Unfassbar oft

Das Wort unfassbar hört man mittlerweile sehr oft. Vor allem dann, wenn in den Medien Jugendliche gezeigt werden. Kaum zu fassen eigentlich. Zur Geschichte eines Begriffs mit ungewisser Zukunft.
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Illustration: Julia Schubert



In Erlangen gibt es die Unfassbar. In dieser Kneipe werden nicht nur Getränke und Speisen serviert, die Besitzer sehen ihre Bar auch als den sprichwörtlichen Farbklecks in der Kneipenlandschaft der kleinen Studentenstadt. Was genau sie damit meinen, bleibt unklar; oder ist zumindest uneindeutig, wie das Wort ‚unfassbar’ selbst.  

Er sei unfassbar glücklich, ließ sich Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, zitieren, als seine Jungs in diesem Jahr das Double schafften. Mehr Glück geht gar nicht. Als vor wenigen Tagen der Hamburger Musiker Nils Koppruch verstarb, veröffentlichte seine Familie ein Statement: Man sei „unfassbar traurig“. ‚Unfassbar’ ist eine Standardfloskel, in den Konferenzen der jetzt.de-Redaktion fällt sie häufig, und ganz und gar unfassbar gut waren natürlich auch die letzten beiden Partys. „In dem Begriff ‚unfassbar’ ist meist ein gewisses Maß an Emotionalität enthalten“, erklärt Sprachwissenschaftler Nils Uwe Bahlo. „Außerdem geschieht hier eine Art Verweis auf die Zukunft.“ Wenn etwas unfassbar ist, wird man sich weiter damit beschäftigen müssen.  

Bahlo forscht am Germanistischen Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit Jugendsprache. Das Wort ‚unfassbar’ ist ihm bisher in Kochsendungen und vor allen Dingen in Castingshows aufgefallen; eben dann, wenn in den Medien Jugendliche und junge Erwachsene gezeigt werden. In der alltäglichen Jugendsprache ist das Wort dagegen laut Bahlo weniger geläufig. „Der Begriff ‚unfassbar’ drückt grundsätzlich erstmal eine Vagheit aus. Als Wertadjektiv bekräftigt es die positive oder negative Bewertung eines Sachverhalts durch den Sprecher; abhängig vom Kontext, aber auch der Aussprache“, sagt der Sprachwissenschaftler.    

‚Wir sind unfassbar’ lautet der Titel eines Buches, das ungewöhnliche Todesanzeigen vorstellt. Ohne den erkennbaren Zusammenhang wird die Problematik von ‚unfassbar’ im Kontext von Jugendsprache deutlich: „In der Jugendsprache hört man ‚unfassbar’ nicht besonders häufig. Das Wort ist zu wenig spezifisch und vor allen Dingen zu wenig greifbar für Jugendliche“, erklärt Dr. des. Bahlo. „Wenn man den Begriff im Grimm’schen Wörterbuch nachschlägt, findet man nur ähnliche Begriffe, wie etwa das Wort ‚ungreifbar’. Es kann also sein, dass das Wort ‚unfassbar’ eine Weiterentwicklung von ‚ungreifbar’ ist.“   

 ‚Unfassbar’ ist also in erster Linie ein Begriff aus den Medien, der einer Äußerung zusätzliche emotionale Qualität verleiht. Ob sich das Wort in seiner jetzigen Verwendung etablieren könnte, das kann Bahlo nicht absehen: „Die Haltbarkeit eines Begriffs in der Jugendsprache bestimmt sich nach seiner Popularität, seiner Anwendbarkeit und dem Prestigewert. Auch wenn man ‚unfassbar’ überregional kenne und es in vielerlei Kontexten anwenden könne, habe es doch nicht den Status eines allgegenwärtigen Wortes wie etwa ‚porno’“, meint Bahlo.

Auch in Duisburg gibt es eine Unfassbar. Auf dem Logo wurde das Wort ‚Fass’ durch ein Holzfass ersetzt. Vielleicht ist auch das Wort ‚unfassbar’ wie ein Fass ohne Boden. Man weiß nicht recht, woher es kommt und wohin es gehen wird. Vielleicht braucht es aber auch nur noch den sprichwörtlichen Tropfen, das eine ‚unfassbar’ zu viel, das das Fass zum Überlaufen bringt. Allzu schade wäre das nicht. Schließlich gibt es genügend Synonyme von ‚unfassbar’, die scheinbar völlig in Vergessenheit geraten sind.

Text: magdalena-pemler - Illustration: Torben Schnieber

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