Rap Review Rendezvous – Vol. VI. Wir hören neue Platten mit Afrob

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In dieser Kolumne geht es um einen Dialog. Um ein Zwiegespräch zwischen Rapper und Rezensent. Und Afrob ist definitiv jemand, der etwas zu sagen hat. Seit mehr als zehn Jahren ist der ehemalige Stuttgarter in der hiesigen HipHop-Szene aktiv, hat als „Reimemonster“ zusammen mit Ferris MC einen der ersten deutschsprachigen Club-Tracks auf die Tanzflächen gebracht, mit „Made In Germany“ eine der politischsten Rap-Platten des Landes vorgelegt und wird nun im September endlich sein neues Album „Der letzte seiner Art“ veröffentlichen. Doch ehe sein Album kommt hat sich Afrob mit uns ein paar Platten angehört: Chali 2na / Fish Outta Water

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: Chali 2na war ja früher bei den Jurassic 5. Hast du das herausgehört oder geht die Platte deiner Meinung nach in eine ganz andere Richtung? Afrob: Nein, das habe ich nicht herausgehört. Ich hätte eher auf die Beatnuts getippt, aber diese Backpack-Rapper schmeißt man eben gerne mal in einen Topf. Ein paar Sachen wie „International“ mit Beenie Man waren zwar ganz ok, aber ich persönlich kann nicht allzu viel damit anfangen.

Ähnlich wie du hat auch Chali eine sehr eindringliche Stimme. Wie wichtig ist deiner Meinung nach die Stimme eines Rappers im Vergleich zu Wortgewandtheit, Technik und Flow? Man kann sich natürlich glücklich schätzen, wenn man mit einer einprägsamen Stimme gesegnet ist. Dann ist es auch fast egal, was und wie man rappt. Aber bei ihm hat meiner Meinung nach das Gefüge zwischen Musik und Text nicht ganz gepasst. Ich hatte den Eindruck, dass er sich zwar ganz wohlfühlt mit dem, was er macht, aber das war nie ein Sound, den ich gerne gehört habe. Ich mag eben auch poppig angehauchte Rap-Musik, die sauber produziert ist, aber trotzdem rugged. So was wie Mobb Deep zum Beispiel, die flüssig klingen, eine Dynamik haben, aber trotzdem aus einem Guss. Chali 2na ist mir fast schon zu vielseitig und zu verspielt. Ich mag es eher etwas straighter. Der Song „Don’t Stop“ wurde bereits 2006 im Videospiel „NBA Live 06“ untergebracht. Du warst ja auch mal Synchronsprecher in „Marc Ecko’s Getting Up“. Liegt darin eine Zukunft für Rap? Als direktes Sprungbrett für einen Rapper sehe ich das nicht, aber man sollte auch keine Berührungsängste damit haben, zumal da echt noch Kohle zu holen ist. An der Videospielbranche ist die Krise doch weitgehend vorbei gelaufen.

Chali hat im letzten Jahr zusammen mit Prince Paul und ein paar Anderen unter dem Namen Dino 5 ein Rap-Album für Kinder herausgebracht. Wäre so etwas für dich auch vorstellbar? Lustig, dass du das sagst, denn Harris wollte auch so etwas machen. Der hat mich ein paar Mal angerufen, aber ich habe es einfach nicht geschafft, weil ich mit dem Album zu beschäftigt war. Aber solange man nicht mit erhobenem Zeigefinger zu denen spricht, finde ich das cool.


Jay Dilla / Jay Stay Paid

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Illustration: Julia Schubert

Jay Dee gilt ja als einer der einflussreichsten HipHop-Beatbastler überhaupt. Siehst du das genauso? Na klar. Ich liebe einfach den Jay Dee-Sound mit dieser lauten Snare, der trockenen Bassdrum und dieser Reduziertheit. Man fragt sich immer, wie die das hinkriegen und was die wohl für ein Equipment zuhause haben. Und ich sage dir: Einen Dreck! Der Typ hatt mit einem Billig-Keyboard gearbeitet.

Die meisten Stücke sind instrumental gehalten. Was hältst du generell von Instrumental-HipHop-Alben? Ich höre ja ständig Musik ohne Text beim Schreiben. Und wenn mir ein Song gefällt, dann muss ich dazu nicht zwangsläufig Raps drauf haben. Vor allem bei Dilla-Songs: Die animieren einfach zum Rappen. Wenn die Eins und die Zwei so definiert sind wie bei ihm, dann kommt immer das Urtriebige aus einem heraus. Seit seinem Tod 2006 sind bereits einige Jay Dee-Alben veröffentlicht worden. Was hältst du davon, nach dem Tod eines Künstlers deren Festplatten zu plündern und Material von ihnen zu veröffentlichen? Ich will niemandem unterstellen, dass er nur Asche damit machen will. Es gibt sicherlich auch genug Leute, die einfach etwas zurückgeben wollen. In diesem Fall haben ja Jays Mutter und Pete Rock an der Zusammenstellung gearbeitet, sodass die Veröffentlichung über jeden Zweifel erhaben ist. Und diese Leute werden auch immer die größte Aufmerksamkeit bekommen, denn die Medien wollen schließlich auch eine gute Story dazu haben.

Würdest du wollen, dass im Falle deines Todes bisher unveröffentlichtes Material von dir ans Tageslicht kommt oder hat es einen Grund, dass bestimmte Sachen von dir bisher unter Verschluss geblieben sind? Ich würde demjenigen, der das Zeug findet, auf jeden Fall Respekt zollen. Fünf Festplatten von fünf verschiedenen Rechnern – das wäre eine Menge Arbeit. Genauso wie ich denjenigen bewundern würde, der es schafft, all meine Features zusammen zu kriegen. Ich bin der meistgefeaturete Artist in diesem Land. Das waren wirklich weit über 50. Für das ASD-Projekt mit Samy hattet ihr zum Song „Komm schon“ auch einen Beat von Dilla bekommen. Ja, dafür ist er sogar extra nach Deutschland gekommen. Und während ich ihn total zugetextet habe, hat er kaum ein Wort gesagt, ab und zu mal höflich gelächelt und ansonsten nur an seiner MPC gesessen. Das war wirklich ein super entspannter Typ. Ich bin wirklich froh, dass ich mal mit ihm arbeiten konnte, aber ich würde mich noch mehr freuen, wenn er noch leben würde.


Mos Def / The Ecstatic

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Illustration: Julia Schubert

Was hältst du von Mos Def? Mos Def ist ein Weltklasse-Rapper, aber er kann leider keine Beats picken. Nach sechs Liedern konnte ich das Album nicht mehr weiterhören. Ich mag dieses Experimentelle nicht so gerne. Aber er ist eben auch ein Esoteriker, der auf Musik flasht. Ich stehe mehr auf Rapper, die auf Rap flashen. Mir fehlt da der richtige HipHop-Bezug. Wahrscheinlich ist er einfach schon zu sehr Film-Star. Dabei hat der mit Jay Dee, Chad Hugo und Madlib doch durchaus renommierte Produzenten auf der Platte. Aber große Namen sind nun mal nicht alles. Ich habe auch schon mal 15 Beats von Kanye West bekommen, aber die waren alle Mist. Für meine Platte wäre auf dem Mos Def-Album nichts dabei gewesen.

Mos Def hat auf seinen Platten auch immer schon viel gesungen. Kannst du dem etwas abgewinnen? Ja, das finde ich cool. Der hat eine super Stimme. Er ist zwar nicht der krasseste Sänger, aber er ist sehr intelligent und weiß, wie er was singen muss, damit er am Ende auch die Töne trifft. Das mag ich. Mos Def hat angekündigt, dass es statt seiner CD am Releasetag für 39 Dollar ein T-Shirt zu kaufen gibt, dem ein Anhänger beiliegt, auf dem die Adresse einer Website abgebildet ist, wo man sich sein neuestes Werk herunterladen kann. Was hältst du von dieser Idee? Die Idee finde ich gut. Wenn ich auch so einen Aufwand betreiben könnte, würde ich das wahrscheinlich ebenfalls machen. Aber Mos Def ist in den USA eben ein großer Star, der kann sich das leisten. An den sinkenden Plattenverkäufen wird er damit aber dennoch nichts ändern können.

Mos Def hat sich mittlerweile als durchaus amtlicher Schauspieler etabliert. Ein Weg, den du mit „Leroy“ und „Kopf oder Zahl“ ja mittlerweile auch für dich entdeckt zu haben scheinst. Wird da noch mehr kommen? Nein, da habe ich keine Ambitionen. Es war sehr interessant, hat auch Spaß gemacht, aber das wird kein zweites Standbein von mir werden.


Kollegah & Farid Bang / Jung, brutal, gutaussehend

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Illustration: Julia Schubert

Nach deinem Gesichtsausdruck zu urteilen hältst du nicht viel von dem Album. Nein, das täuscht. Ich würde so eine Platte definitiv anders machen, und auch der Titel ist nicht mein Programm. Man muss halt wissen, was einen erwartet.

Bist du generell kein großer Freund von Gangsta- oder Streetrap? Man glaubt es mir vielleicht nicht, aber das bin ich. Bei manchen Sachen fehlt mir aber die gewisse Tiefe und persönliche Komponente. Das Problem von Gangsta-Rappern ist ja nicht, dass die Typen asoziale Sachen sagen, sondern dass sie es bis jetzt nicht geschafft haben, den Leuten zu erklären, warum die so sind. Das, was die meisten Gangsta-Rapper veranstalten, ist leider bloß Theater. Die hätten aber alle was zu sagen, wenn die mal richtig aufmachen und von sich erzählen würden. Dann kann man das auch feiern. Kollegah gilt für einige als die Zukunft des Rap. Wie siehst du das? Das kann ich nicht verstehen, auch wenn Kollegah natürlich eine lang vernachlässigte Nische besetzt hat: Gegelter Mitteleuropäer mit engen Hemden und ein bisschen Geld auf der Tasche. Damit bedient er eine kaufkräftige Zielgruppe. Ist die Neuerung nicht eher die, dass er technisch anspruchsvollen Gangsta-Rap macht? Vielleicht auch. Das technische Level hat er schon angehoben, das macht er nicht schlecht. Da fand ich Farid beim zweiten Durchhören schon besser.

Farid Bang disst an mehreren Stellen auf der Platte Samy Deluxe, mit dem du gut befreundet bist. Ärgert dich das? Natürlich. Aber was kümmert es die, was Samy für ein Album macht? Man kann die Leistung eines Mannes doch auch einfach mal respektieren. Ich habe kürzlich sogar mit Farid darüber gesprochen, und er findet die Fokussierung auf diesen Aspekt überbewertet. Er ist kein Samy-Hater, sondern hat einfach ein paar Sprüche gebracht. Kannst ihn selbst danach fragen.


Michelmann und der Party Bass Mob / Feiern bis zum Reiern

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Illustration: Julia Schubert

Die Songs haben Titel wie „Bier rein, Titten raus“, „Feiern bis zum Reiern“ und „Girlz wanna have Schwanz“. In der Presseinfo steht: „Der eine Teil der Szene sieht in Michelmann und seiner Musik bloßen Arschwackel-Rap mit Ballermann-Niveau, während der andere Teil darin ein Muss für jeden Hip Hop Fan mit Humor erkennen kann.“ Was ist es für dich? Auf jeden Fall das zweite. Natürlich ist das Ballermann in hart, damit müssen die leben. Das findet man entweder richtig scheiße oder richtig geil. Und ich finde es richtig geil. Es ist ja auch nicht so, dass die von HipHop keine Ahnung hätten. Die haben deutsche Vocal-Samples und Zitate auf der Platte, mit denen man nicht gerechnet hätte. Ich feier das und nehme das auch ernst für das, was es ist. Mit zunehmendem Alter habe ich gelernt, Leute in ihrem Kontext zu akzeptieren.

Meinst du, das würde auf Mallorca funktionieren? Klar, wenn das Proletariat aus Ostwestfalen mit diesen Tracks einreitet, dann haben die da ihren Spaß. Es passt ja auch zu Deutschland. Wir sind eben nicht Amerika und fahren stylisch an einen schönen Beach nach Mexiko. Wir sind eben asi und fahren an den Ballermann. Man muss den Tatsachen ins Gesicht sehen. Aber es ist doch furchtbar, wenn man sich als Deutscher von so was repräsentieren lassen muss. Das ist ja nicht die Essenz aus Deutschland. Aber eben auch. Damit müssen wir leben. Es gibt solche Asis. Und die wollen so was hören. Auf „Bier rein, Titten raus“ ist Eko Fresh zu hören. Hat das für dich gepasst? Geile Strophe von Eko! Was rappt er da noch mal? „Das ist nicht das Bo: Türlich, türlich, sicher Digger/das ist der Knast-Flow, Türken, Türken hinter Gittern.“ Da muss selbst Bo lachen, das schwör ich dir. Aber Eko ist eh der Hammer. Der kann richtig tight rappen. Der liegt auf dem Beat wie die Amis.

Auf „So schön“ ist Jürgen Drews gefeaturet. Nur konsequent oder peinlich? Ein bisschen peinlich war es: Aber wenn schon, denn schon. Ich fand es auch cool von Drews, dass der da mitgemacht hat. Das spricht auf jeden Fall für ihn. Hättest du dir vor 10 Jahren vorstellen können, dass eine Rap-Combo mal einen Song mit Jürgen Drews macht? Nein. Aber alle Rapper, die nach 2000 gekommen sind, haben das möglich gemacht. Jeder einzelne. Und ich finde das gut. Und hier die Alltime-Album-Top-Fourteen von Afrob: - Public Enemy / It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back - KRS One / The Return Of The Boom Bap - N.W.A. / Straight Outta Compton - Ice Cube / Amerikkkas Most Wanted - Kanye West / Graduation - The Game / The Documentary - Young Jeezy / Lets Get It: Thug Motivation - 50 Cent / Get Rich Or Die Trying - Nas / Stillmatic - Alles von RA The Rugged Man!!!!!!! - Snoop Dogg / The Last Meal - C-N-N / The War Report - Erick Sermon / Chilltown New York - Slum Village / Fantastic: Volume II

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