Rap Review Rendezvous. Wir hören neue Platten mit DJ Explizit (Main Concept)

Jeden Monat sprechen wir mit einem Vertreter aus dem HipHop-Kosmos über fünf aktuelle Rap-Veröffentlichungen. Heute mit DJ Explizit (Main Concept) über aktuelle Neuerscheinungen.
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Illustration: Julia Schubert

(Foto: Maria Böhm) Als ein Drittel der Formation Main Concept hält DJ Explizit die Fahne für Rap-Musik aus dem Süden seit knapp zwanzig Jahren konstant hoch. Er war seinerzeit Teil der legendären Klasse von 94/95, ist als DJ nach wie vor noch regelmäßig in den Clubs der Nation aktiv und hostet derzeit gemeinsam mit Sepalot (Blumentopf) und Ben Mono die Radioshow „Ego Trippin’“ auf Ego FM, in der er jeden 2. und 4. Samstag im Monat zu hören ist. Aber auch bei Main Concept brodelt es wieder heftig – für dieses Jahr ist bereits ein neues Album in Planung. „Der 58er“:

Aber jetzt geht es los mit dem Rap Review Rendezvous und

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Illustration: Julia Schubert

Diam’s - "S.O.S." jetzt.de: Die französische Rapperin Diam’s ist in ihrem Heimatland ein absoluter Superstar, hatte dort bereits mehrere Hit-Singles in den Charts und wird dort in einem Atemzug mit sämtlichen sonstigen Rap-Größen des Landes genannt. Wenn man hierzulande an erfolgreichen Frauenrap denkt, fällt einem außer Sabrina Setlur nicht sonderlich viel ein. Woran liegt das? DJ Explizit: Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung. Vielleicht liegt es daran, dass viele Frauen zu stark den Männern nacheifern. Bei Diam’s habe ich erst gar nicht geblickt, dass es sich dabei um eine Frau handelt, weil sie eben auch sehr hart und männlich klingt. Und bei der soundästhetischen Verlagerung zu mehr Straßen- und Gangsta-Rap wird es Frauen heutzutage noch schwerer gemacht. „Enfants Du Désert“:

Einen großen Teil seines Reizes bezieht Rapmusik aus dem Spiel mit der Sprache. Wie war es hier: Sprichst du französisch? Nein, deshalb konzentriere ich mich bei französischem Rap vor allem aufs Musikalische. Und wenn mir das zusagt, gefällt mir auch so eine Platte. „S.O.S.“ war mir insgesamt aber ein bisschen zu melodramatisch und hat mich auf Albumlänge irgendwann gelangweilt. Ihr Flow ist zwar nicht schlecht, aber insgesamt fehlt mir da die Funkyness. Mit dem Stück „Peter Pan“ gibt es auch eine Anti-Erwachsenwerd-Hymne auf der Platte. Würdest du auch gerne noch mal jünger sein, um HipHop heute noch mal vollkommen neu und unbedarft zu erleben? Nein, die Erfahrungen habe ich ja bereits gemacht. Und ob ich tatsächlich Lust hätte, die HipHop-Szene heute noch mal als Jugendlicher zu erleben, kann ich nur schwer beantworten. Dafür bin ich wohl auch einfach schon zu befangen. So, wie es damals war, war es cool für mich, das hat mich gecatcht, war neu und frisch. Da habe ich mich wiedergefunden und bin dann dabei geblieben. Aber wenn ich erst später gekommen wäre, hätte ich vielleicht auch etwas ganz anderes gemacht – wer weiß.

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Illustration: Julia Schubert

RJD2 - "The Colossus" Die Musik von RJD2 wird häufig als Intrumental-HipHop bezeichnet. Trifft es das deiner Meinung nach? Eigentlich nicht, zumindest nicht mehr, denn sein aktuelles Album ist sehr viel vocallastiger als seine letzten LPs. Auch die Produktion von „The Colossus“ klingt sehr viel cleaner als früher, aber trotzdem durchaus stimmig. Ich bin immer schon ein großer Fan von RJD2 gewesen, und auch das neue Album gefällt mir sehr gut. Es passt hervorragend in unsere Zeit. RJD2 selbst hat das Album gleichermaßen als kaleidoskopischen Blick nach vorne als auch zurück bezeichnet. Siehst du das ähnlich? Er ist mit dem Album auf jeden Fall neue Produktionswege gegangen, benutzt viel Gesang und hat viele Melodien eingearbeitet – insofern wirft er sicherlich einen Blick nach vorne. Trotzdem orientiert er sich immer auch noch zu einem gewissen Grad an seinen früheren Sachen und weiß um seine Wurzeln. „Let There Be Horns“

In einem Interview mit ihm stand zu lesen, dass sich seine musikalische Herangehensweise immer schon sehr stark an Popmusik orientiert, er dabei jedoch stets versucht hätte, das Direkte und Unmittelbare von Funk- und HipHop-Platten in seine Musik einzubauen. Ist diese Beschreibung für dich nachvollziehbar? Ja, zumindest auf dem neuen Album kann man das ganz deutlich heraushören. Er öffnet sich darauf durchaus dem Mainstream, ohne jedoch den alten Flavour vermissen zu lassen. Ich kann mir das wirklich super anhören, das ist momentan eines meiner absoluten Lieblingsalben.


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Illustration: Julia Schubert

Wale - "Attention Deficit" Bereits vor Veröffentlichung seines Debütalbums wurde Wale wahnsinnig gehypt und war 2009 einer der Rap-Newcomer des Jahres. Ist „Attention Deficit“ diesem Hype gerecht geworden? Auf jeden Fall. Guter Rapflow, gute Lyrics, gutes Gefühl – „Attention Deficit“ ist wirklich eine ganz hervorragende Platte. Die ist zwar relativ mainstreamig geworden, aber ich kann sie trotzdem sehr gut durchhören. Was ist denn so besonders an Wale? Was macht die Platte für dich aus? Ich mag seinen Flow, ich mag seine Stimme und ich mag es, wie er sich an die verschiedenen Beats anpasst. „Diary“ mit Marsha Ambrosius gefällt mir besonders gut. Oder „Mirrors“ mit der Mark-Ronson-Produktion. Wale bringt von den Sounds und den Styles einfach eine gute Mischung, seine Lyrics sind super und die Platte ist musikalisch relativ breit gefächert. „Diary“:

Wale hat auch einen Song mit Lady Gaga gemacht, was natürlich viel Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt hat. Passt diese Kombination für dich zusammen? Sagen wir so: Es ist auf jeden Fall konsequent. Das ist ein Statement. Ich selbst finde Lady Gaga nicht sonderlich toll, aber sie passt schon in den Kontext. Wenn ich den Song auflege, gehen die Leute auf jeden Fall drauf ab – insofern war es natürlich ein cleverer Schachzug, ausgerechnet diesen Song als Single auszukoppeln. Wale hat gesagt, dass es ihm bei seiner Musik vor allem darum ginge, Songs zu machen, mit denen sich die Leute identifizieren können, anstatt dem HipHop-Klischee entsprechend nur über Nutten, dicke Autos und Geld zu reden. Sind die Inhalte der Platte bei dir angekommen? Ich habe jetzt nicht alle Texte auf der Uhr, aber seine Lyrics hören sich auf jeden Fall nicht total verblödet an. Der scheint schon darüber nachgedacht zu haben, was er sagen will und geht viele Themen mal ein wenig anders an. Man kann das vielleicht ein bisschen mit Kanye West vergleichen, der ja auch nie von sich behauptet hat, er sei nun der neue Snoop Dogg. Und Wale bringt das ähnlich smart rüber.

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Illustration: Julia Schubert

Blakroc - "Blakroc" Beim „Blakroc“-Album handelt es sich um eine Crossover-Platte, auf der Gitarrenmusik mit Rap gekreuzt wurde. In der Vergangenheit ist diese Mischung bisher häufig schief gegangen. Wie schlagen sich Blakroc deiner Meinung nach? Na ja, das muss man schon noch ein bisschen differenzieren, denn auf der Platte wurde schließlich Blues mit HipHop kombiniert. Aber ich finde das Album super, das passt wunderbar zusammen. HipHop hat seine Wurzeln ja auch im Blues, insofern müsste man sich eigentlich mal die Frage stellen, warum es so lange gedauert hat, bis die beiden Genres mal auf Albumlänge aufeinandertreffen – denn in dieser Form habe ich das bisher noch nirgendwo anders gehört. Verantwortlich für dieses Projekt ist das Bluesrock-Duo The Black Keys, die sich vor allem durch ihre reduzierte Produktion auszeichnen. Wie stehst du generell zu einem solchen LoFi-Ansatz? Ich mag diesen Vintage-Sound, bei dem alles rough und schmutzig produziert wird. Die Drums hätten vielleicht ab und an mal ein bisschen mehr Bumms vertragen können, aber dieser Garagen-Flavor ist ja sicherlich beabsichtigt. Auch die Auswahl der MCs und Sänger passt hervorragend, das ist wirklich eine sehr gelungene Platte geworden. „Ain’t Nothing Like You“

Bei zwei Tracks dachte ich zuerst, Jay-Z wäre dabei – ist er aber nicht. Die Parts stammen von NOE, der nicht nur stimmlich, sondern auch von seiner Delivery wie ein Jay-Z-Klon wirkt. Ist er dir aufgefallen? Ja, allerdings – obwohl man schon merkt, dass es nicht Jay-Z ist. Der war vermutlich zu teuer. Ich sehe das aber auch nicht so eng, wenn sich Leute in ihrer Art ähneln. Mir ist viel wichtiger, dass es die Rapper gut machen und es am Ende anständig klingt. Ich wäre manchmal sogar froh darüber, wenn es ein paar mehr Leute gäbe, die so klingen würden wie Jay-Z. Aber ein MC sieht das vermutlich anders, weil der sich natürlich über seinen Style definiert. Auf dem Opener ist Ol’ Dirty Bastard gefeaturet, der vor einigen Jahren verstorben ist, aber immer mal wieder auf irgendwelchen Tracks auftaucht. Was hältst du von der posthumen Verwendung von Rap-Parts? Solange es passt und kein Schindluder damit getrieben wird, geht das für mich in Ordnung. Sicherlich geht es immer auch darum, Geld damit zu machen, aber wenn die Fans noch mal was von ihren alten Idolen zu hören bekommen, dann ist es doch schön. Bei Jay-Dee werden ja ebenfalls ständig alte Beats herausgekramt, darüber freut sich auch jeder. Und wenn solche Künstler über ihren Tod hinaus noch Beachtung finden, spricht meiner Ansicht nach erst einmal nichts dagegen.


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Illustration: Julia Schubert

Massive Attack - "Heligoland" Im letzten Jahr wurden Massive Attack für ihre tragende Rolle und ihren Beitrag zur britischen Musik mit dem Ivor Novello Award ausgezeichnet. Ist so eine Auszeichnung aus deiner Sicht gerechtfertigt? Für mich stehen Massive Attack schon für einen gewissen England-Sound, den sie mitgeprägt haben – vor allem mit ihren ersten beiden Alben. Aber wie groß ihr Verdienst für die britische Musik im Einzelnen ist, das lässt sich natürlich nur schwer bemessen. Wie reiht sich „Heligoland“ denn in diese Respektsbekundung ein? Bestätigt das neue Album eine solche Auszeichnung? Ich weiß nicht, ob man das wirklich als typisch englischen Sound bezeichnen kann, aber es klingt nach typisch Massive Attack. Immer leicht melancholische und depressive Klanggerüste, trotzdem aber oft mit einer positiven Grundatmosphäre. Mir gefällt die Platte zwar, aber ich muss dafür in der richtigen Stimmung sein. Aus dem Album wird sicherlich auch wieder ganz viel Hintergrundmusik für Dokumentationen, Reportagen, TV-Shows oder Werbeclips dabei sein. „Paradise Circus“

In vielen Gruppen bilden die Vokalisten das Gesicht einer Band. Massive Attack hat jedoch seit jeher ausschließlich mit Gastsängern gearbeitet. Findest du es dadurch schwieriger, die Band zu greifen? Nein, überhaupt nicht. Das ist für mich vollkommen irrelevant, um eine Band als Band identifizieren zu können. Gerade bei einer Gruppe wie Massive Attack, die eben auch eine sehr eigene Handschrift hat, tut das überhaupt nichts zu Sache. Eine Beschreibung, die ich zum Stil auf dem neuen Album gefunden habe, war „Gothic Soul“. Trifft es das deiner Meinung nach? Wenn man es ein bisschen ironisch meint, dann kann man das schon so stehen lassen. Ich habe jedoch immer ein Problem mit Schubladen, und für mich klingt „Gothic Soul“ auch ein bisschen merkwürdig und gezwungen. Aber von mir aus sollen es die Leute gerne so nennen. Nächste Seite: Die Lieblingsplatten von DJ Explizit - aktuell und Alltime!


Die aktuelle Album-Top-Five von DJ Explizit: RJD2 - "The Colossus" s.o. Mayer Hawthorne - "A Strange Arrangement" Eine super Platte, sehr gefühlvoll und schön gesungen. Eine richtig gutes Soul-Album, das mich im letzten Jahr extrem begeistert hat. Ich kann mir das immer wieder anhören und entdecke doch immer noch was Neues. Diamond District - "In The Ruff" Die Platte hat mich überrascht. Die haben BoomBap mit geilen Beats, guter Stimmung und tighten Rappern wieder zurückgebracht. Lediglich ein paar derbe Cuts fehlen noch. Wale - "Attention Deficit" s.o. Raekwon - "Only Bulit For Cuban Linx 2" Die Platte ist tatsächlich an den legendären ersten Teil herangekommen. „New Wu“ mit Method Man und Ghostface ist eine absolute Hymne und die Dilla-Produktionen sind großartig. Das Beste, was ich seit Jahren aus dem Wu-Tang-Clan-Kosmos gehört habe. ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ DJ Explizits Alltime-Album-Top-Five: Public Enemy - "It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back" Das ist meine Jugend. Als Public Enemy letztens in München war, durfte ich sogar vor ihrem Konzert auflegen, was mich zutiefst geehrt hat. Die haben damals einfach einen komplett neuen Sound ins Spiel gebracht, das war eine absolute Innovation. Diese Platte ist Bombe! Marvin Gaye - "I Want You Ein Stimmwunder an sich, aber Marvin Gaye hat mir auch inhaltlich aus der Seele gesprochen. Meiner Meinung nach der beste Soul-Sänger, den es je gegeben hat. Gang Starr - "Hard To Earn" Für mich ist das die Platte, auf der Gang Starr zu ihrem Sound gefunden haben. Eines der besten Alben ever, sowohl in Sachen Lyrics als auch in Sachen Produktion. The Meters - "Look-Ka-Py-Py" Ich spiele selbst Schlagzeug, und die Drums bei einigen Meters-Sachen sind einfach Wahnsinn. Für mich die beste Funk-Gruppe aller Zeiten. A Tribe Called Quest - "Midnight Marauders" Mit Songs wie „Award Tour“ und „Sucka Nigga“ ist die Platte für mich ein absoluter Meilenstein gewesen. Schöne Samples, tolle Raps, gute Message. Ich war immer schon ein großer Native Tongue-Fan, und das war eines der Alben, das mich musikalisch sehr stark geprägt hat.

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