1.600 Kilometer am Tag auf der Panamericana. Mit Biodiesel

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Wer angesichts der Schönheit Mittelamerikas nur das Gaspedal, den Kraftstoff und den Straßenverlauf im Sinn hat, ist entweder nicht ganz dicht oder hat höhere Ziele. Auf Matthias Jeschke, Kfz-Mechaniker aus Limburg und Veranstalter von Offroadreisen, und seinen Partner, den Geländewagenexperten Jörg Sand, trifft eindeutig beides zu. Unser Autor hat sie in Guatemala getroffen: Schwärzer und größer als die Augenringe von Matthias Jeschke sind nur die Reifen der drei Geländewagen, die an dieser Tankstelle im Westen Guatemalas gehalten haben. Eine örtliche Schulklasse hält unsicher eine guatemaltekische Flagge hoch, Jeschke und Jörg Sand verteilen Pressemitteilungen, schütteln geduldig Hände, winken, lächeln und wollen offenbar doch nur weiter. So schnell wie irgendwie möglich. Für den Pazifik, der keine dreißig Autominuten entfernt liegt, für die karge, grüne und wundervolle Landschaft des Landes haben sie keine Augen. Augen haben sie nur für drei Dinge: Die Uhr, die Geschwindigkeits- und die Tankanzeige.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

So sah die Route aus. Wozu das alles? Matthias Jeschke, Initiator und Anführer der Unternehmung, ist ein Getriebener. Einer, der sich und allen etwas beweisen will. Letztes Jahr hat Jeschke bereits den Höhenweltrekord für PKWs gebrochen: Er fuhr mit einem Jeep auf einen 6358 Meter hohen Berg in Chile. So hoch fuhr vor ihm noch niemand mit seinem Auto. Jeschke beschreibt seine Motivation auf einer Homepage so: „Das Leben ist zu kurz, um es nicht zu genießen!“ Für ihn bedeutet das: Extreme Dinge tun. In diesem Jahr war die Panamericana an der Reihe, sie galt es zu bezwingen, die längste Straße der Welt, die hinsichtlich Höhen-, Klima- und Beschaffenheitsunterschieden alles zu bieten hat, was man sich nur vorstellen kann. Von steinigen Schotterpisten im eisigen Alaska, über mehrspurige Autobahnen um Los Angeles bis hin zu schmalen Landstraßen im Bergland Südamerikas. Die Eckdaten der Fahrt haben viel mit Zahlen zu tun: 25.000 Kilometer Strecke, 14 Länder, 11.000 Liter verbrauchter Treibstoff. Das ist die Technik. Die Fahrer wechselten sich alle fünf Stunden am Steuer ab, geschlafen wurde im Kofferraum. Dort war mit Schaumstoff eine Liegefläche ausgepolstert. Eine anstrengende Tour also. Jeschke sieht man das nach der Hälfte der Fahrt beim Zwischenstopp in Guatemala auch an.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

So berichtete die Presse in Guatemala. Wenn Jeschke das Herz der Unternehmung ist, ist Jörg Sand der Kopf. Derjenige, der nicht allein am Geschwindigkeitsrekord interessiert ist, sondern vor allem daran, dass die 25.000 Kilometer mit Biodiesel bewältigt werden. Das ist die eigentliche Botschaft, die mit diesem Rekordversuch übermittelt werden soll: Treibstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen können Sprit aus Erdöl ersetzen. Gefahren wurden die drei Jeeps Biodiesel in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen, also auch mit Bioethanol (einem Alkohol) oder mit reinem Pflanzenöl. Tatsächlich haben die großen Mineralölkonzerne sowohl zentrale Patente als auch Ackerland aufgekauft, um im Zweifelsfall zur Stelle zu sein, wenn es gilt, neue Treibstoffe zur Verfügung zu haben. Dann, wenn das Öl irgendwann aufgebraucht ist oder zu teuer wird. Deshalb tritt Sand auf das Gaspedal. Er will die Leistungsfähigkeit der Treibstoffe aus Pflanzen beweisen. Er heizte vorbei an Schulen und Dörfern, durch die Täler in Honduras und in El Salvador, vorbei an den Vulkanen in Nicaragua. Dabei gab es freilich auch Probleme. Minus 30 Grad in Alaska, dick vereiste Straßen, tiefe Schlaglöcher, Metallstifte auf den Straßen, die die Ursache für viele Reifenpannen waren. Zudem machte schnell die hintere Federung des Führungsfahrzeugs schlapp und mit die größten „Bremsen“ waren die Landesgrenzen: Rund vier Stunden dauerten allein die Einreise nach Mexiko. Dafür gab es für das Bio-Sprit-Team einen Empfang, wie ihn sonst nur Staatsoberhäupter erleben. Die Einfahrt der Truppe ins mexikanische Navojoa begleiteten drei Polizeimotorräder, vier Polizeiwagen und sogar drei Feuerlöschfahrzeuge.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

So einer der Wagen aus, der 1.650 Kilometer am Tag zurücklegte. Im Kofferraum kann man schlafen. Am Ende, nach etwas mehr als 15 Tagen, kommen Sand, Jeschke und die sieben anderen Fahrer in Feuerland an. Sie haben den Geschwindigkeitsrekord gebrochen und werden im Guinessbuch der Rekorde stehen. Nebenbei haben sie gezeigt, dass man durch die kalten und heißen, hoch und tief gelegenen Gegenden der Welt fahren kann, mit dem, was Raps, Soja, Palmöl, Nüsse und all die anderen Quellen für Diesel aus Bioöl oder Biomasse bereithalten. Auch wenn der einzig sinnstiftende Weg, sich in die Dienste der Umwelt zu stellen, dieser ist: auf treibstoffschluckende Autos generell zu verzichten. Mehr Infos zur Panamericana-Tour und Erfahrungsberichte der Teilnehmer gibt es hier.

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