Zu schön, um wahr zu sein

Alle paar Monate findet Selin ein Profil auf Facebook, das so aussieht und heißt wie ihr eigenes. Weil sie hübsch ist, werben Menschen mit ihrem Foto für Partys, flirten oder verschicken zweideutige Angebote. Vom endlosen Kampf gegen die Unbekannten.
kristin-hoeller

Selin hat wirklich schöne Haare. Und schöne Augen, überhaupt ein schönes Gesicht. Ihre Profilbilder auf Facebook zeigen die 21-jährige im Cocktailkleid mit ihrem Freund oder beim Motocrossfahren in der Wüste. Generell also ein Profil, das deutlich ansehnlicher ist als der Durchschnitt.

Heute wirbt Selin für eine Party in Augsburg. Mehrere tausend Menschen hat sie eingeladen mit ihrem hübschen Profil. Mit ihrem hübschen Gesicht, das für manche vielleicht Grund genug sein mag, heute Abend zwölf Euro Eintritt zu zahlen. Das Problem: Sie wohnt gar nicht in Augsburg, zur Party heute Abend wird sie nicht kommen. Das Profil, das ihr Gesicht benutzt, ist nicht ihr eigenes. Mal wieder.



In den vergangenen sechs Jahren sind mehr als 20 gefälschte Konten aufgetaucht, die Fotos von Selin und teils sogar ihren Namen verwenden. Von einem Profil aus flirtet jemand mit fremden Männern, jemand anders fordert seine Abonnenten auf, ihm Nacktfotos zu schicken. Selin hat damit nichts zu tun. Nur ihr Gesicht, das kennen jetzt viele.

Natürlich ist das kein Einzelfall. Obwohl Facebook keine konkreten Daten herausgibt, sind Schätzungen zufolge 140 Millionen der Facebookprofile gefälscht, verwenden also unwahre Angaben und Fotos anderer Menschen. Das ist illegal.
“Es ist untersagt, sich bei Facebook mit einem Namen anzumelden, der nicht der eigene ist”, erklärt Dr. Jan Christian Seevogel, Rechtsanwalt mit Spezialisierung auf Soziale Medien. “Und das Bild eines anderen zu verwenden, verstößt grundsätzlich gegen das Recht am eigenen Bild.”

Es gibt viele Beweggründe, ein gefälschtes Profil zu erstellen. Der einfachste davon ist sicher: Nicht jeder sieht aus wie Selin. Ihre Fotos werden von Mädchen verwendet, die vermutlich deutlich unscheinbarer aussehen als sie. Davon kriege sie meist nicht viel mit, sagt Selin.

Der Internetsoziologe Stephan Humer weiß um den Reiz, sich im Internet mit fremden Angaben zu schmücken: “Besonders junge Nutzer verwenden gern Fotos anderer. Das hat viel mit Unsicherheit und Unzufriedenheit in der Pubertät zu tun.” Die Zeit eben, in der man sich nicht so wohlfühlt mit sich selbst und vielleicht lieber aussähe wie jemand anders. Diese Absicht verschwindet nicht, wenn die Pubertät vorbei ist: Auch die Dating-App Tinder bezieht seine Fotos aus den Facebookprofilen der Nutzer – und auf Datingseiten sind schöne Fotos sicher nicht zu unterschätzen.

Problematisch wird es, wenn die Profile mit Selins Bildern eine größere Reichweite haben, wie etwa das Profil, das die Augsburger Partyreihe promotet. „Ihr seid doch alle dabei heute Abend? Ich komme auch!“ heißt es dann auf der Seite der Veranstaltung.

Klassischen Motive für gefälschte Profile: Rache, Eifersucht, verschmähte Liebe

Ein Profil schrieb, mit Fotos von ihr ausgestattet, unter ihrem Namen Männer an. Machte ihnen Komplimente, machte ihnen Hoffnungen. Einer davon meldete sich bei der echten Selin, nachdem er merkte, monatelang mit der falschen Selin geschrieben zu haben.  “Ich kannte ihn zwar nicht, aber wir hatten viele gemeinsame Freunde”, erinnert sie sich. “Sowas ist für mich und auch für meinen Freund extrem unangenehm.” Mit dem ist sie schon mehrere Jahre zusammen, und auch für ihn ist die Situation nicht immer einfach.

Im Falle des Flirtens unter fremdem Namen liegt die Ursache laut Stephan Humer anderswo. “Die klassischen Motive für gefälschte Profile im Internet sind Rache, Eifersucht und die verschmähte Liebe, ganz simpel.” Die Streitereien, die vormals auf dem Schulhof stattfanden, wechseln nun also in den digitalen Raum. “Da ist es ja auch viel leichter, Unwahrheiten in Umlauf zu bringen.”

Der Ablauf ist dann fast jedes Mal derselbe: Ein Freund macht sie auf das Fake-Profil aufmerksam, sie postet den Link dazu in ihrer Chronik und fordert alle ihre Freunde auf, das gefälschte Konto zu melden. Denn: Je mehr Nutzer den Melden-Button anklicken, desto schneller überprüft Facebook das Profil und desto schneller verschwindet es wieder aus dem Netz. Allerdings lässt sich dann auch nicht mehr nachvollziehen, wer hinter dem Profil steckt.

>>>Dann entdeckt sie ein Konto, das ihre Fotos mit zweideutigen Beschreibungen kombiniert. “Wer möchte mit mir auf diesem Bett…?”<<<

Selin selbst ist eher schüchtern. Sie lacht viel. Vergangenes Jahr hat sie Abitur gemacht, seit vergangenem Herbst studiert sie International Business in den Niederlanden. “Ich habe mich oft gefragt, warum das gerade mir so oft passiert. Aber mir fällt absolut niemand ein, dem ich Grund zum Ärger gegeben haben könnte.”

Niemand jedenfalls, dem sie das Fakeprofil vor zwei Jahren zutrauen würde. Selin ist gerade im Urlaub in der Türkei, als sie ein Konto entdeckt, das ihre Fotos mit zweideutigen Beschreibungen kombiniert. “Wer möchte mit mir auf diesem Bett…?”, steht da etwa unter einem Bild, auf dem sie auf einem Bett sitzt. Die Person, die sich als sie ausgibt, postet ein harmloses anderes gefälschtes Profil von Selin und bittet darum, es zu melden. “Hier gibt sich jemand für mich aus!”, schreibt derjenige und versucht so, sich noch realer darzustellen. Außerdem ermutigt er die Abonnenten, ihm Nacktfotos zu schicken.
Nach einer Woche hat das Profil mehr als 1000 Abonnenten.

Selin entscheidet, das Konto nicht wie sonst direkt bei Facebook zu melden, sondern zur Polizei zu gehen, sobald sie aus dem Urlaub zurück ist. Sie möchte wissen, wer dahintersteckt – auch, wenn das rechtlich gesehen nicht so einfach ist.

“Hier muss man entscheiden, ob der Vorfall strafrechtlich relevant ist”, erklärt Dr. Seevogel, ”und selbst, wenn das der Fall ist, kann es eine langwierige Geschichte werden, den Verantwortlichen zu ermitteln. Das ist zwar möglich – über den Provider der Mailadresse des Kontos etwa – ,allerdings müssen dann die Strafverfolgungsbehörden die Herausgabe der Daten des Nutzers verlangen. Die Identität des Täters ist eben auch geschützt.”

Für 190 Dollar bekommt man 1000 “Gefällt mir”-Angaben aus Mexiko

Nicht alle der circa 140 Millionen gefälschten Konten sind außerdem aus persönlichen Beweggründen erstellt worden. Es gibt Programme, die innerhalb von Sekunden tausende von Fakeprofilen erstellen können. Viele Nutzer – oft Firmen oder Prominente – zahlen Geld für die Likes auf ihrer Facebookseite, für 190 Dollar bekommt man zum Beispiel 1000 “Gefällt mir”-Angaben aus Mexiko. Die Fotos hierfür werden häufig von Facebook, Instagram oder professionellen Datenbanken kopiert, die Namen mithilfe eines Zufallsverfahrens erstellt.

Anfang März dieses Jahres löscht Facebook die ihnen bekannten gefälschten Profile. Das Ergebnis: Rihanna hat über Nacht plötzlich sieben Prozent – also sechseinhalb Millionen – Abonnenten weniger, der deutsche Rapper Haftbefehl büßt mit 80 000 Profilen sogar 9 Prozent seiner Follower ein.

Nach eineinhalb Monaten jedenfalls ist aus der Anzeige immer noch nichts geworden, die Zahl der Abonnenten aber steigt täglich. Selin meldet das Profil nun doch und stellt eine Anzeige gegen Unbekannt, die zu nichts geführt hat.

“Einige Facebook-Teams arbeiten rund um die Uhr an sieben Tagen pro Woche daran, die an Facebook gesendeten Berichte zu bearbeiten”, ist auf der deutschen Facebookseite zu lesen. Trotzdem dauerte es bis vor einiger Zeit mehrere Tage, bis das Unternehmen reagierte und die Profile mit Selins Bildern von der Seite nahm. Mittlerweile läuft der Meldeprozess bei Facebook relativ zügig ab.

Ein Luxusproblem? Nein, bedrückend.

“Es ist zwar ganz gut, dass das so schnell geht, aber im Grunde bringt mir das nichts”, sagt Selin und wirkt ein bisschen resigniert,” es kommen ja immer wieder neue Konten nach.” Das mag vielleicht zunächst nach einem Luxusproblem klingen. Ob ihr das nicht auch schmeicheln würde, wird sie oft gefragt. Weil kaum jemand versteht, wie bedrückend es sein kann, sich alle paar Monate selbst im Netz zu begegnen.

“Dieses Spiel ist so alt wie die Digitalisierung selbst”, erklärt Stephan Humer. “Unter einem falschen Namen im Netz aktiv zu sein, ist ja nicht zwingend etwas Schlechtes. Oft wird dadurch die Suche nach Gleichgesinnten erheblich erleichtert, sei es auf das große Thema Sexualität bezogen oder nur auf ein ausgefallenes Hobby.” Nur, dass man sich da eben besser einen Namen ausdenkt und nicht die Identität eines anderen übernimmt.

Selin hat lediglich ihr Profilfoto öffentlich eingestellt, alle anderen Bilder können nur von ihren Freunden angeschaut werden. Ihren richtigen Namen verwendet sie längst nicht mehr. Trotzdem: Die gefälschten Profile nutzen oft alte Bilder, die sie früher online gestellt hat und die, so glaubt sie, irgendwo zwischengespeichert sind. Sicher weiß sie das nicht.

“Früher konnte ich gar nicht darüber reden, das hat mich traurig gemacht. Und sauer, weil man ja quasi nichts in der Hand hat”, sagt sie. “Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich nicht daran schuld bin.”

Text: kristin-hoeller - Illustration: lisa-marie-prankl

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