30 Euro für ein Leben

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Der Journalist E. Benjamin Skinner hat 2008 das Buch „Menschenhandel: Sklaverei im 21. Jahrhundert“ (engl. A crime so monstrous) veröffentlicht. Er definiert Sklaverei so, dass Sklaven durch Betrug oder Androhung zur Gewalt zur Arbeit gezwungen werden und nichts dafür bekommen außer das, was zum Überleben nötig ist – also Kost und Logis.

Offiziell bestehen seit 1981 mit dem Verbot der Sklaverei in Mauretanien in keinem Land der Erde mehr gesetzliche Grundlagen für Sklaverei. Inoffiziell funktioniert das natürlich nicht: Erst 2007 schaffte das Land erneut offiziell die Sklaverei ab, bei Verstoß drohen zehn Jahre Gefängnis.

150 Milliarden Dollar werden laut ILO-Studie (Internationale Arbeiterorganisation, einer Sondereinheit der UNO) jährlich durch Sklaverei umgesetzt – das ist etwa dreimal so viel, wie bisher geschätzt. Der größte Gewinn wird im Bereich der Zwangsprostitution erzielt: 99 Milliarden Dollar, also fast zwei Drittel des Jahresumsatzes. Der Rest, 51 Milliarden Dollar, wird durch das Ausbeuten menschlicher Arbeitskraft generiert. Die Sklaven werden zur Arbeit in der Landwirtschaft, im Haushalt oder in der Industrie gezwungen. Am verbreitetsten ist Sklaverei heute in Asien. Dort werden jährlich 51,8 Milliarden Dollar verdient. Darauf folgen schon entwickelte Volkswirtschaften inklusive der EU (46,9 Milliarden Dollar).

Die ILO-Studie nennt vor allem fehlendes Einkommen und Armut als wirtschaftlichen Grund, in die Sklaverei zu geraten. Andere Faktoren sind fehlende Bildung, Analphabetismus und Migration.

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Illustration: Julia Schubert


Zwangsprostitution fällt auch unter Sklaverei.
Sklaven sind heute extrem billig: Entsprach der Gegenwert eines Sklaven laut Skinner früher noch einem Mercedes, kriegt man ihn heute für 30 Euro. 

Sklaven freizukaufen ist der falsche Weg. Dadurch würde man das System des Sklavenhandels noch stärken, sagt der Journalist Benjamin Skinner. Stattdessen fordert er politische und soziale Veränderung. Programme zur sozialen Absicherung sollten ausgebaut und mehr Geld in Bildung und Fortbildungen investiert werden. Außerdem brauche es eine rechtsbasierte Migration und mehr Unterstützung für Arbeiterorganisationen. Neben den Regierungen müsste man auch mit Gewerkschaften und Arbeitgebern zusammenarbeiten, die ihre Lieferketten kontrollieren müssten.

Sklaven gibt es nicht nur im fernen Ausland. Laut Skinner muss man dazu nur an die tschechische Grenze fahren. An einer bestimmten Straße würden Frauen dort als Sexsklaven verkauft.

Das Justizministerium der USA schätzt, dass jährlich bis zu 17.500 Sklaven illegal ins Land gebracht werden. Befreit werden – laut Skinner – nur Hunderte.

Es gibt verschiedene Verbände und Organisationen, die sich weltweit gegen Sklaverei einsetzen. Die älteste Menschenrechtsorganisation der Welt ist Anti-Slavery International. Sie wurde 1839 als "British and Foreign Anti-Slavery Society" gegründet und ist der einzige Verband im Vereinigten Königreich von Großbritannien, der sich ausschließlich für die Abschaffung der Sklaverei engagiert. Die amerikanische Schwesterorganisation von Anti-Slavery International heißt Free the Slaves. NGOs wie diese arbeiten lokal, national und international, das heißt, sie kooperieren mit lokalen Verbänden, sensibilisieren die Bevölkerung für das Thema und versuchen, die Problematik auf die politische Agenda zu setzen. Darüber hinaus versuchen sie nicht nur Sklaven zu befreien, sondern helfen ihnen anschließend bei der Rehabilitation, klären über Rechte auf und verschaffen Zugang zu einer Umschulung oder Krediten. Diese Hilfe ist besonders deshalb wichtig, weil befreite Sklaven oft gar nicht wissen: Was soll ich essen? Wo soll ich leben? 

Zuletzt machte der Fußball Schlagzeilen mit Sklaverei: Beim Umbau des Flughafens von Rio für die WM in Brasilien wurden 111 Männer entdeckt, die aus entlegenen Landesteilen rekrutiert wurden, um unter menschenunwürdigen Bedingungen zu arbeiten. Auf der Baustelle in Doha für die WM in Katar sollen mittlerweile schätzungsweise 4000 Menschen ums Leben gekommen sein. Jeden zweiten Tag stirbt dort ein Wanderarbeiter.

Text: michel-winde - Bild: ap

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