1000 km Deutschland: Tag 8

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Eine tschechische Kuh und Gero, der Kameramann frauke-finsterwalder und christian-bock erzählen von Tag 9 der 1000 km Deutschland-Tour. Tagesbericht Frauke: Wir sind gerade in Karlsbad. Hier ist es lustig. Alle Menschen laufen mit kleinen Schnabeltassen herum, an denen sie ab und zu nippen. Und die Unterhaltungen zwischen ihnen laufen so ab: „Oh, Hallo! Ich komme gerade von der Vier, jetzt muss ich zur Zwei und dann zur 15!“ –„Echt? Da können wir ja ein Stück zusammen gehen, ich muss zur 23!“ Inzwischen wissen wir, dass sich hinter den Zahlen verschiedene Quellen verbergen. Die führen zwischen 25 und 75 Grad heißes Wasser, das heilende Kräfte haben soll. Bei der Ankunft hier in Karlsbad wird man von einem Arzt untersucht, der einem dann das tägliche Quellenprogramm festlegt. Das Wasser schmeckt eigentlich ganz lecker, leicht salzig und nach Metall. Gerade eben haben wir einer Probe vom Karlsbader Symphonie-Orchester zugesehen, nachdem wir aus dem Fenster eines Hauses Musik gehört hatten. Der Dirigent war wie aus dem Bilderbuch: 72 Jahre alt, aber hinter seinem Pult ist er mit dem Dirigentenstab abgegangen wie ein Derwisch. Wahnsinn. Bevor wir nach Karlsbad kamen, führte unser Weg durch ein ehemaliges Braunkohle-Abbaugebiet. Sah aus wie die reinste Mondlandschaft. Und keine zehn Kilometer später waren wir hier, im sauberen, herausgeputzten Karlsbad. Ein krasser Kontrast zu den tschechischen Städten davor. Zum Beispiel Sokolov: Eine Plattenbau-Trabantenstadt, in der es nur Arbeitslose und Polizisten zu geben schien. Weil es uns hier in Karlsbad so gut gefällt, und weil wir noch spannende Verabredungen haben, bleiben wir heute einfach in Karlsbad. Tagesbericht Christian: Wir hatten gestern Abend sehr spannende und sehr zufällige Begegnungen. Ein User hatte uns dazu aufgefordert, nach Mölln zu fahren. Dort gab es 1992 den Brandanschlag von Neo-Nazis gegen von Ausländern bewohnte Häuser, bei dem drei Menschen starben. Wir kamen in Mölln an und wollten ein Taxi zu den Häusern nehmen. Ich bin mir sicher, dass uns der Fahrer richtig verstanden hatte, er setzte uns aber an einem völlig falschen Punkt ab. Warum, weiß ich auch nicht. Im nächsten Café wollten wir nach dem Weg fragen. Und fragten zufällig eine Frau, die in einem der beiden Häuser gewohnt hatte, auf die der Anschlag verübt wurde. Wir haben uns lange mit ihr unterhalten, dann hat sie uns zu ihrem ehemaligen Haus geführt. Während vor dem anderen der beiden Anschlagshäusern jetzt ein Denkmal steht, sind von dem Haus der Frau nur noch zwei Schuttberge übrig, auf der Fläche ist jetzt ein Parkplatz. Die Frau erzählte, für sie wäre Deutschland bis zu dem Brandanschlag die neue Heimat gewesen. Seitdem kann sie sich hier nicht mehr zuhause fühlen. Sie will zurück in die Türkei, aber ihre Kinder gehen hier noch zur Schule. Als wir danach nach einem Schlafplatz fragten, fragten wir zufällig den Mitbegründer einer Bürgerinitiative, die sich nach den Anschlägen gegründet hatten. Auf dem Weg zu dem Campingplatz erzählte er uns, dass es jetzt augenscheinlich keine rechte Szene in Mölln mehr gebe, drei Tote dafür aber ein hoher Preis seien. Der Campingplatz war sehr schräg: Nur Dauercamper mit ihren Wohnwägen, umrandet von Stiefmütterchen und Gartenzwergen. Wir haben den Altersschnitt wohl radikal gesenkt. Heute versuchen wir, per Anhalter auf einem Schiff auf der Elbe mitzufahren. Denn mein Knie hat sich entzündet, es tut weh beim gehen. Deshalb haben wir unser Ziel etwas korrigiert, wir wollen nicht mehr nach St. Peter Ording, sondern nach Bremerhafen oder Cuxhaven laufen. Wenn es mit dem Trampen klappt, kommen wir bald nach Hamburg. Hat jemand HH-Tipps? Kannst dur Frauke und Christian Tipps für ihre Reise geben? Schick ihnen doch eine jetzt-Botschaft. Das erste Wochende der 1000km Deutschland-Tour findest du hier

  • teilen
  • schließen