Wie ein dunkelhäutiger Student Rassismus erlebt

Der AfD-Politiker Gauland beleidigt Boateng. Entgleisung oder Alltag für alle, die nicht weiß sind?
Protokoll: Max Sprick

Jérôme Boateng: Mitglied der deutschen Nationalelf. Er fühlt sich integriert, doch seine Hautfarbe stößt teilweise auf Unbehagen- so geht es vielen Deutschen mit Migrationshintergrund.

Marcus Brandt/dpa

Das muss man den Rechtspopulisten (leider) zugestehen: Der Skandal-Mechanismus der AfD hat am Wochenende mal wieder funktioniert. Alexander Gauland, der 75 Jahre alte Fraktionsvorsitzende, hat den Tabubruch gewagt. Er hat Nationalspieler und Weltmeister Jerome Boateng beleidigt und gesagt: "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben."

Nicht nur die Fußball-Republik reagierte empört, Gauland und die AfD waren und sind das Gesprächsthema in Medien und sozialen Netzwerken. Wir finden es trotzdem wichtig, bei allem berechtigten Ärger und unberechtigter Aufmerksamkeit das eigentliche Thema zu besprechen: Hat Deutschland ein Rassismus-Problem? Dazu haben wir Josef gefragt. 26 Jahre alt, Student, deutscher Staatsbürger. Und dunkelhäutig.

"Ich habe die Äußerungen von Alexander Gauland in meiner Facebook-Timeline gelesen. Man kam in den sozialen Medien am Sonntag ja gar nicht daran vorbei. Überrascht haben sie mich nicht. Die AfD will halt wieder provozieren, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und es ist ja klar, dass es medial und gesellschaftlich hochkocht, wenn jemand kurz vor der Fußball-Europameisterschaft einen der wichtigsten deutschen Nationalspieler rassistisch beleidigt. Deswegen habe ich genau so reagiert wie Jerome Boateng selbst: Ich habe nur müde gelächelt. Aber natürlich kenne ich das Phänomen Alltagsrassismus gut:

Ich bin in Fulda geboren worden, meine Eltern kommen aus Eritrea. Ich bin Deutscher und 26 Jahre alt und genau so lange kenne ich Rassismus. Im Kindergarten wurde ich öfter gefragt, warum meine Haut so schwarz ist oder ob ich ein echter Neger sei. Hätte ich mir das zu Herzen genommen, hätte ich direkt aufhören können, an meine Zukunft hier zu glauben. Prinzipiell gibt es nichts Rassistisches, was ich nicht schon mal irgendwie gehört hätte. Ein guter, auch dunkelhäutiger Freund von mir, hat mal eine Wohnung nicht bekommen, weil der Vermieter meinte, ein Schwarzer passe nicht ins Gemeinschaftsbild. Auf Behörden oder auch im ganz normalen Alltag passiert es mir häufig, dass jemand sagt: 'Oh, du sprichst aber gut Deutsch.' Als Dunkelhäutiger kommt man sich auch im Jahr 2016 noch oft so vor, als wollten einen Leute nur wegen der Hautfarbe für dumm verkaufen. Ein Familienmitglied von mir ist inzwischen Ingenieur bei einem DAX-Unternehmen. Als er als Schüler zur Berufsberatung ging, seine guten Noten vorzeigte und auf die Frage, was er gerne mache, antwortete, dass er Spaß am Handwerk habe, sagte die Dame vom Arbeitsamt: 'Dann werd doch Gärtner.' Er wollte aber studieren. Darauf sie: 'In deiner Familie hat doch eh noch keiner studiert, das schaffst du doch gar nicht.'

In der Bahn stehen immer noch manchmal Leute auf, wenn ich mich neben sie setze. Ich reagiere darauf mit einer Mischung aus Galgenhumor und Gleichgültigkeit. Man kommt nicht vorwärts, wenn man nur über Negatives nachdenkt. Es klingt traurig, ist aber so: Man entwickelt mit der Zeit eine gewisse Abgestumpftheit gegenüber solchen Dingen. Als ich jünger war, habe ich mich von so etwas provozieren lassen. Heute kommt von mir vielleicht noch eine Replik auf die gröberen Beleidigungen. Sonst aber nichts.

Durch das Internet und die sozialen Medien hat der Rassismus eine neue Offenheit bekommen. Was früher an Stammtischen im Geheimen parolt wurde, posten die Leute inzwischen öffentlich. Sie hoffen auf Zustimmung, oder, wie die AfD, auf Aufmerksamkeit. Das ist gefährlich. Für mich stellt sich niemals die Frage, ob ich mich in diesem Land wohl fühle, oder nicht. Es ist mein Heimatland. Ich mache meinen Master in BWL, arbeite für einen großen Wirtschaftsprüfer, mir geht es gut. Abgesehen von den paar Idioten, die es hier, wie wahrscheinlich in vielen anderen Ländern auch, gibt.

Trotzdem muss man etwas tun, damit sie sich nicht vermehren: Ganz offen, so viel wie möglich über Rassismus reden. Um auch mal ein Klischee zu bedienen: Man wird einen von der Gesellschaft isolierten, 55-jährigen Arbeitslosen in Brandenburg eher nicht mehr davon überzeugen können, dass Ausländer keine Schuld an seinem Schicksal haben. Deswegen sollte man aber so früh wie möglich in den Schulen mit jungen Menschen über andere Kulturen und Fremdenhass sprechen.

Die Gauland-Boateng-Diskussion ist in gewisser Weise auch scheinheilig. Viele Politiker, Medien und andere Prominente sind auf den Zug aufgesprungen, um mitzureden und sich wichtig zu machen. Frauke Petry hat sich ja sogar für die Aussagen entschuldigt. Sonst werden rassistische Äußerungen zu oft unter den Teppich gekehrt oder schnell wieder vergessen. Dieses Mal nicht. Weil es eben um Fußball geht – das riesige Thema.

Wirklich wichtig finde ich daher die Reaktionen der breiten Öffentlichkeit. Rund um das Länderspiel in Augsburg gab es ja eine Menge Plakate und Zeichen pro Boateng. Das ist ein gutes Zeichen für uns alle."

Wo Rassismus anfängt und wie er weitergeht? Hierlang:

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