Bei den Knackis

Lockpicking galt als Hobby von Kellerkindern und Technikfreaks. Mittlerweile gehört das Schlösserknacken neben Siebdruck und Up-Cycling aber zum gängigen Workshopangebot auf vielen Festivals. Ein Besuch bei den Sportfreunden der Sperrtechnik.
eva-hoffmann

„Bringt gar nichts, wenn du da so draufstarrst“, sagt der Typ mit dem „Life-is-Chaos“-T-Shirt neben mir. Dann schaut er auf meine schwitzigen Hände, mit denen ich hektisch an den Rädchen des silbernen Zahlenschlosses rumdrehe. „Außerdem bist du viel zu verkrampft.“ Mein erster „Picking“-Versuch. Ein Drei-Euro-Zahlenschloss von Ikea, von denen ich in meinem Leben sicher schon Tausende an Schließfächern in der Uni, in Hostels oder Umkleidekabinen angebracht habe. Weniger als 30 Sekunden braucht der „Life-is-Chaos“-Mann, um es zu öffnen. Er nennt sich „Sportfreund der Sperrtechnik“. So heißt auch der Club, der sich ein Mal im Monat in den Räumen des Münchener Chaos Computer Clubs trifft. Hier werden gemeinsam Schlösser geknackt.  

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Illustration: Julia Schubert



Ich hatte Nerds erwartet. Und so ganz unnerdig ist die Veranstaltung nicht. Stolz packen zwei Teilnehmer einen ganz, ganz seltenen „Bladezylinder“ aus Japan aus und freuen sich dabei wie kleine Jungs. Ich traue mich nicht zu fragen, was das ist. Aber da sitzt auch ein Papa mit seinem fünfjährigen Sohn, ein 25-jähriger BMW-Mitarbeiter und eine Frau in den Vierzigern, die Bibliothekarin sein könnte. Lockpicking ist kein Nischenhobby für Kellerkinder und Tüftelfreaks mehr. Schlösser knacken kann man in diesem Sommer auf vielen Film- und Musikfestivals lernen.  

Eigentlich kommt das Knacken vom Hacken. „Die Idee, sich Technik anzueignen, Hersteller auszutricksen und etwas Besseres zu schaffen macht den Reiz aus“, erklärt Michael, einer der Vorsitzenden des Clubs. Wie beim Computer-Hacken sei man ständig auf der Suche nach dem Aha-Effekt. Der stellt sich bei mir leider nicht ein. Das Zahlenschloss habe ich immer noch nicht aufbekommen. Aus Mitleid drückt mir der „Life-is-Chaos“-Mann ein goldenes Plastik-Türschloss in die Hand. „Ist aus Amerika, besonders billig.“ Besonders leicht zu knacken, soll das wohl heißen. Und er bestätigt die Faustregel: je teurer, desto sicherer.  

Zwar bin ich immer noch am Schwitzen, aber sportlich fühle ich mich nicht. Michael scheint die Selbstbezeichnung „Sportfreunde der Sperrtechnik“ auch nicht ganz ernst zu nehmen: „Das war mehr eine praktische Entscheidung“, sagt er. Ein Gründer des Vereins hatte wegen seiner Hacking-Aktivitäten immer wieder Probleme mit der Polizei im Ausland bekommen. „Lockpicking sollte von Anfang an seriös etabliert werden. Damit es keinen Stress gibt, haben wir einen Sportverein angemeldet. Und Wettbewerbe gibt’s ja auch, ist also gar nicht so abwegig“, sagt Michael.  

Bei den Wettbewerben und Festivalworkshops geht es nicht nur darum, ein Schloss besonders schnell aufzukriegen, sondern auch möglichst unbeschädigt. Kratzspuren und gewaltvolles Aufbrechen sind für Stümper und Kleinkriminelle. Die sind scheinbar noch nicht auf diese Idee gekommen. Einbrüche mit professionell „gepickten“ Schlössern passieren alle zehn Jahre, sagt Michael. Vielleicht sind die meisten Einbrecher eher ungeschickt oder sehr faul.           

Ob die Polizei trotzdem ab und zu mal vorbeischaut, was die Leute hier so lernen? „Nö“, sagt Michael. Im Gegenteil: Das Landeskriminalamt wendet sich immer mal wieder an bekannte „Picker“. Die helfen dann, Schlösser zu öffnen und sichern wichtige forensische Spuren. Klingt nach Scherlock-Phantasien und Kleinejungsträumen. Auch mich packt der detektivische Ergeiz. Ich will das blöde Ami-Schloss endlich aufkriegen. Der Mann neben mir packt einen ganzen Koffer voll Schlösser und Werkzeug aus. Und eine Dose Erdnüsse. Er gibt mir ein Gerät, das ein bisschen aussieht wie ein Miniaturtomatenmesser. Damit stochere ich im Schloss rum und tatsächlich dreht es sich ein ganz kleines bisschen nach links. Ein großartiger Erfolgsmoment. Sofort denke ich an meinen Lieblingssatz aus den Drei-Fragezeichen-Kassetten: „Nimm doch den Dietrich, Zweiter“. Schon war die Tür offen und der Fall gelöst.  

Ein paar skurrile Gestalten ziehen die monatlichen Treffen aber doch an. „Es gab mal eine Frau, die uns verdächtigte, ihre Tupperdosen in der Wohnung zu verrücken. Die kam dann zum Treffen und wollte uns zur Rede stellen.“ Theoretisch wäre das möglich. Viele Wohnungsschlösser sind ein Witz für erfahrene Lockpicker. Und wenn die Tür nur zugezogen ist, dann sowieso. Der Ganoven-Klassiker mit der Kreditkarte funktioniert tatsächlich.

Nachdem ich mich durch alle Werkzeuge „gepickt“ habe, finde ich meinen Favoriten: ein kleines Gerät, das aussieht wie der silberne Haken, mit dem der Zahnarzt den Belag von den Zähnen kratzt. Damit lassen sich die Sprungfedern im Billig-Schloss locker runterdrücken, es macht „Klick“ und die Tür ist auf. Ich bilde mir ein, jetzt jedes Schloss knacken zu können. An einem schwierigeren versuche ich mich lieber nicht.

Text: eva-hoffmann - voodoostock/photocase.de

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