Rap Rendezvous: Wir hören neue Platten mit RAF 3.0

Jeden Monat plaudert jetzt.de mit einem Vertreter des HipHop-Kosmos über aktuelle Rap-Veröffentlichungen. Heute mit dem Wiener RAF 3.0 über die Neuerscheinungen von N.O.R.E., Kid Cudi, will.i.am und Tyler, The Creator.
daniel-schieferdecker

Das Magazin Juice hat Raphael Ragucci alias RAF 3.0 mal als „Vollblutmusiker aus der Wiener Hood“ beschrieben, „ein an Cypress Hill und IAM geschulter Soundfrickler mit einem untrüglichen Gespür für glasklare Pop-Melodien“ – und wer sich mit dem Werk des 28-Jährigen auseinandergesetzt hat, wird da nur schwerlich widersprechen. Zwischen seiner aktuellen Tour und der Arbeit an seinem im Juli erscheinenden neuen Longplayer „Hoch 2“ hat er sich die Zeit genommen, um mal ein Ohr bei der amerikanischen Konkurrenz zu riskieren.

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Illustration: Julia Schubert

Unser Rap-Experte diese Woche: RAF 3.0, 28, aus Wien

RAF 3.0 – Wie Kannst Du Nur

Aber jetzt geht es los mit dem Rap Rendezvous und...     N.O.R.E. – Student Of The Game  

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Illustration: Julia Schubert



jetzt.de: Hast du N.O.R.E.s Karriere ein bisschen mitverfolgt? Waren seine Solo-Alben oder die von Capone-N-Noreaga Teil deiner HipHop-Sozialisation?
RAF 3.0: Das „The War Report“-Album von Capone-N-Noreaga hatte ich auf Tape – das war geil. Danach habe ich aber nur noch sporadisch etwas von ihm mitbekommen.  

Wie gefällt dir das Album?
Das hat mir von allen am besten gefallen. Einige Tracks sind ja nicht nur auf Old School produziert, sondern auch so gerappt. Das find ich cool.  

Neben diesen Old-School-Anleihen hat er aber auch mit New-School-Vertretern wie 2 Chainz und Lil Wayne zusammengearbeitet. Passt das zusammen?
Nein. Die moderneren Tracks gefallen mir nicht – nur die Old-School-Dinger. Die erinnern mich an die Zeit, als ich mit Rap angefangen habe. 

N.O.R.E. – Built Pyramids

Die Platte trägt den Titel „Student Of The Game“, obwohl N.O.R.E. natürlich ein alter Hase ist. Er ist der Meinung, dass es als Rapper wichtig sei, sich stets seine Neugier zu bewahren und auch von neuen Künstlern noch etwas zu lernen. Siehst du das auch so?
Ja. Man sollte seine Ohren stets offen behalten und auch neue Strömungen wahrnehmen. Allerdings muss man darauf achten, dass man sich dabei treu bleibt und seine eigenes Künstlerprofil nicht von fremden Einflüssen verwässern lässt.  

Verfolgst du denn die aktuelle Entwicklung in Rap-Deutschland?
Um ehrlich zu sein: ich höre mittlerweile nur wenig deutschsprachigen Rap. Früher fand ich Max Herre oder die Massiven Töne ganz cool, aber seit ich selbst Musiker bin, gefällt mir das meiste nicht mehr. Richtig geil fand ich in den letzten Jahren eigentlich nur Peter Fox.     Tyler, The Creator – Wolf  

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Illustration: Julia Schubert



Mit seinem Debütalbum „Goblin“ und als Anführer seiner Odd Future Wolf Gang galt Tyler vor ein paar Jahren plötzlich als der neue Heilsbringer der L.A.-HipHop-Jugend. Hast du das damals ebenfalls so gesehen?
Ich hab das gar nicht mitbekommen. Erst über A$ap Rocky und Cro habe ich erfahren, dass Tyler und seine Jungs diese Hipster-Rap-Richtung schon vorher eingeschlagen haben.  

Was sagst du zum „Wolf“-Album?
Es ist schon cool, aber ziemlich verrückt. Der hat voll viele Samples verwoben, die eigentlich gar nicht zusammenpassen, aber dieses möglich machen des Unmöglichen hat schon was. 

Tyler, The Creator – IFHY

Die Mucke von Tyler ist immer schon relativ sperrig gewesen. Trotzdem konnten sich immer viele Leute darauf einigen – selbst solche, die mit Rap sonst nicht viel am Hut haben. Hast du eine Erklärung dafür, wie er das geschafft hat?
Tyler verkauft in erster Linie nicht Musik, sondern einen Lifestyle – und das kommt bei den Leuten an. Ich selbst kenne kaum Songs von ihm, dafür aber ganz viele Fotos. Ich weiß ganz genau, was der Typ für Klamotten trägt. Und dann kommt natürlich noch diese Fuck-You-Attitüde dazu, die für Jugendliche immer spannend ist.  

Wie passt das Verstörende von Tylers Musik zu solchen Gesangspassagen wie denen von Erykah Badu auf „Treehome95“?
Das passte ganz gut. Ich fand es zumindest nie cheesy. Das liegt aber auch an den dreckigen Beats a la Wu-Tang Clan. Die klingen nach RZA auf Crack.  

Du selbst hast ebenfalls häufig gesungene Hooklines in deinen Songs. Wie schafft man es denn, nicht cheesy zu werden?
Ich habe einen Vorteil: Durch meine unperfekte Aussprache und meine unperfekte Art zu singen, kann es textlich etwas überzogener sein als bei anderen, ohne dass es ins Kitschige kippt. Ich bewahre mir eine gewisse Dreckigkeit, die das Ganze in der Balance hält. Wenn Haftbefehl mal auf die Idee kommen sollte, einen Celine-Dion-Song zu singen, würde das vermutlich auch funktionieren.

Auf der nächsten Seite: RAF 3.0 spricht über die neuen Alben von Kid Cudi und Will.I.Am.


    Kid Cudi – Indicud  

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Illustration: Julia Schubert




Kid Cudi hat trotz seiner gerade mal drei Alben bereits kleine Achterbahn-Karriere hinter sich. Erst der Superhit „Day ’n’ Nite“ und der Ritterschlag durch Kanye West, dann der Niedergang mit Album Nummer 2, und nun bekommt er für seine neue Platte schon wieder erste Respektsbekundungen. Was hältst du von „Indicud“?
Mir hat die Platte nicht sonderlich gut gefallen. Die Single „Just What I am“ fand ich noch am besten. Ich hab ja gar nichts gegen schiefe Töne, und Kid Cudi hat auch eine sehr spezielle Art zu singen, aber auf dem Album ist mir ist das alles zu unkoordiniert. Das ist nicht schief genug, um schief zu sein und nicht gerade genug, um gerade zu sein; weder Fisch noch Fleisch.  

Die Beats auf dem Album stammen fast alle von Kid Cudi selbst und ich finde auch, dass die an einigen Stellen noch ein bisschen unfertig wirken.
Genau. Der hat sich scheinbar noch nicht ganz gefunden. Auf seinem letzten Album hat er doch sogar mit Grunge geliebäugelt – meinem musikalischen Lieblingsgenre – und sich angezogen wir Kurt Cobain. Die Unfertigkeit auf dem Album ist weniger eine technische, sondern eher eine kreative.  

Kid Cudi – Just What I Am

Cudi hat mit Leuten wie A$asp Rocky und Kendrick Lamar kollaboriert, also den Rappern der Stunde. Auf der anderen Seite hat er auch mit den Folkrock-Mädels von Haim und mit Michael Bolton zusammengearbeitet. Deine Meinung dazu?
Viele Rapper wählen heutzutage ja bewusst abgefahrene Kollabos, um damit Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und ihre musikalische Offenheit zu zeigen. So auch hier. Wirklich hängen geblieben ist bei mir aber nichts davon.  

Wie wichtig ist es denn für den Erfolg oder die Stimmigkeit eines Albums, dass man die richtigen Features auswählt?
Am Anfang einer Karriere können richtige Features Kaufargumente sein. Für den Vibe eines Albums ist weniger aber manchmal mehr. Denn ein Gast erahnt häufig nicht die musikalische Gesamtvision eines Albums, die durch ein Feature auch verwässert werden kann.     Will.I.Am – #willpower  

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Illustration: Julia Schubert



Ein Song auf der Platte heißt „Great Times Are Coming“. Konntest du diese These nach Einlegen der CD bestätigen?
Sagen wir so: will.i.am ist ein krasser Musiker, das hört man auch auf dem Album. Als Kritiker mit offenen Ohren für Skills muss ich zugeben, dass die Platte sehr gut produziert ist. Aber die Platte ist eben auch Plastik pur, und damit kann ich persönlich nichts anfangen.  

Findest du das echt so super produziert? Ich hatte den Eindruck, der hat sämtliche Basslinien vergessen. Den Songs fehlt es allesamt an Druck.
Das ist aber Absicht, weil die Platte fürs Radio konzipiert ist und bei Radiotracks immer diese schiebenden Bässe fehlen. Untenrum kommt da nicht viel an, aber für kleine Lautsprecher reicht das vollkommen.

will.i.am – #thatPOWER

Das will.i.am-Album ist ja keine klassische Rap-Platte. Kannst du seinen musikalischen Weg von einem respektierten Rap-Künstler zu so einem Großraumdisco-Eurodance-Hampelmann nachvollziehen?
Nein, absolut nicht – zumal die Black Eyed Peas früher ja wirklich ein paar tolle Tracks zustande gebracht haben. Der Typ ist ja auch nicht doof. Aber diese Platte ist vollkommen belanglose Scheiße.  

Als Gäste sind Leute wie Britney Spears, Justin Bieber und Miley Cyrus vertreten. In „Fall down“ singt Miley Cyrus die Zeile „Boy, just be my lollipop/lemme lemme lick you up“. Könntest du dir auch nur ansatzweise vorstellen, eine vergleichbare Line auf deutsch zu schreiben, geschweige denn zu rappen?
Ich?! Nein, niemals! Das wäre dann schon eher was für King Orgasmus One oder Frauenarzt.  

Auf der Platte wurde auch nicht am massiven Einsatz von Autotune gespart. Das Thema ist doch eigentlich durch, oder?
Ja, aber will.i.am macht das vergleichsweise gut und bearbeitet das sehr krass. Ich bin mir gar nicht sicher, ob das nicht sogar ein ganz anderer Effekt ist. Bei Lil Wayne kriege ich das kotzen.

Auf der nächsten Seite: RAF 3.0 verrät seine aktuellen und seine All-Time Lieblingsalben.




 RAF 3.0s aktuelle Album-Top-5:  

Alice In Chains – Dirt
Grunge in Perfektion. Die Platte transportiert dasselbe Leid wie Nirvanas „Nevermind“, ist rein musikalisch betrachtet aber besser.  

A&ap Rocky – Live. Love. A$ap
Das höre ich seit anderthalb Jahren, und es gibt nichts, was mich mehr entspannt. Inhaltlich zwar vollkommen belanglos, aber das löst bei mir heute die gleiche Art von Gefühl aus wie damals Cypress Hills „Temples Of Boom“.  

Type-O-Negative – October Rust
Die CD habe ich kürzlich auf dem Flohmarkt gekauft, und leider läuft die nur bis zur Hälfte. Aber diese Hälfte ist super!  

OST – Der Pate
Balsam für meine italienischen Wurzeln.  

Seth Gueko – Bad Cowboy
Der krasseste Punchliner, den ich je gehört habe.     RAF 3.0s Alltime-Album-Top-5:  

Nirvana – Nevermind
Der Soundtrack meines Lebens.  

Metallica – Black Album
Das bestproduzierte Gitarrenmusik-Album ever.  

Booba – Temps Mort
Für mich DAS französische Rap-Album.  

Portishead – Dummy
Es gibt nichts, was mir eine schönere Depression beschert als diese Platte.  

Mavado – Gangsta For Life
Der Typ singt wie ein geschlagener Hund. Aber so geil, dass man süchtig danach wird. 


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