Bücher im Digital-Regal

Auch in Deutschland greifen immer mehr Leser zum digitalen Buch, das macht die Verlage experimentierfreudig. Manche, wie "eriginals berlin", veröffentlichen sogar ausschließlich E-Books. Ein Lagebericht zu den Digitalen im Bücherregal.
therese-meitinger

Das E-Book war bislang eher ein Scheinriese: Es wurde unheimlich viel darüber geredet, aber der große Durchbruch blieb – zumindest hierzulande – aus. Zuletzt tat sich in der Branche jedoch einiges. Es gibt einen kleinen Trend zur digitalen Erstveröffentlichung, einige Titel erscheinen erst als E-Book und dann im Print. Und Verlage wie „eriginals berlin" verzichten gar völlig auf das gedruckte Buch.

Dass die Verlage langsam umdenken, hat sicher mit den Erfolgen zu tun, die das Format in den USA verzeichnet: Dort wurden Vampirromane der Selbstverlegerin Amanda Hocking als E-Books zum Bestseller und auch der erstaunliche Erfolg von E.L. James' Softporno „Fifty Shades of Grey" ist vor allem auf digitale Verkäufe zurückzuführen. Das macht deutsche Verleger neugierig. Deren Lesepublikum gilt allerdings als notorisch E-Book-skeptisch: Während in den USA 2011 schon mehr E-Books als gedruckte Bücher verkauft wurden, haben 77 Prozent der Deutschen noch nie ein E-Book gelesen. Zwar hat sich im letzten Jahr der Umsatzanteil von digitalen Ausgaben am gesamten Buchmarkt auch hierzulande verdoppelt, doch dabei geht es um einen Sprung von 0,5 auf 1 Prozent.

Dennoch werden Verlage zunehmend experimentierfreudig. Der Hanser Berlin Verlag zum Beispiel nutzte den Vorteil des E-Books, einen Titel besonders zeitnah auf den Markt bringen: Als sich im Juli die Situation in Syrien zuspitzte, zog der Verlag die Veröffentlichung der E-Book-Version von Jonathan Littells „Notizen aus Homs" vor. Das gedruckte Buch erscheint erst Ende August. E-Books eignen sich auch besonders gut, um zu testen, wie ein Titel auf dem Markt ankommt. Bastei Lübbe bietet unter dem Motto „Digital First!" digitale Fortsetzungsromane an. Vom Sci-Fi-Reißer „Survivor" konnte man seit 17. Mai jede Woche ein neues Kapitel auf iTunes kaufen. Ist er dort erfolgreich, besteht die Möglichkeit, dass er später als Taschenbuch herausgegeben wird. Jedes Kapitel von „Survivor" kostet dabei 99 Cent – bei zwölf Kapitel macht das stolze 11,88 €. Die Taschenbuchausgabe dürfte billiger ausfallen.

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Illustration: Julia Schubert



Dass die digitale Ausgabe teurer ist als das gedruckte Buch, ist eher die Ausnahme. Trotzdem stehen E-Books immer wieder in der Kritik, weil sie zu Preisen angeboten werden, die nur wenig unter der Printvariante liegen. „Die Preispolitik vieler Verlage dient vor allem dem Schutz des gedruckten Buchs", meint die Verlegerin Christiane Frohmann. Sie selbst muss auf Printausgaben jedoch keine Rücksicht mehr nehmen: Zusammen mit Sascha Lazimbat, der im digitalen Vertrieb gearbeitet hat, gibt die Literaturwissenschaftlerin und Lektorin im Verlag eriginals ausschließlich E-Books heraus. Weil so keine Druck- oder Lagerkosten anfallen, gilt für alle eriginals-Titel eine 5-Euro-Preisgrenze.

Zum Teil liegt das wohl auch daran, dass die veröffentlichten Texte oft recht kurz ausfallen. Das ist für Frohmann Teil der Programmgestaltung: „Bestimmte Bücher können nicht gedruckt werden, weil sie zu kurz oder zu lang sind." Andere, Lyrik etwa, interessiere nur eine kleine Fangemeinde – alles Fälle fürs E-Book. Das klingt ein bisschen nach bunter Spielwiese und tatsächlich findet sich bei eriginals die große Bandbreite: Thriller, Short Storys und Sachbücher sind genauso im Programm wie die Twitterature genannte Twitter-Literatur. „E-Books bieten Autoren die Möglichkeit, gewagtere Projekte zu machen oder etwas, das dem Image nicht ganz so sehr entspricht", glaubt Christiane Frohmann. In Printverlagen sei das weit weniger möglich.

Für einen reinen E-Book-Verlag ist es allerdings schwieriger, Aufmerksamkeit für das Programm zu bekommen. Denn warum sollte eine Buchhandlung für Titel werben, an denen sie nichts verdient? Frohmann und Lazimbat gingen darum weniger wie ein Verlag und eher wie ein Plattenlabel vor: Sie wandten sich direkt an die Downloadstores und machten dort Marketing. Auf Facebook richteten sie Diskussionsseiten ein. Um direkt in Kontakt mit der potenzielle Zielgruppe zu kommen, etablierte Frohmann den „Katersalon": Im Berliner Club KaterHolzig diskutieren und lesen dabei einmal pro Monat Autoren und Leser miteinander.

Inwiefern diese Maßnahmen zum Erfolg der Titel beitragen, ist nicht einfach zu beurteilen. Überhaupt ist Erfolg im E-Book schwer messbar, weil – anders als bei gebundenen Büchern – keine verbindlichen Absatzzahlen veröffentlicht werden. „Man weiß zum Beispiel nie, was eine gute Platzierung bei iTunes bedeutet. Theoretisch könnte der Titel, der einen Platz vor einem liegt, ja 10.000 Mal so viel verkauft haben wie man selbst", sagt Frohmann. Hinzu kommt, dass oft nur sehr hohe Absatzzahlen die Rentabilität garantieren: „Nur Bestseller sind kostendeckend, viel mehr kann man im Moment noch nicht erwarten."

Frohmann und Lazimbat haben nach einem Jahr digitalen Verlegens gemerkt, dass sie das Programm zu weit gefasst hatten. Frohmann möchte den Spielraum des Formats E-Books nutzen und ausschließlich das herausbringen, das sie am meisten interessiert: neue Literaturen und ästhetische Schriften. Also entschlossen die Verleger, statt neuen Titeln bei eriginals berlin künftig Liebhabertitel im Frohmann Verlag herauszubringen. Als unternehmerisches Modell werden sie gleichzeitig die wachsende Gruppe von Autoren beraten, die sich professionell selbst verlegen wollen. Anscheinend führt am Self-Publishing gerade kein Weg vorbei. 

Text: therese-meitinger - Foto: afp

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