fler hingegen ballert die einfach raus und das finde ich schon lustig. Da er das aber an keiner Stelle durch eine intelligente Aussage bricht und mal eine augenzwinkernde Komponente mit reinbringt, ist das letztlich ein Trauerspiel. Wenn er das ernst meint, ist das echt schlimm. Aber dieses Ignorante ist eben unterhaltsam. Das erklärt wohl auch seinen Erfolg.

Auf der nächsten Seite: Denyo spricht über die neuen Alben von LL Cool J, Quasimoto und Talib Kweli.



LL Cool J – Authentic  

War LL Cool J Teil deiner Rap-Sozialisation?
Klar. Das „Bigger And Deffer“-Album und die „I Need Love“-Single von 1987 habe ich derbe gefeiert. Bis 1993, bis zu „Mama Said Knock You Out“, war LL Cool J wichtig. Ich finde sein neues Album auch gut, aber es hat keine Relevanz mehr. Da steckt Arbeit drin, aber nicht mehr diese Leidenschaft.  

LL Cool J hat auf der Platte ein bisschen herumexperimentiert und mit so verschiedenen Leuten wie Snoop Dogg, Seal, Eddie van Halen, Chuck D, Tom Morello und Earth, Wind & Fire zusammengearbeitet. Was hältst du davon?
Man weiß am Ende nicht so genau, was er will. Klar, einen Song wie „We Came To Party“ mit Snoop und Fatman Scoop kann man auch mal im Club spielen, aber die Crossover-Nummern finde ich altbacken, trotz der fetten Gitarren. Ich find das alles sympathisch, aber es ist nicht nachhaltig.

http://www.youtube.com/watch?v=IGyBCo53q1k

LL Cool J hat sein aktuelles Album „Authentic“ genannt. Hast du das Album als authentisch empfunden?
Doch, auf seine Art schon. Er tanzt auf der Platte musikalisch auf ähnlich vielen Hochzeiten wie er das künstlerisch tut, denn er ist ja nicht nur Musiker, sondern auch Schauspieler. Trotzdem versucht er natürlich, zu gefallen und radiotauglich zu sein, aber das ist vermutlich ebenfalls Teil seiner Persönlichkeit und insofern auch wieder authentisch.  

In „Bath Salt“ rappt LL Cool J: „Tha game lost its flavor, I wonder where the taste went.“ Hast du dich das in Bezug auf ihn und seine Platte auch gefragt?
Das sagen so viele Leute, aber ich finde, das stimmt nicht. Das kommt ja auch häufig von denen, die nicht mehr am Start sind. Vielleicht muss man einen anderen Blickwinkel einnehmen, aber hör dir doch mal einen Joey Bada$$ an – da hast du deinen Flavor. Rap ist einfach vielschichtiger geworden. Aber klar: Vieles wurde bereits gemacht, also kannst du es nur genauso machen oder ganz anders. Und wenn du es ganz anders machst, kommen eben die Alten und sagen „the game lost its flavor.“

Quasimoto – Yessir Whatever  

Gefällt dir die Platte?
Ich finde es gut, dass es solche Platten gibt, aber das ist nicht meins. Mir ist das zu gestrig. Ich find’s aber krass, dass man so eine Liebe dafür haben kann, dass man immer noch dieses alte Equipment benutzt. Ich find das sympathisch, das ist ein gutes Gegengewicht zu dem ganzen Pop-Scheiß.  

Jan (Eizi Eiz) hat damals schon recht früh Marsimoto unterstützt und mit auf Tour genommen und der wiederum hat sich seinen Style ja bei Quasimoto abgeschaut. Kannst du mit Marsimoto mehr anfangen?
Absolut, weil der eben viel moderner klingt. Marsi ist musikalisch im Hier und Jetzt. Ich war auch nie einer von dieser Fraktion, die J. Dilla so abgöttisch gefeiert hat. Ich bin neo. Ich mag Synthies und schaue lieber, was es Neues gibt. Hinzu kommt, dass mein Englisch nicht so gut ist, dass ich bei Quasimoto textlich alles mitbekomme.  

Quasimoto rappt häufig leicht neben dem Beat – nervt dich das als Rapper oder ist das ein legitimes Style-Element?
Der zieht das hundertprozentig durch, deswegen finde ich das vollkommen legitim. Mir ist das insgesamt aber zu chaotisch. Das hat für mich keine Form.

http://www.youtube.com/watch?v=eeeX3c6XohI

Der Beat zu „Broad Factor“ ist ähnlich dem von Mad Skillz’ „The Nod Factor“, das Bob-James-Sample aus „Nautilus“ kam auch schon auf Jeru The Damajas „My Mind Spray“ zu Ehren. Nervt es dich, wenn du bestimmte Samples bereits mit einem anderen Track in Verbindung bringst oder findest du es cool, wenn es noch mal in einem anderen Kontext auftaucht?
Ich kann da leider keine Liebe vorheucheln. Da musst du vielleicht eher mal Mirko Machine fragen. Oder DJ Stylewarz. Oder DJ Mad.  

Quasimoto ist ein Alter Ego von Madlib. Du selbst hast ja auch schon unter verschiedenen Namen Musik gemacht – Denyo, Denyo 77, Dennis Deutschland, Dennis Lisk. Warum diese Pseudonyme?
Manchmal ist das wichtig, um klar zu definieren, wofür man mit einem bestimmten Namen steht. Für ein Feature auf Jans „Seaching For The Jan Soul Rebels“ habe ich mich mal Dennis Dubplate genannt, das hätte ich mir sicherlich sparen können, genauso wie Denyo 77 oder Dennis Deutschland. Dass ich mich für meine letzte Platte jedoch Dennis Lisk genannt habe, hat total Sinn gemacht, weil es musikalisch eben etwas ganz anderes war als das, wofür ich als Denyo stehe.

Talib Kweli – Prisoner Of Conscious  

Bist du per se ein Anhänger von Talib Kweli?
Natürlich. Wie kann man den nicht cool finden?  

Dann hat dir sein aktuelles Album also gefallen?
Ja. Ich weiß zwar nicht, ob ich es wirklich oft hören werde, aber es ist derbe. Talib Kweli rappt einfach immer unglaublich gut. Im Zweifelsfall würde ich aber vermutlich doch eher zu den alten Alben greifen, bei denen alles voll auf den Punkt ist. Auf der neuen Platte ist ein bisschen viel Rumgedaddel dabei. Ich habe irgendwo gelesen, früher hätte er eine Revolution starten wollen, heute will er nur noch den Soundtrack dazu abliefern. Und der ist mit „Prisoner Of Conscious“ wieder ziemlich gut geworden.

http://www.youtube.com/watch?v=m4S2avleyeM

Dem Albumtitel nach zu urteilen sieht er sich ein bisschen im Conscious-Rap-Korsett gefangen. Konnte er sich mit der neuen Platte von den Fesseln lösen?
Ich find den Titel auf jeden Fall geil, selbst wenn er vermutlich nicht so selbstironisch gemeint ist, wie ich ihn verstehe. Aus dieser Schublade kommt er eben nicht raus, aber ich weiß auch gar nicht, ob er das wirklich will, wenn ich mir die Platte so anhöre.  

An Rap-Features hat Talib Kweli Leute wie Busta Rhymes, aber auch Kendrick Lamar, Curren$y und Nelly mit an Bord. Wen magst du von den Genannten am liebsten?
Die Gästeliste ist cool. Kendrick Lamar ist super, ich finde sogar den Song mit Miguel ganz gut. Bei Nelly hätte ich es eigentlich ganz lustig gefunden, dass er den wieder ausgegraben hat, aber der ist letztens mit so ganz schlimmer Justin-Bieber-Mucke um die Ecke gekommen. Das geht leider gar nicht.

Auf der nächsten Seite: Denyo verrät seine aktuellen und seine All-Time-Lieblingsalben.


Denyos aktuelle Album-Top-5 bzw. -6:  

The Weeknd – Trilogy
Das ist die Weiterentwicklung des R’n’B-Genres. Bevor der um die Ecke kam, gab es eigentlich nur noch diesen Pop-R’n’B, der geile, ernstzunehmende Neo-R’n’B ohne sämtliche Klischees à la Usher war praktisch tot. Aber Weeknd hat richtig Kante. Und damit hat er von Drake über Miguel alle beeinflusst. Das ist für mich ein ungekrönter King.  

Frank Ocean – nostalgia, ULTRA
Frank Ocean kommt gleich nach The Weeknd. Einfach geil.  

Major Lazer – Free The Universe
Ich bin viel in Clubs unterwegs und Diplo ist einfach einer der wichtigsten Produzenten unserer Zeit.  

Marteria – Zum Glück in die Zukunft bzw. Marsimoto – Grüner Samt
In Deutschland zur Zeit mit das Beste, was wir haben.  

Jay-Z – Magna Carta Holy Grail
Derbe.   Denyos Alltime-Album-Top-5 bzw. -6:  

Public Enemy – It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back
Wegen der Platte habe ich angefangen zu rappen. Das war das erste Mal, dass ich so eine Mucke gehört habe. Das hatte eine unglaubliche Energie. Damals war Flavor Flav auch noch cool – das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.  

Jay-Z – The Blueprint
Das war damals das kompletteste und im positiven Sinne durchdesignteste Album, das es gab. Das war von Leuten wie Kanye West und Just Blaze revolutionär produziert, ohne dass man so genau wusste, was daran eigentlich so revolutionär war. Und Jay-Z war da einfach on top of the game. Untouchable.  

Bob Marley – Uprising bzw. Dennis Brown – Words Of Wisdom
Beide habe ich damals ganz viel gehört.  

Advanced Chemistry/Fremd im eigenen Land (Maxi)
Ohne Torch hätten wir damals nicht angefangen, auf Deutsch zu rappen. Dieser Song hatte damals einfach alles: Die Aussage, für damalige Verhältnisse fette Beats und unglaublich gute Raps. Das waren die deutschen Public Enemy. Bei denen haben wir gelernt. Das waren die Kings.  

Dr. Dre – The Chronic 2001
Das war vom Sound einfach derbe revolutionär.