Rap Review Rendezvous – Vol. VII. Wir hören neue Platten mit Prinz Pi

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In dieser Kolumne geht es um einen Dialog. Um ein Zwiegespräch zwischen Rapper und Rezensent. Und insbesondere wenn es um Inhalte geht, kommt man an Prinz Pi eigentlich nicht vorbei. Mit seiner letzten Platte „Neopunk“ war Pi noch in vielerlei Hinsicht auf Abwegen unterwegs, doch derzeit begibt er sich mit seinem aktuellen Album „Teenage Mutant Horror Show II“ wieder zurück in alte Gefilde und tut das, was er am besten kann: Nämlich Inhalte über Beats legen, wie sein aktuelles Video „Elfenbeinturm“ einmal mehr beweist:

Aber jetzt geht es los mit dem Rap Review Rendezvous und La Coka Nostra - "A Brand You Can Trust"

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: Die Platte heißt „A Brand You Can Trust“, das schürt Erwartungen. Konnte das Album diesen Erwartungen gerecht werden? Prinz Pi: Ja, ich fand das Album ganz cool. Zu drei Fünfteln rekrutiert sich La Coka Nostra aus dem alten House Of Pain-Trio bestehend aus Everlast, Danny Boy und DJ Lethal. Hast du das herausgehört? Nein, aber ich wusste das bereits. Außerdem sind ja noch Slaine und Ill Bill dabei. Von Ill Bill und seiner Crew Non Phixion war ich immer schon ein großer Fan. Ich finde es cool, dass es endlich mal wieder so eine richtige Supergroup gibt, denn seit dem Wu-Tang Clan und den Diplomats gab es nichts Vergleichbares mehr in Amerika. Aber ich mag solche Bands, weil durch das gemeinsame Miteinander immer ein ganz spezieller Sound entsteht. „That’s Coke“

Das letzte House Of Pain-Album kam 1996 raus, seitdem hat sich Everlast eher seinem Songwriter-Blues gewidmet, DJ Lethal mit Limp Bizkit dem Nu Metal, und Danny Boy war komplett von der Bildfläche verschwunden. Hast du den Eindruck, dass sie Ill Bill und Slaine als Kreativ-Motoren gebraucht haben, um überhaupt wieder gemeinsam Rap-Musik machen zu können? Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, wenn die beiden nicht dabei gewesen wären, wäre die Platte ganz anders ausgefallen. Die Band besteht komplett aus Weißen, alle Mitglieder sind jenseits der 30-Jahre-Grenze und haben offensichtlich ein Faible für Rock-Mucke – sind also das genaue Gegenteil vom herkömmlichen amerikanischen HipHop-Klischee. Fühlst du dich dadurch mehr angesprochen? Nein, überhaupt nicht. Ich finde die Musik ja nicht besser, bloß weil jemand dieselbe Hautfarbe hat wie ich. Everlast ist von seiner Lebensrealität genauso weit von mir weg wie Kanye West. Damit kann ich mich genauso wenig identifizieren. Auf dem Album gibt es einige Songs, auf dem Rock-Elemente eingebunden wurden. Bist du generell ein Freund von Moshpit-Rap? Ja, auf jeden Fall. Aber Rock ist eben auch ein Genre, das man in andere Musikrichtungen einbauen kann und ich finde es immer gut, wenn man musikalisch etwas anderes macht – auch wenn man es natürlich tunlichst vermeiden sollte, auf Krampf zwei Welten miteinander zu verbinden. Aber hier ist das schon gelungen, wenngleich ich auch die klassischen Rap-Tracks etwas stärker finde.


Slaughterhouse - "Slaughterhouse"

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Illustration: Julia Schubert

Auch Slaughterhouse um Joell Ortiz, Royce Da 5’9, Joe Budden und Crooked I nennen sich selbst eine HipHop-Supergroup. Findest du diese Bezeichnung berechtigt? Eigentlich nicht, denn für mich sind das allesamt keine Erstliga-Künstler. Gut, Royce Da 5’9 wurde mal ein bisschen von Eminem gepusht und Joell Ortiz war mal bei Dr. Dres Label Aftermath, aber krassen Erfolg hatten die nicht. Um ehrlich zu sein, finde ich die alle ziemlich bescheuert. Lediglich die beiden Features von Pharoahe Monch und Fatman Scoop finde ich cool, aber als Gesamtpaket zeckt mich das überhaupt nicht. Man hört denen auch ihre Verbitterung an, weil sie nie irgendwas gerissen haben. „The One“

Was du als Verbitterung beschreibst, hätte ich einfach als düster bezeichnet. Dennoch gibt es mit „Lyrical Murderers“ und „Rain Drops“ zwei Songs mit gesungenen R’n’B-Refrains, die für mich den Eindruck erwecken, als wären sie auf mögliche Mainstreamtauglichkeit produziert. Ja, das mag sein. Aber so eine Kalkulation führt letztlich zu nichts, denn wenn sie nicht wirklich drauf stehen, dann wirkt es so deplatziert wie hier. Mir persönlich gefällt das auch überhaupt nicht, weil ich sowieso kein großer R’n’B-Fan bin. Joell Ortiz sagt an einer Stelle auf dem Album: „Hello HipHop, goodbye Music.“ Wie deutest du diese Aussage? Damit kann ich überhaupt nichts anfangen. Vielleicht hat der vorher irgendwas geraucht. Wenn er gesagt hätte „Goodbye HipHop, hello Music“, dann hätte ich es ganz cool gefunden, weil man es dann so deuten könnte, dass man HipHop aus seinem Genregefängnis befreit. Denn HipHop ist eben die facettenreichste und erfolgreichste Musikrichtung, wird aber immer in so eine merkwürdige Sparte gesteckt. Aber so, wie er den Satz gesagt hat, macht er für mich keinen Sinn. Dieses HipHop-Supergroup-Modell scheint sich in Amerika zunehmend durchzusetzen. Mit welchen Rappern könntest du dir hierzulande vorstellen, eine HipHop-Supergroup zu gründen? Ich würde auf jeden Fall Peter Fox fragen, weil der krasse Refrains macht, super Texte schreibt und auch noch geil produzieren kann. Dann bräuchte man natürlich noch jemanden, der hübsch ist, für die Ladies. Da böte sich wahrscheinlich am ehesten Casper an, weil der ja der gefühlvolle, leicht schmalzige Frauenschwarm-Typ ist. Als nächstes müsste man jemanden finden, der total aus der Reihe tanzt. Jemanden, der sehr intellektuell ist, obwohl er das eigentlich gar nicht sein will – Kollegah zum Beispiel. Außerdem noch Jan Delay. Den habe ich in der Vergangenheit zwar oft wegen seiner Stimme gedisst, aber er ist natürlich trotzdem ein super Musiker. Man könnte außerdem seine Stimme runterpitchen, sodass er am Ende klingt wie ein klassischer Opernsänger. Und am Ende bräuchten wir noch jemanden wie MC Basstard für die präzisen Stakkato-Raps. Q-Tip - "Kamaal The Abstract"

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Illustration: Julia Schubert

Was hältst du generell von Q-Tip als Rapper? Q-Tip und A Tribe Called Quest sind für mich der Inbegriff von Eastcoast-Kiffer-HipHop, den man super nebenbei zum Joint drehen hören kann. Dieser Sound ist wie ein warmer Teppich, in den man sich einrollt. Wie eine New Yorker Wohnung, die total zugemüllt, aber trotzdem gemütlich ist. Alles ist irgendwie alt und schön. Man stellt sich vor, dass die ihre Beats immer noch mit der MPC bauen oder gleich richtige Instrumente benutzen. „Damn You’re Cool“

Die Platte hätte eigentlich schon 2001/2002 veröffentlicht werden sollen, allerdings hatte Q-Tip damals Probleme mit seiner Plattenfirma, sodass das Album lange Zeit auf Eis lag. Hört man ihr an, dass sie bereits ein paar Jährchen auf dem Buckel hat? Produktionstechnisch ist sie auf jeden Fall nicht mehr zeitgemäß, aber ich finde das nicht schlimm. Ich stehe auf diesen Golden-Era-Sound. Q-Tip selbst sieht sich mit diesem Album als Vorreiter dessen, was Outkast später gemacht haben. Würdest du ihm dahingehend zustimmen? Nein, auf keinen Fall. Outkast erfinden sich ja wirklich mit jedem Album neu und sind dem Rest der Welt immer um Jahre voraus. Andre 3000 ist ein kompletter Freak und absolut durchgedreht, dagegen ist Q-Tip vollkommen harmlos. Ich weiß schon, was Q-Tip meint, aber Outkast sind dennoch viel weiter gegangen als er.


Kitty Kat - "Miyo!"

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Illustration: Julia Schubert

Was hältst du von Kitty Kat als Rapperin? Das ist immer ein bisschen schwierig mit Frauen, die rappen. Dann wird immer gleich behauptet, dass es außer ihr keine anderen Rapperinnen geben würde, aber das ist natürlich totaler Quatsch. Sabrina Setlur ist nach wie vor die erfolgreichste deutsche HipHop-Künstlerin, daneben gab es aber immer auch Frauen wie Cora E, Meli, Bahar, Piranja, Fiva oder Nina MC. Kitty Kat kann auf jeden Fall rappen, aber wenn man sich im Internet das Feedback zu ihr anguckt, finde ich es ein bisschen gemein, dass es ständig bloß nur um ihr Aussehen geht. Bei einem Rapper würde nie jemand sagen, dass das Kinn etwas zu kantig ist oder die Nase nicht zum Rest passt. Bei ihr schon. „Braves Mädchen“

Rap ist eben leider sehr männerlastig, sodass die Typen bei einer Frau natürlich immer auch ein bisschen aufs Aussehen gucken. Ja, das ist das Tragische. Eigentlich ist sie ja recht hübsch, aber die Leute regen sich über ihr Kinn auf oder über ihre Größe. Aber viele von denen, die in den Foren über sie schreiben, haben wahrscheinlich gar keine Freundin und lassen ihren Frust über die Frauenwelt dann dort ab. Denn eigentlich sollte es ja um die Musik gehen und die finde ich in ihrem Fall gar nicht schlecht. Vor allem hat sie eine sehr gute Stimme. Du hast am Anfang gesagt, dass Frauenrap immer etwas schwierig ist. Was meinst du damit? Wenn tausend Männer rappen, gibt es darunter ja auch nur wenige, die richtig gut sind. Aber auf tausend rappende Männer, kommen maximal hundert Frauen – wahrscheinlich noch weniger. Und die Chance, dass dann jemand dabei ist, der richtig gut ist, ist eben statistisch sehr gering. Das heißt nicht, dass Frauen generell schlechter rappen können, aber es machen einfach viel zu wenige. „Bitchfresse“ Wie schätzt du denn ihre Erfolgschancen ein? Ich weiß nicht genau, wer bei ihr die Zielgruppe ist – wahrscheinlich schon eher Mädels. Und im Zweifelsfall laden die sich vermutlich weniger Platten runter als Jungs und kaufen sie stattdessen regulär im Laden. Sicherlich gibt es auch Songs, die man als Mann cool finden und nachvollziehen kann, aber manche Lieder richten sich relativ deutlich an ein weibliches Publikum. Hörst du ihr ihre kurze Aggro Berlin-Vergangenheit an? Ja, auf jeden Fall. Das, was sie jetzt macht, dass ist schon teilweise sehr prollig. Und das ist es schließlich, was Aggro gemacht hat: Proleten-Musik. "In The Lab" – Eine HipHop-Dokumentation

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Illustration: Julia Schubert

Mochtest du den Film? Ich habe ihn mir mit großem Genuss angesehen. Ich habe einfach ein Faible für Trash. Das heißt also, er hat dir nicht gefallen. Was hat dir denn gefehlt? Inhaltlich fand ich ihn gar nicht so schlecht. Ich fand die Leute aus Berlin ganz interessant, besonders Ceza. Das ist einfach einer der mit seiner Technik komplett von gut und böse entfernt ist. Der ist richtig gut. Andere wiederum fand ich unfreiwillig komisch, Curse zum Beispiel. Ich fand die Doku vom Aufbau und Schnitt sehr schlecht, das plätscherte alles vor sich hin und hatte weder Anfang noch Ende. Da gibt es auf jeden Fall Dokumentationen, die schlüssiger gemacht sind. Dir hat also ein roter Faden gefehlt? Ja. Ich könnte mir auch vorstellen, dass potentielle Zuschauer andere Dinge mehr interessieren würden. Wenn man sich als junger Mensch zum Beispiel dazu entschließt, Musiker zu werden, ist das ja eine sehr spezielle Berufswahl, so dass ich es spannend gefunden hätte, auch mal die Verwandten der Musiker zu Wort kommen zu lassen und zu hören, was die davon halten. Natürlich sollte es vorrangig um die Protagonisten selbst gehen, aber das Umfeld gehört immer dazu. Oder wie es ist, wenn man der einzige Tupac-Anhänger aus Hintertupfingen ist, wie man also den urbanen HipHop-Lifestyle aufs ländliche Leben überträgt. Das fände ich interessant. „In The Lab“-Trailer

Wie beurteilst du die Auswahl der Protagonisten? Das war schon ein ganz guter Querschnitt. Da war jemand dabei, der eher für etwas intellektuellere Musik steht wie Curse, dann Leute mit massig Street-Credibility wie die Berliner Gangster um Killa Hakan oder Alpa Gun, dann gab es Newcomer wie Animus, jemanden wie Olli Banjo, der ein richtiger Musiker ist und auch mal über den Tellerrand schaut – da war also schon für jeden Geschmack etwas dabei. Der Regisseur Engin Altinova hat teilweise im Obdachlosenheim gewohnt, weil er kein Geld für die Miete hatte, hat aber trotzdem mehrere Jahre lang daran gearbeitet, die Dokumentation fertigzustellen. Konntest du das investierte Herzblut erkennen? Nein, für mich als Zuschauer war das nicht ersichtlich. Aber wenn da jemand sein eigenes Geld reingesteckt hat, mehrere Jahre damit beschäftigt war und ganz viel Liebe investiert hat, dann ist es natürlich eine coole Sache. Wie beurteilst du die anstehenden Filmprojekte von Bushido und sido? Ich finde das cool. Darüber kann man sich doch erstmal nur freuen, denn das bringt die Kultur auf jeden Fall weiter. Und wenn HipHop durch die Einbindung guter Schauspieler und Regisseure etwas mehr an Seriosität gewinnt, dann legitimiert das die Kultur doch noch mehr und wirft ein positives Licht auf uns alle. Auf der nächsten Seite noch die Lieblingsplatten von Prinz Pi


Alltime-Album-Top-Five: 1. Beatles – "Sgt. Pepper´s Lonely Hearts Club Band" Ein Album, das auf so viele Arten zukunftsweisend und seiner Zeit voraus war. Ein in sich stimmiger Mikrokosmos. 2. They Might Be Giants – "Apollo 13" Spitze, spitze, spitze! Die Kings nehmen niemanden ernst, schon gar nicht sich selbst. 3. Andreas Dorau – "70 Minuten Musik ungeklärter Herkunft" Großmeister Dorau macht alles selbst, weil er alles am besten kann. 4. Eminem – "The Slim Shady LP" Sein stärkstes und traurigstes Album, damals absolut weltklasse. 5. Jay-Z – "The Blueprint" Auf diesem Album hatte Jigga auf jeden Fall die dickste Lippe und die dicksten Eier, die potentiell möglich sind. Aktuelle Album-Top-Five: 1. Bob Dylan – "The Times They Are A-Changin’" Der schmalschultrige Bob zerfickt immer noch alles und jeden mit nur einer Klampfe und einem sehr irren Taktgefühl. 2. Manowar – "Gods Of War" Gerade erst wieder entdeckt als musikalische Kraftsportbegleitung. Pompöser, schlecht komponierter Schwachsinn, der mit größtem Ernst vorgetragen wird. 3. Sefyu – "Suis-je le gardien de mon frère?" Das erste Album ist auf jeden Fall sein Schlüsselwerk und ein ganz, ganz großer Klassiker. 4. The Shins – "Oh, Inverted World" Da waren sie noch die nerdigen, angematschten Softies, die ich so geliebt habe. 5. GZA/The Genius – "Liquid Swords" Auch gerade erst wieder entdeckt: „Another Wu-Tanger Headbanger from the 36th Chamber.“ Fickt moderne MCs im Handumdrehen.

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