RapRendezvous. Wir hören neue Platten mit Eko Fresh

jetzt.de spricht jeden Monat mit einem Vertreter aus dem HipHop-Kosmos über fünf aktuelle Rap-Veröffentlichungen. Heute mit Eko Fresh über die Neuerscheinungen von Kanye West & Malik Yusef, Amanda Blank und anderen
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Illustration: Julia Schubert

In dieser Kolumne geht es um einen Dialog. Um ein Zwiegespräch zwischen Rapper und Rezensent. Um Kritik. Und kaum ein deutscher MC kennt sich damit so gut aus wie Eko Fresh. Für die einen gilt er als raptechnisches Genie am Mikrofon, andere wiederum finden ihn maßlos überschätzt und können seine anhaltende Medienpräsenz nicht nachvollziehen. Dieser Tage erscheint in Anlehnung an seine allererste Veröffentlichung vor acht Jahren seine neue EP „Jetzt kommen wir wieder auf die Sachen“. Das gleichnamige Video seht ihr hier:

Aber jetzt geht es los mit dem Rap Review Rendezvous und

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Illustration: Julia Schubert

Kanye West & Malik Yusef - "present G.O.O.D. Morning, G.O.O.D. Night" Wie fandest du die beiden CDs? Eko Fresh: Ich habe auf jeden Fall die Kanye-West-Raps vermisst, weil er als Rapper auf beiden Platten jeweils nur einmal in Erscheinung tritt. Ansonsten ist das aber ein sehr relaxter Sound, schöne Gesangsparts, und auch über die Beats kann man sich nicht beschweren – obwohl mir ein bisschen der typische Kanye West’sche Hit-Faktor fehlt. Allerdings sind die Raps von Malik eine Katastrophe. Seinen Style kann ich überhaupt nicht leiden. Das klingt so, als würde er Gedichte vorlesen. Malik Yusef ist eigentlich ein Spoken-Word-Artist. Das hast du also sofort herausgehört? Auf jeden Fall! Und das feiere ich leider überhaupt nicht. Ich bin hinsichtlich der Raps eher ein Technik-Freak. Bei ihm kam es mir aber so vor, als würde er die ganze Zeit dem Takt hinterherlaufen. „Magic Man“

Es handelt sich bei „G.O.O.D. Morning, G.O.O.D. Night“ um ein Konzept-Doppelalbum, bei dem jeder der 30 Songs exemplarisch für eine bestimme 48-minütige Zeitspanne des Tages steht. Die erste CD „Dawn“ soll eher die hellen Aspekte des Lebens beleuchten, die zweite CD „Dusk“ die etwas dunkleren. Findest du die Umsetzung gelungen? Die Unterscheidung zwischen „Dusk“ und „Dawn“ habe ich gecheckt, aber keine krassen Unterschiede hinsichtlich des Vibes. Der ist sehr einheitlich geworden. Eigentlich finde ich Konzept-Alben ganz cool, weil man damit bestimmte Phasen seines Lebens recht anschaulich festhalten kann. Fans danken es einem aber nicht unbedingt, das habe ich bei meinem „Ekaveli“-Album feststellen müssen. Das Doppel-Album erscheint in Form zweier separat zu erstehender CDs. Was hältst du davon? Ach, die kann man nicht zusammen kaufen? Das wusste ich nicht. Das ist wahrscheinlich ein Versuch, den sinkenden Verkaufszahlen entgegen zu wirken, da die Leute dadurch gleich zweimal zur Kasse gebeten werden. Und wenn jemandem eine CD gefällt, wird er sich sicherlich auch die andere holen. +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

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Amanda Blank - "I Love You" Amanda Blank wird momentan in sämtlichen Szenemagazinen für ihr Debütalbum gefeiert. Ist das für dich nachvollziehbar? Auf jeden Fall. Ich habe sofort gemerkt, dass an der was dran ist. Das ist absolute Gute-Laune-Mucke im Missy Elliott/Timbaland-Style. Die hat richtig gute Erfolgschancen und wer die rausbringt, hat auf jeden Fall den Jackpot geknackt. Da ist nicht ein Lückenfüller auf der Platte. Ich fand es fast ein wenig verblüffend, dass ich noch nie etwas von der gehört habe. Aber vielleicht lag es daran, dass ich gerade zu sehr mit meiner eigenen EP beschäftigt war. "Might Like You Better“ Hattest du etwas anderes erwartet, als du den Album-Titel „I Love You“ gelesen hast? Ich hatte es mir viel softer vorgestellt. Bei dem Titel erwartet man etwas anderes. Ich war wirklich positiv überrascht, weil direkt die Luzi abging. Für mich klingt das wie ein besseres Britney-Album. Nach Pop-Sternchen in cool. Auf ihrer ersten Single heißt es im Refrain „Might like you better, if we slept together“, was eine recht deutliche sexuell-offensive Ansage ist. Magst du so etwas bei Frauen? Klar, warum nicht? Gerade für junge Hörer ist es immer cool, wenn etwas sexy klingt und man auch noch einen gewissen Interpretationsspielraum hat. Aber privat wird sie sicherlich nicht 24 Stunden lang in dieser Laune sein. Amanda Blank wollte mit „I Love You“ nach eigenen Angaben ein traditionell untraditionelles Album machen. Ist ihr das gelungen? Nein, so untraditionell ist es nicht. Die Musik wurde sicherlich nicht neu erfunden, es geht schon alles nach einer gewissen Formel. Aber mit dieser Formel hat sie sich auf jeden Fall nicht verrechnet.


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Illustration: Julia Schubert

Alchemist - "Chemical Warfare" Alchemist ist nicht nur der DJ von Eminem, sondern auch einer der wichtigsten HipHop-Produzenten derzeit. Was hältst du generell von ihm? Ich habe den schon vor Jahren gefeiert und finde seine Beats großartig. Auch seine Feature-Zusammenstellung auf diesem Album ist genial: Auf der einen Seite hat er moderne BlingBling-Rapper dabei wie Fabolous oder Jadakiss, auf der anderen Seite solche Conscious-MCs wie KRS One und Talib Kweli. Damit verbindet er gleichzeitig die Vergangenheit mit der Zukunft und hat das supergut umgesetzt. Das verleiht der Platte eine ungeheure Relevanz und ist daher das beste Produzenten-Album, das ich seit langem gehört habe. „Smile“

Er hat weitere hochkarätige Leute wie Eminem, Snoop Dogg oder Evidence auf dem Album. Konnten die den hohen Ansprüchen gerecht werden? Oft hat man ja den Eindruck, dass Rapper bei Produzentenalben bloß mit halbem Herzen dabei sind. Für Alchemist haben die sich richtig Mühe gegeben. Die konnten auch gar nicht anders, weil Alchemist sie im Gegenzug ja immer mit guten Beats versorgt. Ich weiß zwar nicht, ob die Platte kommerziell erfolgreich werden wird, aber spätestens nach diesem Album darf sich Alchemist zur Riege amerikanischer Top-Produzenten zählen. „Under Siege“

Wenn dir Beats von diesem Album angeboten worden wären: Wie viele hättest du haben wollen? Bis auf ein, zwei hätte ich alle haben wollen. Der Typ ist ein super Produzent. Es wäre eine Ehre für mich, auf einem seiner Beats rappen zu dürfen.


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Illustration: Julia Schubert

Flipsyde - "State Of Survival" Dein Eindruck? Ähnlich wie bei Amanda Blank: Sehr auf Hitmäßigkeit bedacht, sehr poppig produziert. Das hat mich teilweise fast an Eurodance erinnert, weil es oft an der Grenze dessen entlang geschrammt ist, was überhaupt noch klargeht. Mir ist das ein bisschen too much, aber man merkt, dass es sehr aufwendig produziert worden ist. „When It Was Good“

Die Band besteht aus drei Typen, die sich irgendwann noch eine Frau in die Band geholt haben. Ich musste unweigerlich an die Black Eyed Peas denken. Findest du die Mucke beider Bands vergleichbar? Ein bisschen vielleicht. Die Frau hat aber eine Stimme, die nicht so herausragt wie Fergies und sehr austauschbar klingt. Auch die Texte sind nichtssagend und könnten genauso gut von Christina Milian stammen. Wird die Platte eigentlich von Akon rausgebracht? Ja, der hat auch einen großen Teilen des Albums produziert. Dachte ich mir, denn das hört man. Akon hat auf jeden Fall ein Händchen für Hits und ist daher nicht ohne Grund einer der erfolgreichsten Leute im Game. Ich mag den aber und finde auch die Autotune-Sachen von ihm und T-Pain cool. Scheiße ist das erst, wenn andere das machen. Akon turnt mich, weil er immer sein eigenes Ding verfolgt hat. Außerdem schreibt der so eingängig, dass es für alle Leute auf der Welt zugänglich ist. Das fühlen Leute in Afrika, in Europa und selbst in Amerika, wo der Musikmarkt so krass überladen ist – das ist eine Kunst. Du selbst scheinst ebenfalls wenig Berührungsängste mit poppigen Nummern zu haben. Aber Hand aufs Herz: Bereust du dein L.O.V.E.-Projekt von 2004? Ich war noch sehr jung und der Meinung, dass gut gemachter deutscher R’n’B funktionieren würde. Die Rechnung ist leider nicht ganz aufgegangen. Aber wenn mich morgen einer für eine geile Pop-Nummer anfragt, dann bin ich auf jeden Fall dabei. Wenn man sich als MC bereits bewiesen und sich ein gewisses Standing aufgebaut hat, dann kann man so was auch machen. Flipsyde waren Anfang des Jahres noch zusammen mit Sarah Connor auf Tour. Passt das stilistisch für dich zusammen? Auf jeden Fall. Wenn das in Deutschland irgendwo ankommt, dann wahrscheinlich am ehesten beim Bravo-Publikum. Du hättest dir die Platte privat also eher nicht angehört? Nicht unbedingt. Ich hätte sie eher meiner Freundin gegeben, die könnte damit sicherlich mehr anfangen.


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Illustration: Julia Schubert

Hassan Annouri - "International" Hassan ist nicht nur Rapper, sondern auch Produzent, von dem du selbst bereits einige Beats bezogen hast. Welche Seite von ihm gefällt dir denn besser? Da muss ich egoistisch sein, denn da ich selbst Rapper bin, ist er für mich als Produzent natürlich wichtiger. Er hat es wirklich raus, richtig dicke Beats zu machen, die ordentlich pumpen und diesen New York-Vibe mitbringen. „Hoffnung“

Hassan ist schon seit zwanzig Jahren im HipHop aktiv, am Anfang noch unter dem Namen Fast-H in seiner Crew Variety Pac. Viele Rappern, die schon so lange dabei sind, schaffen es oft nicht, ihre Raps auf ein zeitgemäßes Level zu bringen. Wie beurteilst du das bei Hassan? Ist ihm das gelungen? Wie soll ich sagen: Das ist sicherlich nicht der modernste Rap-Style, aber bei Hassan stimmt das Gesamtpaket. Von jemandem wie Hassan will ich nicht die krassesten Reimketten hören – dafür gibt es andere Leute. Worum geht es dir dann? Um ein gelungenes Endergebnis. Hassan macht guten Sound. Das pumpt ohne Ende und geht in eine Richtung, die man heutzutage kaum noch zu hören bekommt. Das ist real, aber gleichzeitig auch sehr anspruchsvoll hinsichtlich der musikalischen Umsetzung. Hassan weiß einfach, was er tut. Und das hört man. Es gab Gespräche darüber, ob Hassan vom Goethe Institut ins Ausland geschickt wird, um anderen Kulturen durch seine Musik die deutsche Sprache näher zu bringen. Was hältst du davon? Das fände ich cool. Das würde auch zu seinem „International“-Konzept passen. Massiv war ja auch mal zusammen mit dem Goethe Institut in Palästina. Würdest du dich auch als geeigneten Kandidaten ansehen, auf den das Goethe Institut mal zukommen sollte? Ich habe natürlich einen guten Draht zu Kids und bin einer der wenigen Rapper, der für die noch relevant ist. Aber ob ich den Anforderungen des Goethe Instituts gerecht werde – ich weiß nicht. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass das Goethe-Institut bei Eko Fresh anklopfen würde. Auf der nächsten Seite gibt's noch die Lieblingsplatten von Eko Fresh


Ekos Alltime-Album-Top-Five: 1. Snoop Dogg - "Doggy Style" Mit diesem Album habe ich angefangen, Rap zu hören. Das Album klingt heute noch genauso fresh, als wäre es brandneu. Für mich das unglaublichste Rap-Album überhaupt. 2. 2Pac – "All Eyez On Me" Die Platte hat mich damals sehr inspiriert, auch wenn es rapmäßig natürlich bessere Sachen gibt. Trotzdem ist es ein geiles Album, das mich viele Jahre lang begleitet hat. 3. Eminem – "The Marshall Mathers LP" Auf der „Slim Shady LP“ hat er mir schon sehr gut gefallen, aber diese Platte ist einfach DAS Eminem-Album überhaupt und hat mich beim Schreiben krass inspiriert. 4. Jay-Z – "The Blueprint" Als die komlette Rap-Welt nur noch auf Neptunes unterwegs war, hat er das Ganze wieder umgekrempelt und wieder back to the roots gebracht. Das Album kenne ich in- und auswendig. 5. Big Punisher – "Capital Punishment" Ein MC, der leider viel zu kurz gekommen ist, obwohl er wirklich wahnsinnig gut war. Als Rap-Lehrling hat der mich definitiv stark beeinflusst. Lyrisch war er seiner Zeit damals weit voraus. Ekos “aktuelle” Album-Top-Five: 1. Kanye West – "College Dropout" Eine der besten New School-Platten, die je herausgekommen ist. 2. The Game – "The Documentary" Diese Platte hat die Westcoast wieder zurück auf die Map gebracht. Die Scheibe fand ich sogar noch geiler als… 3. 50 Cent – "Get Rich Or Die Tryin’" Dennoch ist „Get Rich Or Die Tryin’“ seinerzeit das beste Gangsta-Rap-Album seit Jahren gewesen. Leider konnte 50 dieses Level seither nie wieder erreichen. 4. Rick Ross – "Deeper Than Rap" Der wird zwar sehr gehated, aber ich finde das Album trotzdem geil. Das ist sehr kommerziell, aber er weiß genau, was er tut. 5. The Diplomats – "Diplomatic Immunity" Das sind richtig coole Jungs, von denen jeder einen sehr eigenen Rap-Style hat. Die haben eine gewisse Ära von mir begleitet. Eine Zeit lang habe ich wirklich nur die gehört.

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