Bis zum bitterkalten Ende

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Jeden Tag harren sie auf dem Maidan aus, dem Platz der Unabhängigkeit. Derweil zeigt das Thermometer Temperaturen von minus zehn Grad an. Aufgeben will aber keiner der Unterstützer der proeuropäischen Proteste in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine. Wir haben mit drei jungen Menschen gesprochen, die ihre Eindrücke vor Ort schildern.

Olga (29), Doktorandin in München, geboren und aufgewachsen im Westen der Ukraine. Ihre Eltern leben jetzt in Kiew.  

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Illustration: Julia Schubert

Sie bleiben: junge Ukrainer, die auf dem Maidan für ihre Rechte kämpfen. Dafür errichten sie täglich neue Barrikaden, bringen Essen und machen den auf den Platz Kampierenden Mut.

"Ich bin am Dienstag hergekommen. Bisher war ich nur über Chats, Fernsehen und Facebook involviert. Ich wollte meine Familie und Freunde in Kiew aber unterstützen, deswegen bin ich hier. Wenn man mittendrin ist, ist es schon ein anderes Gefühl, das kann man nicht beschreiben.  

Es sind vor allem junge Leute auf dem Maidanplatz, mittlerweile aber auch viele ältere und uralte Menschen. Sie haben kaum die Kraft und sind trotzdem bereit, in der Kälte zu stehen. Und diese Kälte ist extrem. Nachts sind es Minusgrade. Es hat stark geschneit. Aber wir bleiben. Denn die ganze Welt schaut auf die Ukraine.

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Illustration: Julia Schubert

Olga (29) studiert eigentlich in München. Um ihre Freunde und Familie in der Heimat bei den Protesten zu unterstützen, ist sie zurück nach Kiew gereist.

Denn für uns geht es jetzt um die Zukunft des Landes. Egal, ob jemand Kinder hat oder wir mal welche haben werden, das Problem ist: Was werden wir ihnen sagen, wenn sie fragen, was wir in der Zeit getan haben, als die Ukraine zu Grunde gerichtet wurde? Haben wir das Land verteidigt oder alleine zu Hause auf dem Sofa gelegen? Das ist die Frage, die alle Menschen bewegt.  

Die Erwartungen haben sich geändert. Es geht jetzt nicht nur mehr um das Freihandelsabkommen mit der EU. Wir alle stehen für europäische Werte. Wir stehen für Demokratie, Meinungsfreiheit, für freie, faire Gerichte, für das Recht auf Demonstrationen. Wir  haben begriffen, dass die Regierung, dass Viktor Janukowitsch zurücktreten muss. Wir wollen neue Wahlen."



Mariana (25), Masterstudentin, lebt in Kiew.  

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Illustration: Julia Schubert

Mariana (25, 2. v.li.) und ihre Freunde wollen grenzenlos reisen und studieren, um eine sichere Zukunft zu haben.

"Es ist sensationell. Alle Leute helfen einander, sie bringen Tee, Sachspenden, Essen. Hier sind sowohl junge, als auch ältere Leute, egal aus welcher Region. Ich wohne bei meinen Eltern hier und versuche, täglich vor Ort zu sein. Bei uns ist es so, dass wir Frauen tagsüber da sind und Wache halten. Die Jungen und Männer, die stärker sind, bleiben dafür die ganze Nacht, damit sie den Platz schützen können.  

Ich habe mit meinen Freundinnen den Maidanplatz vom Schnee befreit, alles sauber gemacht, Barrikaden errichtet. Die Polizei ist die meiste Zeit vor Ort. Aber die schützen die 'Antimaidan'. Das sind von der Regierung bezahlte Leute, die vor allem aus dem Osten der Ukraine mit Bussen nach Kiew gefahren werden. Die Regierung organisiert mit ihnen Proteste, dann kommt die staatliche Presse vorbei, filmt und zehn Minuten später ist alles vorbei. Ich habe welche getroffen, die haben gesagt: 'Wir haben kein Bock, aber wir werden bezahlt, deswegen müssen wir das machen.'

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Illustration: Julia Schubert

Die Masterstudentin Mariana (25) vor dem Maidanplatz: "Ich bleibe auf jeden Fall".

Wir wollen keine Diktatur haben. Wir haben Angst, dass die Ukraine sich Russland annähert und wir keinen Zugang zu Europa mehr haben werden. Wir befürworten europäische Werte und wollen Teil der EU sein. 

Das heißt, wir wollen eine gute Ausbildung und lernen, an verschiedenen Universitäten in ganz Europa studieren, um eine Chance auf eine bessere Zukunft zu haben. Wir brauchen eine Krankenversicherung. Wir wollen nicht betteln, sondern reisen und offene Grenzen. Wir haben aber bisher keine Perspektiven. Das muss sich ändern. Deswegen bleibe ich auf jeden Fall auf dem Maidan. "



Olga (25), CEO eines jungen, ukrainischen Start-up-Unternehmens.

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Illustration: Julia Schubert

Olga (25, Mitte) hilft täglich mit ihren zwei Freundinnen, den Platz vom Schnee und Müll sauber zu halten.

"Wir werden hier nicht klein beigeben. Wir haben schon so lange durchgehalten. Wenn wir jetzt aufgeben, werden tausende Menschen wahrscheinlich verhaftet und verfolgt werden. Wir haben keine andere Wahl mehr, als bis zum bitteren Ende durchzuhalten.   

Deswegen komme ich jeden Tag zum Maidanplatz. Ich stehe und helfe mit dem Essen oder Organisatorischem. Der Platz muss vom Schnee befreit, gesäubert und die Barrikaden ständig neu errichtet werden. Ich bin fasziniert und überrascht, wie viele unterschiedliche Menschen hier auf Maidan zusammenkommen. Sehr erfolgreiche, berühmte Geschäftsmänner versammeln sich auf dem Platz und stehen Hand in Hand mit einfachen Arbeitern. Sie stehen nicht nur da, um zu protestieren, sondern um zu kämpfen. Die Menschen in unserem Land vereinen sich. Wir alle stehen für dieselben Rechte ein. 

Denn es geht nicht mehr nur um die EU. Es geht um etwas Größeres. Die EU ist nur ein Symbol für ein besseres Leben. Wir wollen so ein neues, besseres Leben aufbauen. Wir wollen das Recht behalten, frei unsere Meinung äußern. Die Regierung aber hört nicht zu und will den ganzen Fortschritt der letzten Jahre zerstören. Aber die Idee der freien Meinungsäußerung hat sich schon zu tief verwurzelt seit der 'Orangen Revolution' 2004.  

Schließlich ist es das erste Mal, dass wir nicht für eine Person, einen Politiker aufgestanden sind, sondern für eine Idee. Wir glauben daran, dass eine Idee eine politische Entscheidung nach sich ziehen kann. Ein Sieg würde bedeuten, dass das Volk die Macht hat. Das heißt, jeder Einzelne kann Politik beeinflussen und das Schicksal dieses Landes und das unserer Kinder mitbestimmen. Das wäre der größte Sieg: die Änderung der Wahrnehmung, dass eine Person das Leben des Landes verändern kann. Ich glaube daran.   Und ich fühle die Macht, Dinge besser zu machen, wenn ich zum Maidan gehe."

Text: katharina-elsner - Fotos: privat

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