Rap Rendezvous. Wir hören neue Platten mit Favorite

Einmal im Monat plaudert jetzt.de mit einem Vertreter aus dem großen weiten HipHop-Kosmos über aktuelle Rap-Veröffentlichungen. Heute mit Favorite
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Illustration: Julia Schubert



Favorite gehört spätestens seit seinem Kollabo-Album mit Jason namens „Rappen kann tödlich sein“ aus dem Jahr 2005 zum festen Bestandteil der hiesigen HipHop-Gemeinde. Nicht nur als „Harlekin“ und „Anarcho“, sondern auch unter seinem bürgerlichen Namen „Christoph Alex“ mischt er von Essen aus regelmäßig die Szene auf und hat mit Selfmade Records ein namhaftes Indie-Label im Rücken. Mit seinem aktuellen Album „Christoph Alex“ ist Favorite in diesem Jahr sogar bis auf Platz 4 der Album-Charts geklettert, was seinen mittlerweile erreichten Status einmal mehr untermauert. Da wird noch einiges passieren im Jahr „Zweitausend-Fave“.

 

Aber jetzt geht es los mit dem Rap Review Rendezvous und

Tyler, The Creator - "Goblin"  

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Illustration: Julia Schubert


jetzt.de: Tyler, The Creator und seine Odd-Future-Gang durchleben gerade einen immensen Hype. Ist der nach dem Hören der Platte für dich nachvollziehbar?
Favorite: Auf jeden Fall! Der hat einen Sound, wie ich ihn bisher noch nicht gehört habe. Mir ist das zwar ein kleines bisschen zu lahm, aber nichtsdestotrotz sehr interessant. Bisher habe ich mich zwar noch nicht voll und ganz damit anfreunden können, aber das kommt schon noch. Der Hype spricht auf jeden Fall für sich. Der hat was drauf. 

„Goblin“ wurde mal mit „misanthropischen Abhandlungen zu Vaterlosigkeit, Religionsabkehr und Gang-Rape“ umschrieben. Das Album ist insgesamt sehr anti, aus jeder Line lacht einem der ausgestreckte Mittelfinger entgegen. Inhaltlich dürfte das demnach doch sicherlich auf deiner Wellenlänge liegen, oder?
Ja, die Attitüde passt. Ich glaube, das ist ein ganz witziger Typ. Ein bisschen geisteskrank vielleicht, aber witzig. 

http://www.youtube.com/watch?v=XSbZidsgMfw[/link]  

Wie wichtig ist diese Form des Regelbruchs für eine Jugendkultur wie HipHop heute noch?
Das ist immens wichtig. Gerade weil immer mehr Regeln aufgestellt werden, muss man für deren Abschaffung einstehen. Um Mensch zu sein, muss man eben auch frei sein – und dafür muss man kämpfen. Wenn einem etwas auf den Sack geht, muss man die Fresse aufmachen, und etwas anderes machen Rapper ja nicht: Die machen die Fresse auf. Und Tyler macht das ganz besonders gut.  

Im Video zu „Yonkers“ frisst Tyler, the Creator erst eine Kakerlake, übergibt sich daraufhin und erhängt sich am Ende. Man würde vermuten, dass dir so etwas gefällt.
Das Video ist der Hammer! Der Typ hat auf jeden Fall Style und scheißt auf alles. Das finde ich immer gut. Wie gesagt: Ich würde da noch ein bisschen mehr Tempo reinbringen, aber ansonsten habe ich an der Platte nichts auszusetzen.   Wiley - "100% Publishing"  

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Illustration: Julia Schubert


Wiley gilt für viele Leute als „Godfather of Grime“. Ist das ein Genre, mit dem du generell etwas anfangen kannst?
Nein, eigentlich nicht. Die CD hat mir daher auch nicht so gut gefallen. Die Beats sind zwar im Gegensatz zu der Platte von Tyler nicht mehr so langsam gewesen, aber irgendwie zu popfreakig. Mir ist das auch zu elektronisch. Allerdings muss man ihm zugute halten, dass er durchaus rappen kann und eine geile Stimme hat.  

In Interviews hat Wiley erklärt, er würde Grime endgültig hinter sich lassen wollen. In „Information Age“ rappt er hingegen: „I know some don’t care about the Grime scene, but I’m gonna till I die“. Ist das nicht ein Widerspruch?
Ja, klar. Wenn es weniger Grime gewesen wäre, hätte es mir vielleicht auch besser gefallen. So war das auf jeden Fall nicht so meins. Da fand ich Tyler schon interessanter. Tyler gibt einfach ein bisschen mehr auf die Fresse, ist anarcho drauf und nimmt kein Blatt vor den Mund. Der ist richtig abgefuckt, und das ist geil. Es kann ja schließlich nicht gesund sein, immer mit einem Lächeln durch die Welt zu gehen (lacht).  

 

Nicht erst mit diesem Album hat Wiley sich deutlich weiterentwickelt, was ihm von einigen Anhängern übel genommen wurde. Wie ist deine Einstellung dazu?
Man sollte sich immer weiterentwickeln. Das ist wichtig, denn ansonsten wird es langweilig. Allerdings sollte man seine Wurzeln dabei nicht verleugnen. Die Balance ist enztscheidend. Ich glaube, ich habe das bisher immer ganz gut hinbekommen. Aber man kann es natürlich nicht jedem Recht machen, und das bekommt man ab und an auch zu hören.  

Vor zehn Jahren hat Wiley mal behauptet, er hätte die Angeberei zur Kunst erhoben. Hörst du das aus dem aktuellen Album auch noch heraus?
So richtig herausgehört habe ich das nicht, wenn ich ehrlich bin. Aber das Statement als solches ist natürlich cool. Ich mag das, wenn Leute angeben auf Beats. Leute wie Juelz Santana oder Cam’ron – das feiere ich. 

„I should have followed my own intuition“ heißt es auf einem Track auf der Platte. Bist du ein intuitiver Mensch? Wie viel Intuition liegt deiner Musik zugrunde?
Ich folge stets meiner Intuition, und damit liege ich fast immer richtig. Ich bin auf jeden Fall kein Konzeptrapper, sondern entscheide vieles spontan aus dem Bauch heraus – obwohl ich ein bisschen strukturierter werden will. Mit Planung hatte ich es bisher leider nicht so, aber ganz ohne Plan geht es eben auch nicht.
 



Dennis Da Menace - "Quintessenz"

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Illustration: Julia Schubert


Die Beats stammen von solchen Produzenten wie V.Raeter, Suff Daddy, Dexter und Hulk Hodn. Was hältst du von dem Soundbild des Albums, das sich ja doch ein wenig von deinem eigenen unterscheidet?
Mir ist das ein bisschen zu jazzig – ich stehe nicht so sehr auf diesen Sound. Das ist mir zu unmodern. An den Rap-Skills könnte man ebenfalls noch ein bisschen was machen, und die Stimme gefällt mir auch nicht so. Das wird zwar sicherlich Leuten gefallen, aber es ist nicht so meins. Ein paar andere Flows, ein bisschen Abwechslung im Satzbau – dann sähe das Ganze schon anders aus.  

Dennis hat als Kind Geigenspielen gelernt und war im Jugendchor. Hörst du diese musikalische Sozialisation aus der Platte heraus?
Nein, überhaupt nicht.

Bringt einem so eine musikalische Sozialisation als Rapper denn etwas oder ist das im HipHop irrelevant?
Ich bin mir nicht sicher. Chor vielleicht noch, weil man dann auch mal ein paar Hooks einsingen könnte. Aber Geige? Ich weiß nicht. Ich habe bloß Arschgeige gelernt (lacht).

http://www.youtube.com/watch?v=XMrBo6VCBBw[/link]  

Zusammen mit Busenhalter und Niko Soprano agiert Dennis als Heilbronn-Köln-Kombinat. Greift bei dir als Rapper auf einem Düsseldorfer Label auch der Städtebeef mit Köln?
Ich selbst bin ja Essener, insofern ist mir das ziemlich egal. Aber der Streit zwischen Köln und Düsseldorf ist doch eh so ein Pseudobeef, oder? Das kann man sich eigentlich sparen. Wenn jemand aber hart gegen Essen schießen würde, würde mich das schon jucken, glaube ich.  

Auf einem Song betreibt Dennis „40 Takte Therapie“. Was hältst du davon? Ist Rap für dich auch immer ein Ventil, um persönliche Probleme zu verarbeiten? Natürlich – wobei es bei mir immer weniger wird. Viele Dinge aus meiner Vergangenheit habe ich mittlerweile verarbeitet, deshalb nutze ich die Verweise darauf bloß noch als Stilmittel. Aber generell halte ich es durchaus für wichtig, die Dinge aufzuschreiben. Wenn ich das damals nicht getan hätte, würde es mir heute auf jeden Fall schlechter gehen.   Pete Rock & Smif-N-Wessun - "Monumental"  

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Illustration: Julia Schubert


Du bist 1986 geboren. Hatten Leute wie Pete Rock oder Tek und Steele von Smif-N-Wessun, die ihre größte Zeit in den 90er Jahren hatten, künstlerisch irgendeinen Einfluss auf dich?
Nein, überhaupt nicht. Ich kannte Pete Rock zwar vom Namen her, habe jetzt aber tatsächlich zum ersten Mal bewusst etwas von ihm gehört. Der ist bisher irgendwie an mir vorbeigegangen. Ich bin ja damals vor allem durch den Wu-Tang Clan zum HipHop gekommen. Damit hat bei mir alles angefangen. 

http://www.youtube.com/watch?v=q8FrM6lJdkg&feature=player_embedded  

Dennoch ist Pete Rock ein legendärer Produzent, Smif-N-Wessun sind ein legendäres Rap-Duo. Ist die Rechnung insofern aufgegangen, als dass auch ein legendärer Longplayer dabei herausgekommen ist?
Ich fand die Platte auf jeden Fall geil. Da sind super Features drauf, ich mag deren Style und diesen oldschooligen Drumsound.  

Es gibt einige Kritiker, die der Meinung sind, „Monumental“ wäre das beste Smif-N-Wessun-Album seit ihrem 1995-Klassiker „Dah Shinin“. Klingt das für dich nachvollziehbar?
Ich habe deren alte Alben nicht gehört, insofern kann ich das nicht beurteilen. Die Platte wirkt auch nicht mehr ganz zeitgemäß und ein wenig hängengeblieben, aber das geht in diesem Fall vollkommen in Ordnung – im Gegensatz zu Dennis Da Menace. Das hier ist einfach der alte New-York-Flavour. Das passt.   Brotha Lynch Hung - "Coathanga Strangla"  

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Deinem Labelmate Kollegah hat das letzte Brotha-Lynch-Album sehr gut gefallen. Er hat Brotha Lynch Hung damals als krassen Rapper bezeichnet und sich durch das Album inspiriert gefühlt. Ging es dir bei dieser Platte ähnlich?
Ja, die Platte werde ich auch weiterhin hören. Die Beats sind super, der hat richtig gute Skills, das ist ein echt gutes Album.  

Die Platte ist der zweite Teil einer Trilogie. Das Album davor beginnt mit der Aussage „I don’t have to kill anyone. I just think it.“ In kaum einem anderen Musikgenre werden so viele Leute verbal gequält, verprügelt und getötet wie im Rap. Woher kommt diese Faszination daran?
Wir Menschen haben ja ein Gewissen, das uns in der Regel davon abhält, draußen herumzulaufen und andere Menschen zu töten. Trotzdem haben die Leute aber Wut, und die kann man in der Musik eben wunderbar rauslassen, ohne irgendwelche Konsequenzen fürchten zu müssen. Die Musik ist frei. Ich bringe in meinen Songs ja auch permanent Leute um. 

http://www.youtube.com/watch?v=pMoh5Ne9qbc&feature=related  

Brotha Lynch Hung ist einer der Mitbegründer des Horrorcore-Raps. Kannst du damit generell etwas anfangen?
Nein, eigentlich nicht. Ich gucke mir auch keine Horrorfilme an. Das finde ich öde. 

Ist Rap deiner Meinung nach denn trotzdem eine geeignete Musik, um so ein instrumentalisiertes Horrorhörbuch zu veröffentlichen?
Na klar. Man kann mit Rap ja sehr viel machen, und wenn man ein Horrorfreak ist und darauf steht, dann geht das schon klar. Viele Leute mögen das ja, insofern ist das eine gute Sache.


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Illustration: Julia Schubert



Favs aktuelle Album-Top-Five: 

Favorite - Christoph Alex

Fard - Alter Ego

Genetikk - Foetus

Bass Sultan Hengzt - Homework EP   

K.I.Z. - Urlaub fürs Gehirn


Favs Alltime-Album-Top-Five:   

Dr. Dre - 2001 

Juelz Santana - What's The Game Been Missing

Lil Wayne - Tha Carter II

Eminem - The Marshall Mathers LP

50 Cent - Get Rich Or Die Tryin'

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