Platz da!

Obwohl die Filmhochschulen voller Mädchen sind, gibt es im deutschen Fernsehen kaum Filme von Frauen. Woran liegt das? Eine Spurensuche auf der Berlinale.
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Illustration: Julia Schubert


„Wenn es so weitergeht wie bisher, dann werden unsere Töchter auch wieder hier sitzen und keine Filme machen! Das kann es doch nicht sein! Deshalb müssen wir viel fordern! 50 Prozent!“, ruft Tatjana Turanskyj in den Saal. Ihre langen dunkelblonden Haare fallen ihr ins Gesicht, die Hände hauen auf einen virtuellen Tisch. Das Publikum fängt an zu klatschen. „Genau!“, ruft eine der vielen jungen Frauen in dem völlig überfüllten Raum im vierten Stock der Kinemathek am Potsdamer Platz, eine andere bugsiert ihr Baby von einem Bein auf das andere, damit sie die Hände frei zum Applaudieren hat. Willkommen bei einer der politischsten Diskussionen der aktuellen Berlinale.

„Starke Frauen in Extremsituationen“ hatte Festivalleiter Dieter Kosslick als Motto der diesjährigen Filmfestspiele gewählt, und das ist politisch motiviert. Denn in der Filmszene rumort es: Laut einer Studie des Bundesverbandes Regie sind nur elf Prozent der Spielfilme in der Primetime (18 bis 24 Uhr) auf ARD und ZDF von Frauen gemacht, im Kino sind es 22 Prozent. Dabei waren in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich 42 Prozent der Filmhochschulabsolventinnen Frauen. An einem Mangel an Nachwuchs kann diese Ungleichheit also nicht liegen. Aber woran dann?

Der 2014 gegründete Verein "ProQuote-Regie", für den Mitbegründerin Tatjana Turanskyj an diesem Donnerstagnachmittag in der Kinemathek so energisch spricht, sagt, es liege daran, dass Frauen bei der Filmförderung diskriminiert werden. Und wer kein Budget bekomme, könne eben keine Filme machen. Der Verein fordert deshalb eine Frauenquote von 50 Prozent bei der Vergabe von Geldern aus öffentlichen Filmförderungen. Nur so könnten sich Frauen und insbesondere junge Regisseurinnen überhaupt erst in der Filmbranche etablieren und später auch größere Budgets erhalten, um beispielsweise Kinofilme zu drehen. Denn meistens scheitere es genau daran, sagt Tatjana Turanskyj: am Sprung vom Nachwuchstalent zur anerkannten Regisseurin: „Die meisten Frauen machen einen Film, nämlich ihren Abschlussfilm. Manchmal noch einen zweiten, aber dann hört es auf.“ Aus ihrer Sicht gibt es dafür zwei Gründe: „Den Kinder-Gap, da viele sagen, Regisseurin sein und Kinder haben sei schwierig. Ich kann dann nur erwidern, dass Männer auch Kinder haben und Filme machen, was soll das also für eine Aussage sein? Der zweite Gap ist, dass Frauen nach dem zweiten Film oft nicht genügend Support bekommen und dann im Filmbusiness nicht richtig Fuß fassen.“

Harald Martenstein schrieb im Tagesspiegel über die Quotendebatten satirisch, dass man dann ja auch bald eine Quote fürs Publikum einführen könne, dass dann gezwungen werde, die Quotenfilme zu sehen. Er benennt damit die Hauptangst vieler Gegner: Das Ende der Qualität. Dass zukünftig schlechtere Filme von Frauen anstatt gute von Männern gezeigt werden. Tatjana Turanskyj argumentiert dagegen: „Es wird oft gesagt, Qualität und Kunst, das passt nicht zu sammen. Ich finde das merkwürdig. Im deutschen Fernsehen läuft ja keine Kunst, da laufen Formate wie der 'Tatort' oder 'Sonntagsfilm', die nach strikten Vorgaben zusammengebaut werden, um beim Massenpublikum erfolgreich zu sein. Die meisten Filme sind also Teil einer Kulturindustrie, bei der es gut bezahlte Jobs gibt und Geld gemacht wird. Dafür braucht man ein Handwerk, das die 42 Prozent Hochschulabsolventinnen nachweislich haben.“ Die Regisseurin und Produzentin Annekatrin Hendel, die ebenfalls auf dem Podium sitzt und sagt, sie habe keine Lust, zukünftig vorgeschrieben zu bekommen von welchem Geschlecht sie wie viele Filme produzieren muss, erntet vom Publikum wütende Wortmeldungen.

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Illustration: Julia Schubert

Katharina Woll
Katharina Woll ist eine jener potenziellen Hochschulabsolventinnen, denen die Quote helfen soll. Sie studiert Spielfilm nur wenige Stockwerke über dem Saal: an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Und obwohl sie ihrer Zukunft eigentlich positiv entgegensieht, hat sie wie 260 weitere Regisseurinnen, den Aufruf für die Quote unterschrieben. Weil auch sie glaubt, dass Frauen im Filmbereich strukturell benachteiligt werden. Aber auch, weil sie bereits bei Diskussionen an der Filmhochschule Probleme bemerkt: „Bei uns gibt es freitags in der DFFB  immer eine Abnahme, bei der man den eigenen Film vorstellt und zur Diskussion stellt. Einige Frauen sitzen da oft ganz unsicher – was ja auch klar ist: Der eigene Film ist eine sehr persönliche Arbeit, die leicht angreifbar ist. Die Männer sind da viel selbstbewusster und von ihrem Werk überzeugt. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich dieses Verhalten bei der Bewerbung um Gelder fortsetzt“, sagt Katharina.


"Wenn man Erfolg hat, ist es wurscht, ob man ein Mann oder eine Frau ist"


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Illustration: Julia Schubert

Marlene Denningmann
Dass Frauen Probleme haben sollen, sich durchsetzen, lässt Marlene Denningmann als Argument nicht gelten. Die Videokünstlerin hat vergangenes Jahr ihren Abschluss an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg gemacht, jetzt muss sie sich auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen. Sie sagt: "Ich finde es schwierig, die Diskriminierung von Frauen an persönlichen Schicksalen festzumachen. Diskriminierung ist ein strukturelles Problem. Die elf Prozent Filme von Frauen zur Primetime haben das für sie bestätigt. „Als Filmemacherin ist man in einer komischen Situation: Auf der einen Seite leitet man große Teams und trifft selbstständig Entscheidungen, auf der anderen Seite bleibt man stets Bewerberin – für Förderungsgelder, Preise, Anerkennung. Für mich ist Selbstermächtigung deshalb ein wichtiges Thema. Und dazu gehört auch die Solidarität unter Frauen“, erzählt Marlene in einem Kreuzberger Café. Das Motto der diesjährigen Berlinale „Starke Frauen in Extremsituationen“ findet sie trotzdem schrecklich: „Das impliziert ja immer noch das Stereotyp, dass Frauen das schwache Geschlecht sind und man extra betonen muss, wenn es mal anders ist“, sagt Marlene. Sie arbeitet mittlerweile selbstständig, hat 2014 den Verein VETO gegründet, eine Plattform für künstlerische und Experimentalfilme.

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Illustration: Julia Schubert

Isabell Šuba
Eine, die den Durchbruch im Filmgeschäft bereits geschafft hat, ist Isabell Šuba – interessanterweise mit einem Film, über genau jenen Sexismus. Ihre Mockumentary „Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste“, bei der sie guerillamäßig eine Schauspielerin anstatt ihrer selbst zu den Filmfestspielen nach Cannes schickte, um die sexistische Glamourwelt zu entlarven, lief vergangenes Jahr in deutschen Kinos und ist nun in der Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis. Viel besser könnte es eigentlich nicht laufen. Aber auch Isabell sagt: „Wenn man erst mal Erfolg hat, ist es wurscht, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Dann wird man akzeptiert und die Leute hören einem zu. Das Problem ist eher der Weg dorthin." Bisher gab es aus ihrer Sicht in der Filmbrache kein Verständnis dafür, dass man auch Frauen in die  Netzwerke aufnehmen und mit Budgets ausstatten muss. Auf Filmpartys sei sie oft nur eine der wenigen Frauen. Durch eine Quote, so ihre Hoffnung, könnten die wichtigen Gremien gezwungen werden, die ganze Vielfalt im Filmbereich abzubilden und nicht nur den männlichen Teil.

Die Diskussion in der Kinemathek geht zuende. Auch wenn im Publikum mehr Frauen sitzen, ergreift schließlich ein junger Mann das Wort. Er sagt, er sei selber Regisseur und wolle jetzt auch mal was dazu sagen. Alle schauen ihn gespannt an: "Manche sagen, wenn man eine Frauenquote einführt, dann bräuchte man auch eine Quote für Homosexuelle und so weiter." Im Raum wird es still. Er sagt weiter: "Ich kann dann nur erwidern: Wer denkt, dass Frauen in Deutschland eine Minderheit sind, der hat auch ganz andere Sachen nicht verstanden."

Hinweis in eigener Sache: Die Autorin hat bei Pro-Quote im Journalismus unterschrieben.

Text: charlotte-haunhorst - Fotos: Johannes Louis, Alexander Merbeth, oH / Illustration: Daniela Rudolf

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