Eine schöne und wahre Geschichte aus meiner Heimat Meine Mutter, gebürtige Pfälzerin und nun wirklich niemand, der unverständliches Schwäbisch spricht, war in der Stadtbücherei meiner Heimatstadt Wendlingen am Neckar, 30 Kilometer südlich von Stuttgart, auf der Suche nach einem Gedichtband der doch recht bekannten Tübinger Dichterin Isolde Kurz. Sie suchte erfolglos im Katalog der Bücherei, wanderte durch die Reihen, suchte weiter und hielt irgendwann Ausschau nach einer der Bibliothekarinnen. Wenig später sprach sie die Büchereileiterin an: „Entschuldigen Sie, ich habe eine Frage ...“, begann meine Mutter. „Worum geht es denn?“, entgegnete die Leiterin. „Isolde Kurz“, antwortete meine Mutter, worauf die Dame von der Bücherei antwortete: „Die Toiletten sind unten.“ Meine Mutter war verwundert. Was um Himmels Willen hatte Isolde Kurz mit den Toiletten im Erdgeschoss zu tun? Sie wiederholte den Namen: „Ich meine: Isolde Kurz.“ Die Büchereileiterin wurde ein wenig ungehalten: „Ich sagte bereits: Die Toiletten sind unten!“ Meine Mutter verstand nichts. Warum verwies die Bibliothekarin sie auf die Toilette? Dort gab es sicherlich keine Bücher – warum auch? Stank sie etwa? Also wiederholte meine Mutter nochmals den Namen der Dichterin, langsam und deutlich: „I-sol-de Kurz“. Dann verstand die Leiterin der Bücherei die Frage –und meine Mutter alsbald auch das Problem: Was die Dame aus der Bücherei – eher auf schwäbische Anfragen als auf schwäbische Dichterinnen vorbereitet – verstanden hatte war: „I solde kurz“ – und zwar aufs Klo. Mein Mutter verkniff sich das Lachen im Lesesaal und verließ die Bücherei – denn dort gab es noch nicht einmal einen Gedichtband von: Isolde Kurz.