Rap Review Rendezvous - Vol. I. Wir hören neue Platten mit Tatwaffe

Rap-Musik, das bedeutet immer auch Sprache, Austausch, Kommunikation. Aus diesem Grund plaudert jetzt.de jeden Monat mit einem Vertreter aus dem großen weiten HipHop-Kosmos über fünf aktuelle Rap-Veröffentlichungen.
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Illustration: Julia Schubert

In dieser neuen Kolumne geht es um einen Dialog. Um ein Zwiegespräch zwischen Rapper und Rezensent. Und kein MC wäre für die erste Ausgabe besser geeignet gewesen als der Kölner Künstler Tatwaffe von der Firma. Denn wie kaum eine Karriere eines anderen deutschen Rappers, fußte sein Werdegang von Anfang an auf der Dualität der Dinge. Sei es als Solorapper mit Doubletime-Flows, Doppelreimen oder doppeldeutigen Metapherketten, als Teil des Dualen Systems oder als einer von zwei MCs im Bandgefüge der Firma. Dieser Tage bringt er mit dem Kölner Traditionsunternehmen anlässlich ihres mehr als zehn Jahre währenden Bestehens eine Best-Of-Doppel-CD namens „Gesammelte Werke“ heraus mit sämtlichen Klassikern inklusive der Platin-Single „Die Eine 2005“. Und los geht das RapReview-Renedzvous natürlich mit: Grandmaster Flash - The Bridge

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: Das ist die erste Platte von Grandmaster Flash seit 20 Jahren. Wenn du dir das Album nun anhörst: Ist es schade, dass es so lange gedauert hat oder gut, dass man so lange davor verschont wurde? Tatwaffe: Ich finde das titelgebende Brückenbau-Konzept auf jeden Fall nicht sonderlich gut umgesetzt. Das klingt sehr typisch, sehr nach New York und ein wenig stehengeblieben. Auch die Features wirken eher wie ein zusammengewürfelter Haufen auf mich, obwohl es natürlich ein paar gute Ansätze gibt. „What If“ mit KRS-One finde ich gut, auf dem er darüber philosophiert, was wäre, wenn es HipHop nie gegeben hätte. Auch „Shine All Day“ mit Q-Tip, Jumz & Kel Spencer finde ich cool. Aber insgesamt gesehen hat mich die Platte nicht überzeugt. Die Grundidee ist also gut, aber Grandmaster Flash noch nicht bereit? Die Idee ist super und Grandmaster Flash im Grunde auch genau der Richtige, denn ohne ihn gäbe es sämtliche Künstler auf seiner Platte überhaupt nicht. Ich ziehe daher auf jeden Fall den Hut vor dem Versuch, der meiner Meinung nach allerdings ein bisschen gescheitert ist. Der Name ist also ein bisschen zu groß für das, was letztlich dabei herausgekommen ist? Ja, so kann man das ausdrücken. So ein Stück wie „Tribute To The Breakdancer“ wäre vermutlich sogar besser gewesen ohne Supernatural. Einige Tracks finde ich von den MCs her einfach fehlbesetzt. Natürlich sind da große Namen dabei wie Busta Rhymes, Snoop Dogg, DJ Kool oder Big Daddy Kane, aber auf der anderen Seite auch Leute, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Zumal ich den Part von Snoop zum Beispiel sehr 08/15 fand. „Swagger“:

Das ist aber Teil der Grundidee gewesen, bekannte HipHop-Größen mit Untergrund-Künstlern zusammenzubringen. Aber dann finde ich es inkonsequent, dass jemand wie Busta Rhymes einen Solo-Track bekommt, anstatt sich noch jemanden aus der neuen Generation zu suchen, der mit ihm mithalten kann. Wirklich stimmig wirkt das Ganze auf mich nicht.


N.A.S.A. - The Spirit Of Apollo

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Illustration: Julia Schubert

Für mich ist die Platte ja eines der ersten Highlights dieses Jahres. Wie war dein erster Eindruck? Ja, das sehe ich ähnlich. Man merkt bei der Platte sofort, dass da Produzenten am Werk sind, die eine Vision haben und nicht den zwanzigsten Aufguss eines altbewährten Konzepts abliefern wollen. Die haben sich richtig Gedanken gemacht, und das hört man. Ich finde die Idee super, verschiedene Künstler zusammenzubringen, die man sonst vermutlich nie gemeinsam auf einem Track gehört hätte. Und das Ganze dann mit brasilianischen Einflüssen zu verbinden, das ist innovativ und modern. Hast du Lieblings-Kollabos auf der Platte? Abgefahren sind auf jeden Fall Kool Keith und Tom Waits auf „Spacious Thoughts“, obwohl ich da am Anfang erstmal mit dem Gesang klarkommen musste. Kanye West mit Santogold und Lykke Li auf „Gifted“ finde ich auch gut, obwohl ich da irgendwann abgeschaltet habe. Aber bei dem Album ist es wirklich schwer, einzelne Stücke herauszupicken, weil es eine sehr stimmige Platte ist, die man locker durchhören kann, ohne dass es langweilig wird. Besonders durch diese unerwarteten Kollabos, auf die man erstmal kommen muss, gibt es immer wieder Überraschungen. In einer Review zu der Platte hieß es: „Näher am Zeitgeist geht nicht“. Wie ist deine Einschätzung? Mir fällt für diese Behauptung zumindest kein Gegenargument ein. Auf Anhieb wüsste ich nicht, was mir da gefehlt hätte. „Money“

Wusstest du, dass Sam Spiegel, die eine Hälfte von N.A.S.A., der Bruder von Spike Jonze ist, der bereits Videos für Sonic Youth, die Beastie Boys, Björk oder Daft Punk sowie Filme wie „Being John Malkovich“ gedreht hat? Nein, das wusste ich nicht. Dann scheint der Gute auf jeden Fall aus einer extrem künstlerischen Familie zu kommen – kreative Gene. Beide scheinen einen inneren Antrieb zu haben, sich künstlerisch abgrenzen und ihr eigenes Ding durchziehen zu wollen. Es wäre auf jeden Fall interessant, den N.A.S.A.-Jungs mal beim Produzieren zuzugucken und zu erfahren, ob die im Vorfeld schon wissen, wer über ihre Beats rappen oder singen soll. Lustig, dass du das sagst, weil zu dem Entstehungsprozess der Platte tatsächlich eine Dokumentation gedreht wurde. Ach, echt? Na, dann passt ja alles, was ich hier von mir gebe. Das macht in diesem Fall auch wirklich Sinn. Hier der Trailer zu dem Doku-Film:


Diplo - Decent Work For Decent Pay

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Illustration: Julia Schubert

Diplo ist ja kein typischer HipHop-Produzent. Hat der dir im Vorfeld überhaupt etwas gesagt? Ja, ich wusste, dass der auch Sachen für M.I.A. gemacht hat. Aber diese Platte hat mich zum Teil wirklich geschockt, weil das überhaupt nicht die Musik ist, die ich sonst höre. Wenn man Elektro-Fan ist, dann gibt die Platte einem bestimmt mehr. Stücke wie „Paper Planes“ von M.I.A. kanntest du dann also? Ja, aber ich fand es schade, dass da nicht die Version mit Bun B, Lil Wayne und Konsorten durchläuft, sondern so ein halber Remix. Da hat mir was gefehlt, obwohl der Track ansonsten super produziert ist. Der Track war im letzten Jahr als „Song des Jahres“ bei den Grammys nominiert – zu Recht? Ja, auf jeden Fall. Es ist extrem cool, dass das ein lockeres Stück ist, das ein bisschen swingt, in der Hook aber unter Pistolenschuss-Sounds damit droht: „Wir nehmen uns all dein Geld!“ Damit haben die schon extrem ansprechend den Zeitgeist getroffen. Gerade in der Version mit den Rappern ist das cool, weil man es dabei vermieden hat, mit dieser typischen HipHop-Attitüde um die Ecke zu biegen. Der Track ist aber auch mehr London als New York. Die Sequenz der vier aufeinanderfolgenden Pistolenschüsse hat MTV ja seinerzeit gegen weniger martialische Soundsamples ausgetauscht – ist das für dich nachvollziehbar? Das haben die echt gemacht? Nein, das kann ich nicht nachvollziehen. Ich bin prinzipiell immer gegen die Beschneidung eines Kunstwerks. Obwohl ich auch verstehen kann, dass die Verantwortlichen Angst bekommen, dass es Proteste gibt, weil da jemand geschossen hat und das von bestimmten Leuten eventuell als Aufforderung zum bewaffneten Raubüberfall gedeutet wird. Aber in diesem Fall ist das schon sehr kleingeistig. Der Superhit „Paper Planes“ von M.I.A.:

Diplo geht mit seinen Produktionen ja ein ganzes Stück weit über den eigentlichen HipHop-Kosmos heraus und arbeitet auch mit Rock-Bands zusammen wie Bloc Party oder Hot Chip. Gefallen dir auf dem Album denn dennoch vor allem die Rap-Tracks wie „Reload It“ mit Kano oder den „Put That Pussy On Me“-Remix von Spank Rock? Nicht wirklich. Den Bloc Party-Track fand ich zum Beispiel besser als den von Kano. Dessen „Reload It“ ist einfach nur stressig. Von der Produktion her ok, aber die Raps haben mir darauf überhaupt nicht gefallen. Das macht für mich die Produktion dann direkt wieder kaputt. „Where Is Home?“ von Bloc Party hingegen war wirklich etwas zum Kopfnicken, das fand ich cool. Könntest du auf solchen Produktionen wie etwa dem Instrumental zu „Reload It“ rappen? Die ist ja schon sehr „outstanding“. Ja, klar. Ich rappe auch über einen ¾-Takt, wenn es sein muss. Aber je schneller es wird, desto weniger musst du den Platz auf dem Beat wirklich füllen, denn dann rappst du entweder Doubletime oder extrem langsam mit wenigen Worten, sodass es nicht so stressig ist. Das ist eigentlich relativ einfach, wenn man einmal das Prinzip vom Beat erkannt hat.


Fiva - Rotwild

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Illustration: Julia Schubert

Ich habe neulich ein Interview mit Fiva für jetzt.de gemacht, zu dem ein User folgenden Kommentar gepostet hat: „Ist ja geil: Weiß, weiblich, deutsch und kommt aus München... Was hat sie denn so zu erzählen? Dass die Studiengebühren arme Kinder benachteiligen, oder dass Frauen weniger verdienen als Männer? Hat sich ihr Hippie-Freund nicht gemeldet wie versprochen? Richtig peinlich.“ Was würdest du demjenigen nach Durchhören der Platte entgegnen? Ich habe mich nach dem ersten Track auch gefragt, was jetzt wohl noch kommt. Aber ich habe weitergehört und wurde positiv überrascht. Was man der Platte allerdings vorwerfen kann, ist eine gewisse Eintönigkeit, die in der Presseinfo mit „unaufgeregtem Flow“ beschrieben wurde. In Sachen Style und Ausdruck gibt es über die gesamte Spiellänge kaum Veränderung, das finde ich schade. Mir gefallen aber Stücke wie „Hauptstadtfieber“, „Lila“ oder „Will wollen“, die wirklich Inhalte transportieren und sich fernab von den typischen Gangster-Images für 14- bis 16-jährige bewegen. Das ist HipHop von Erwachsenen für Erwachsene, den man als Jugendlicher vermutlich nicht immer nachvollziehen kann, aber gerade deshalb für mich unter diesem Aspekt sehr gelungen ist: Persönliche und weibliche Themen aus dem wahren Leben. Ein bisschen mehr Abwechslung in den Raps hätte der Platte dennoch sehr gut getan. Warum hat man es als Frau mit Inhalten so schwer im hiesigen Rap-Game? Oder hat das am Ende gar nichts mit dem Geschlecht zu tun? Nein, wir haben es auch immer schwer, sobald wir mit der Firma etwas nachdenklicher werden, weil das vielen zu kompliziert ist. Unser Produzent Fader Gladiator verweist an dieser Stelle immer auf Jazz, wo das Publikum über die Jahre mitgewachsen ist. Bei deutschem HipHop gibt es das nicht, da wirst du kaum einen 40-jährigen finden, der seit zwanzig Jahren bloß Deutsch-Rap hört. Doch gerade ältere Leute interessieren sich eben auch mehr für Inhalte. In „Goldfisch“ geht es darum, dass sie zwar Teil der HipHop-Szene ist, sich aber mit vielen aktuellen Entwicklungen nicht mehr identifizieren kann– ist ihr Standpunkt für dich nachvollziehbar? Klar, zu 100%. Wir haben ja seinerzeit direkt angefangen, als es mit HipHop in Deutschland losging und da war klar: Die Firma ist HipHop, die Firma ist cool. Aber weil wir eben nicht auf bestimmte Trends eingegangen sind, werden wir heute nicht mehr in einem Atemzug mit angesagten Leuten wie Olli Banjo oder Sido genannt. Ich finde das aber auch nicht so schlimm, denn bereits bei unserem ersten Auftritt hatten wir Leute im Publikum, die bereits dreißig oder vierzig waren und über unsere nachdenklichen Lieder zu uns gekommen sind. Es ist manchmal ganz gut, wenn man ein bisschen außen vor ist und auch mal ein anderes Publikum zieht. Bloß wenn man so weit außen vor ist, dass man gar kein Publikum mehr hat, sollte man vielleicht doch noch einmal darüber nachdenken. Es gibt zwar kein offizielles Video dazu, aber den Song "Goldfisch" gibt es dennoch auf youtube:


Olli Banjo & Jonesmann - Vier Fäuste für ein Halleluja

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Illustration: Julia Schubert

Du hast ja bereits einige Male schon selbst mit Olli zusammengearbeitet. Was schätzt du an ihm als Rapper? Olli rappt wie kein anderer und ist einer der Flow-Kings in Deutschland. Ich höre mir zum Beispiel auch lieber Olli an als Savas, weil Olli meiner Ansicht nach mehr Experimente macht. Rap ist ja auch immer so ein Competition-Ding, bei dem man sich immer mit anderen Rappern misst und vergleicht. Ich glaube, ich schreibe manchmal bessere Texte als Olli, aber bei Ollis Flow ist es wirklich schwer, dagegen zu halten. Auch Jonesmann kann dagegen nicht anstinken, hat jedoch dafür das Talent, ein wirklich guter Sänger zu sein und kann dadurch als Gesamtkünstler locker neben Olli bestehen. Auf dem Stück „Feuer“ von dir und Olli auf seinem „Sparring“-Album ging es damals um die Jugend, das vermitteln falscher Werte und schlechte Vorbilder. Im Interview hat Olli gesagt, dass er sich seiner Verantwortung gegenüber der Jugend bewusst ist und politischer werden will. Hast du das herausgehört? Nein, nicht wirklich. Natürlich ist ein Stück wie „Columbine“ ein politisches Statement mit einer nachhaltigen Aussage und „Mehr Tränen“ ist emotional gesehen ein sehr guter Song. Aber ich weiß, dass der Olli seinen lyrischen Finger sehr viel fester auf Wunden und Probleme legen kann, als er das auf dieser Platte getan hat. Das ist ja kein doofer Typ, der durchaus noch mehr auf den Inhalt gehen könnte. Aber er ist auch bekannt für seinen Flow-Donner und muss seinen Fans natürlich auch ein bisschen das geben, was sie hören wollen. Und das ist eben hauptsächlich verbal auf die Fresse zu hauen. Die Platte heißt ja „Vier Fäuste für ein Halleluja“ in Anlehnung an einen Film von Bud Spencer & Terence Hill. Auch du hast in „Hunde die bellen beißen nicht“ mal die Zeile gerappt: „Nimm den Mund nicht so voll wie Bud Spencer/Du zweigradiger Boygrouptänzer“. Worin liegt bei Rappern die Faszination an Bud Spencer & Terrence Hill? Wenn man ein guter Rapper ist, muss man sich auch selbst kennen. Man muss wissen, was man mag, wo man herkommt, und dann geht man eben oft in seine Kindheit zurück. Man schaut sich an, was einen geprägt und geformt hat, und Bud Spencer & Terence Hill-Filme gehören einfach dazu. Der große Dicke und der drahtige Kleine, die einfach nur rumkloppen und Sprüche raushauen. Als Kind konnte man da wahnsinnig drüber lachen. Das ist eben Teil der eigenen Identitätsfindung, womit die Plattenkäufer von heute vermutlich gar nicht mehr viel anfangen können. Aber Olli und Jones kommen eben aus dieser Zeit und bringen das durch diesen Titel zum Ausdruck. Die finden sich heute so cool wie Bud Spencer & Terence Hill damals. In ihrer ersten Single „Vögel“ geht es um sogenannte Hater und Neider, einem Thema, mit dem du dich auf Stücken wie „Ihr wisst, wie ihr heißt“ ja auch schon auseinandergesetzt hast. Wie sehr wurmt dich Kritik von Außenstehenden heute noch? Olli und Jones haben es ja ganz treffend auf den Punkt gebracht: Es sind Vögel. Man kann das nicht wirklich ernst nehmen. Bushido hat mich beispielsweise mal gedisst in einem Interview, wo ich erst richtig abgefuckt war. Aber wenn ich dagegen irgendetwas gemacht hätte, wäre es einfach nur lachhaft gewesen. Denn der Typ ist nunmal gerade der erfolgreichste Rapper in Deutschland und war zu der Zeit verkaufstechnisch auf Grönemeyer-Level. Wenn ich da den Mund aufgemacht hätte, wäre das peinlich gewesen. Das wäre wie David gegen Goliath gewesen. Auch wenn David in diesem Fall der bessere Rapper ist. „Vögel“

Auf der nächsten Seite verrät Tatwaffe noch seine Lieblingsplatten.


Hier die doppelte Album-Top-Five von Tatwaffe:

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Illustration: Julia Schubert

Aktuell: The Game - LAX Lil Wayne - Tha Carter III T.I. - Paper Trail N.E.R.D. - Seeing Sounds John Legend - Evolver Alltime: N.W.A. - Straight Outta Compton Ice Cube - AmeriKKKa’s Most Wanted Jay-Z - Vol. II, Hard Knock Life The Diplomats - Diplomatic Immunity I Nas - Illmatic

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