“Klischees sind kostbar”

Raphael Stratz und Niklas Mönch haben ein Theaterstück über Solidarität in Europa geschrieben. Klingt ambitioniert? Funktioniert.
kristin-hoeller

Raphael Stratz hat sogar eine Visitenkarte. “Autor und Texter”, steht da in geprägter Schrift. Und auf der Rückseite: “Der Thesaurus ist mein Lieblingsdino”. Wie viel Ironie da mitschwingt, bleibt unklar. Wie so Vieles an diesem Abend.

Niklas Mönch und Raphael Stratz kommen von der deutschen Uraufführung ihres Stückes “Ausländer” im Theatersaal des Augustinums. Die Küche hat schon zu, es gibt noch Brot mit Tzatziki. Niklas hat vorgeschlagen, zum Griechen zu gehen. “Das passt dann thematisch”. Es geht ja um Europa, die Krise mit Griechenland. Um Konflikte zwischen den Kulturen, die auf einer Zugfahrt von Paris nach Zagreb ausbrechen.
Ein englischer Hafenarbeiter etwa belästigt ein ganzes Abteil mit dem Geruch seines Ham-Sandwichs und eine oberösterreichische Tagestouristin wird panisch, weil sie sich von “Tschuschs” umzingelt fühlt.

 

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Illustration: Julia Schubert

Im eigenen Stück als müffelnde DB-Beamte zu sehen: Niklas Mönch und Raphael Stratz

Europa also. Zusammenhalt und Solidarität. Flüchtlingsproblematik und Argwohn. Ambitioniertes Projekt, wenn man nicht mal 20 ist. Und eines, bei dem es sehr schwierig ist, einen guten Ton zu treffen. Man ist da schrecklich schnell im Kosmos Sozialpädagogik und Wedeln mit dem Zeigefinger und Claudia Roth hält eine Widmungsrede. Stil kann da ein wichtiger Begriff werden, Verpackung vielleicht auch.Niklas und Raphael sehen mit ihren langen, wirren Haaren und den tätowierten Unterarmen ein bisschen aus wie zwei, die Designmärkte in Friedrichshain organisieren.

Der Ton also. Oder halt: Vielleicht doch erst die Aufführung. Die Theatergruppe der Friedrich-Oberlin-Fachoberschule hat das Stück gespielt. Niklas und Raphael haben dort vergangenes Jahr ihre Fachhochschulreife bestanden. Niklas ging dann für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Frankreich, monatelang haben sie über Skype an den einzelnen Szenen gefeilt. “Erstmal nur für uns.” Als der Text endlich fertig war, hatten die Proben längst begonnen. Die Aufführung ist klassisches Schultheater: aufgemalte Schnäuzer, herunterfallende Pappschilder und ein paar Versprecher – aber der Text, der dem zugrunde liegt, ist bemerkenswert.

 Figuren nah am Stereotyp, Pointen nah am Flachwitz

Der Ton funktioniert also. Quasi jede der Figuren ist nah am Stereotyp, sehr nah. Und dann doch wieder nicht.Die Pointen drohen oft zu Flachwitzen zu werden - und werden es doch nicht. Da gibt es einen baguetteessenden Franzosen, der trotz eigener Knopffabrik nicht in der Lage ist, einen anzunähen. Oder zwei Schaffner, die auf den ersten Blick aussehen wie biedere, müffelnde Deutsche-Bahn-Beamte, dann aber ihren Hang zu lateinischen Redewendungen ausleben. “Na na”, mahnen sie, als jemand fast den Zug verpasst, “Tempus fugit.”

“Dass das ganze Stück auf Klischees aufbaut, ist ja gewollt.”, sagt Niklas. “Apropos.”, sagt Raphael und bestellt drei Ouzo.

Klischees seien kostbar, erklären die beiden dann. Sie verbildlichten schließlich die eigenen Vorurteile. “Die muss man dann nur noch widerlegen.” Raphael muss das wissen. Er ist seit einem halben Jahr Integrationshelfer an einer Münchner Mittelschule, Niklas macht sein FSJ an einem Gymnasium in Obernai im Elsass. Dort war auch die Premiere, das Feedback sei überwältigend gewesen. Das Stück wirkt also auch in einer 10000-Einwohner-Stadt, wo es keinen Starbucks, dafür aber eine Front-National-Quote von 26 Prozent gibt? “Na sicher”, antwortet Niklas und schnipst offensiv beiläufig einen Brotkrümel vom Tisch.

"Der Ursprung des Problems sitzt in den Köpfen"

“Ausländer”, sagt er dann, wolle aber schon auch ein Plädoyer sein. Für mehr Zusammenhalt in Europa und für Solidarität mit Flüchtlingen. Weil man ja überall mitkriegt, dass da was falsch laufe. “Und wenn wieder etwas passiert, dann macht da Günther Jauch eine Sendung zu und gut ist”, sagt Niklas und ist plötzlich so ernst wie am ganzen Abend noch nicht. “Wir sitzen in der S-Bahn und hören den Leuten zu. Und da merkt man, dass der Ursprung des Problems in den Köpfen sitzt.”

Die Köpfe also. Und wie kommt man da am Besten rein? “Am Besten mit Humor. Wenn man gerade so richtig gelacht hat und dann kommt ein Schocker, dann trifft einen das viel intensiver.” Vor allem der Ausgang des Stückes trifft. Die Mission ist also erfüllt. Der Abend war ein Erfolg, fast 400 Zuschauer sind gekommen.

Spät am gleichen Abend sind die jungen Autoren dann langsam doch müde. Und auch ein bisschen stolz. “Unser erstes Stück, das ist schon etwas Besonderes”, sagen sie und grinsen über die Bierflaschen hinweg. Ein klares Ziel hatten sie anfangs noch nicht, dafür einen Namen: Mönch Stratz & Söhne. “Da haben wir uns selbst noch nicht richtig ernst genommen.” Vielleicht tun sie das jetzt immer noch nicht und vielleicht ist das auch gut so.

Sie treten raus vor die Tür, Raphael wirft einen Blick zurück auf die unverputzte Fassade. “Sieht bisschen spießig aus von außen.” “Ich weiß”, sagt Niklas, “ist aber drinnen viel besser als man denkt.”

Text: kristin-hoeller - Foto: Christof Heinz/OH

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